Ja!

Natürlich muss ich ein schlechtes Gewissen haben. Nicht weil ich Leber, Niere, Lunge nach dem Ableben meines Oberstübchens partout nicht hergeben mag, sondern weil ich so lange indifferent war – so indifferent wie die meisten Deutschen beim Thema Organspende. Einerseits sind laut einer Befragung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 71 Prozent der Deutschen grundsätzlich damit einverstanden, dass man ihnen nach ihrem Hirntod Organe entnimmt. Andererseits tragen aber nur 35 Prozent der Deutschen einen Organspendeausweis im Geldbeutel mit sich herum.

Eine Mehrheit hält Organspende also prinzipiell für eine gute Sache, will sich aber nicht aktiv zu ihr verhalten. Sei es, dass man bei der Kartenzahlung im Supermarkt nicht an die eigene Sterblichkeit erinnert werden will. Sei es, weil man sich trotz der generellen Zustimmung nicht sicher ist und auch nicht sicher sein kann, was mit der Niere, die man großzügig der Allgemeinheit zur Verfügung stellt, nach dem eigenen Ableben geschieht. Ja, wenn man sich den Empfänger vorher aussuchen könnte, sähe die Sache anders aus. Denn wer würde nicht dem Sohn, der Tochter, dem Vater, der Mutter oder dem Lebenspartner ein Stück von sich überlassen, wenn es gebraucht würde? Jeder würde das tun. Wer uns im Leben der Nächste ist, der ist es uns auch danach. Das ist menschlich. Das ist Nächstenliebe: Wir lieben, was und wen wir kennen. Doch den Empfänger einer Organspende, von der wir nicht mal wissen, ob wir sie je leisten werden, kann man nicht kennen. Den gibt es nur im Konjunktiv. Wie soll ich Mitgefühl für jemanden aufbringen, der theoretisch leidet?

Ich habe es versucht, ehrlich versucht. Vor einigen Wochen war es, als ich Post von meiner Krankenkasse bekam, ein dicker Brief mit Infomaterial zum Thema Organspende. Doch mit Information hatte das wenig zu tun. Zwischen den Diagrammen und Tabellen stand unsichtbar, aber doch unübersehbar ein Vorwurf. "Du selbstsüchtiger Sack", stand da, "bist zu faul zum Spenden, willst aber selbst eine Lunge schmarotzen, wenn du mal aus dem letzten Loch pfeifst." Ich gebe zu: So von meiner Krankenkasse "informiert" zu werden war für meine Motivation zu spenden nicht förderlich.

Ich wollte den Brief schon wegwerfen, da habe ich ihn mir plötzlich vorgestellt – den Empfänger. Doch über ein Krankenhausbett, in dem unter der Bettdecke eine menschliche Gestalt auf der Seite kauert, kam meine Fantasie bis heute nicht hinaus. Die Gestalt hat kein Gesicht, keine Stimme, keine Geschichte, nur ein paar Füße, die unter der Decke rausschauen. Wer mag das sein, fragte ich mich. Warum liegt er in dem Bett? Und was will er von mir? Meine Niere? Meine Leber? Meine Lunge? Hat mein Empfänger geraucht? Getrunken? Dass er leidet, sehe ich ja. Doch ist dieses Leid nicht vielleicht auch selbst verschuldet? Und wenn ja, würde das einen Unterschied machen? Auf einmal merkte ich: Ja, es würde einen Unterschied machen – für mich! Gar nicht mehr vorstellen kann ich mir seitdem meinen Empfänger, ohne mich zu fragen, ob er weiß, was ich für ihn zu geben bereit bin. Ob er es wert ist. Ob er es verdient hat. Als stünde es mir zu, das zu entscheiden.

Seitdem schleppe ich mein schlechtes Gewissen mit mir rum. Ich habe erkannt: Auch ich will nur ein wenig Gott spielen. Ich will selbstlos sein und gleichzeitig bestimmen können, was, für wen und aus welchen Gründen mit Teilen von mir geschieht. Doch wie kann ich selbstlos sein, wenn ich versuche, die Kontrolle zu behalten, ja, wenn sowohl meine Entscheidung für wie gegen die Organspende lediglich Ausdruck ist eines anmaßenden wie lächerlichen Glaubens an eine Selbstbestimmung über den Tod hinaus? Vielleicht kommen deshalb vielen Noch-Nichtspendern die Informationsbroschüren in ihrem Briefkasten so spanisch vor: Die Broschüren wollen wissenschaftlich und objektiv sein – dabei kann man den eigenen Tod nur subjektiv sehen. Sie bombardieren uns mit Zahlen und Argumenten – und kaschieren nur eine Schrumpf-Metaphysik für eine Gesellschaft, die mit Metaphysik immer weniger anzufangen weiß.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Denn was sagen diese Broschüren wirklich? Sie sagen: Spende und verleihe deinem Tod noch einen Sinn. Spende und lass einen Teil von dir weiterleben in anderen. Faktisch stimmt Letzteres sogar. Nur macht diese Möglichkeit meinen Tod für mich nicht sinnvoller oder leichter zu ertragen. Im Gegenteil: Die Sinnüberfrachtung der Organspende macht es dem Einzelnen schwerer und nicht leichter, sich von seinen Organen irgendwann zu trennen. Damit ist niemandem geholfen, schon gar nicht meiner kauernden Empfänger-Fantasie unter der Bettdecke.

Doch wie kann ich helfen? Wie kann ich es mir leichter machen, in der Infobroschüre der Krankenkasse das Kreuz an der richtigen Stelle, bei "Ja", zu machen. Vielleicht indem ich es mir schwerer mache: Ich schaue mich im Spiegel an und denke: Wie alt ich geworden bin, seitdem ich geboren wurde. Alles an mir altert, wird grau, wird schwer, wird schwabbelig. Noch gehe ich, doch bald gehe ich am Stock. Memento mori, kennt jeder. Und doch wird manches an mir nicht schwabbelig und schwer. Und doch gibt es Dinge, die altern nicht, die haben keine Gestalt, die bleiben immer, wie sie sind. So begeistere ich mich immer noch wie in meiner Jugend für Bücher und schwarzen Humor. So liebe ich immer noch meine Frau wie am ersten Tag – und mehr.

Die Summe der alterslosen Dinge kann man Persönlichkeit nennen oder Seele. Ob von ihnen auch nach dem Tod etwas bleibt, muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich habe mich entschieden: Wenn etwas von mir ewig ist, dann das, was nicht gammelt. Meine Niere gehört nicht dazu. Sie ist ein Ersatzteil – und ich bin mehr als die Summe meiner Ersatzteile. Mag meine Niere und alles, was noch in mir schwabbelt, mal haben, wer will. Nieren machen mich so wenig aus wie meine Frisur oder die Schuhe.

Muss ich ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich meine Niere nicht hergeben will? – Nicht mehr! Ich will ja! Wer so etwas fragt, kann nur beschlossen haben, niemals zu sterben.

Raoul Löbbert

Nein, ich werde und will kein einziges Organ spenden

Nein!

Seit vier Jahren trage ich meinen Organspendeausweis mit mir. Er befindet sich im hintersten Fach der Geldbörse, zwischen Führerschein und Payback-Karte. Irgendwann kam das Ding unangekündigt per Post, und plötzlich sah ich mich gezwungen, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Ich kritzelte also mit Kuli auf das orangene Plastik meinen Namen, meine Adresse und kreuzte das vorletzte Feld an: "Nein, ich widerspreche einer Entnahme von Organen oder Geweben."

Damit ist für mich alles gesagt, was es zu dem Thema zu sagen gibt. Kein "Wenn und Aber", kein "Nur meine Nieren, aber nicht mein Herz" und erst recht nicht ein "Fragt mal meine Eltern, wenn ich hirntot bin". Niemand muss um mein Krankenhausbett stehen und rumrätseln, welches Organ ich wohl abgeben würde.

Die Antwort gebe ich bereits zu Lebzeiten: Ich will und werde kein einziges Organ spenden. Und an diesem klaren Nein gibt es nichts zu rütteln. Es gibt viele Gründe, eine Organentnahme zu verweigern. Die meisten Menschen plagt die Sorge, dass die Ärzte sie zu schnell aufgeben würden, wenn sie als Organspender registriert sind. Diese Furcht, nicht alle lebensrettenden Maßnahmen zu erhalten, ist riesig.

Im Netz tauschen sich Gegner und Befürworter aus. Auf dem Portal Organpaten.de, betrieben von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), schreibt beispielsweise ein Nutzer: "Die Angst, dass man mit einem Organspendeausweis von einem Notarzt im Notfall zu früh aufgegeben wird, ist meiner Meinung nach nicht unbegründet. Auch Ärzte sind Menschen und können aufgrund privater Hintergründe im falschen Moment eine Kurzschlussreaktion haben." Dass mich jemand wegen diesem Plastikkärtchen eher sterben lässt, kann ich nicht glauben. Das halte ich für Schwachsinn. Wo bleibt da bitte das Vertrauen ins deutsche Gesundheitssystem? Ich teile auch nicht die Verschwörungstheorien vieler, dass die Organe heimlich für viel Geld auf dem Schwarzmarkt verscherbelt werden. Wobei zahlreiche Krankenhausskandale, in denen bei der Organspendevergabe manipuliert wurde, in den letzten Jahren für Misstrauen gesorgt haben. Meine Beweggründe sind weniger theatralisch: Ich will schlichtweg in Würde sterben. Das heißt: nicht als Ersatzteillager. Ich will nicht ausgenommen werden wie ein altes Auto, kurz bevor es für immer verschrottet wird. Den Gedanken, dass ich im Sterbeprozess auf meine biologische Verwertbarkeit hin überprüft werde, finde ich grausam und unheimlich. Denn der Hirntod ist ein Zustand des Sterbens, nicht des Totseins. Puls, Körperwärme, ein Brustkorb, der sich hebt und senkt, all das ist noch da. Ich verstehe orthodoxe Juden, die sagen: Tot ist der Mensch dann, wenn das Herz nicht mehr schlägt.

Dabei geht es weniger um die Angst, dass ich bei der Entnahme ohne Narkose doch etwas spüren, dass ich vielleicht sogar Schmerzen haben könnte, sondern vielmehr um den Wunsch nach körperlicher Unversehrtheit. Sollte ich bei einem Autounfall oder Hausbrand ums Leben kommen, stehen die Chancen schlecht. Aber wenn irgendwie möglich, wünsche ich mir nichts mehr, als so zu gehen, wie ich gekommen bin. Das heißt, mit all meinen Organen, die Gott mir gegeben hat. Das ist für mich der natürliche Kreislauf. Das ist die Selbstbestimmtheit, die ich mir als Mensch nicht nehmen lassen will.

Muss ich deswegen nun ein schlechtes Gewissen haben? Bin ich egoistisch? Die Organspende wird immerhin auch von der katholischen Kirche als Akt der Nächstenliebe bezeichnet. Doch nachdem Papst Franziskus in seinem letzten Schreiben ans Gewissen appelliert hat, höre ich auf meins. Und das sagt mir ziemlich deutlich: Es gibt Menschen auf der Welt, denen würde ich nicht einmal in der Kneipe ein Bier ausgeben wollen, geschweige denn ihnen also eine Niere schenken. Denn auf den Empfänger hat man als Spender keinen Einfluss. Selbst wenn ich hirntot wäre und meine Schwester einen Lungenflügel bräuchte, würde sie ihn nicht erhalten, wenn sie nicht auf Platz eins der Warteliste stünde.

Die Vorstellung also, dass jemand Fremdes mit meinen Organen weiterlebt, ängstigt mich ungemein. Dass ich gestorben bin, aber einzelne Teile von mir weiterexistieren, erscheint mir wie eine Idee aus einem Science-Fiction-Film. Auch für meine Angehörigen wäre es kein Trost, denn es suggeriert ihnen: Sie lebt irgendwie weiter. Wie schwer es für die Familie sein kann, zeigt der Beitrag eines Users namens Tom auf dem BZgA-Portal. Er schreibt: "Meine Frau hat vor drei Monaten gespendet. Einmal alles: Lunge, Herz, Nieren, Leber, Bauchspeicheldrüse. Ich musste sie zum Ausschlachten freigeben. Ich lief neben ihrem Bett, über einen dunklen Gang im Krankenhaus, nachts, allein. Vor der OP-Tür endete unsere Ehe. Seitdem kam nichts, kein Brief mit Floskeln, keine Postkarte mit nur einem Wort, z. B. ›Danke‹. Keiner der sechs Empfänger oder sonst wer ahnt, was ich da getan hab, oder denkt drüber nach. Sterben ist leicht, Weiterleben ist schwer."

Die Aussage mancher Menschen "Wenn ich tot bin, ist mir alles egal" erscheint daher befremdlich. Das nennt sich dann Gleichgültigkeit und nicht Nächstenliebe. Auch dem Tode sollte Respekt gezollt werden. Insofern mag es gar mein christlicher Glaube sein, der mich just daran hindert, Seele und Körper als zwei Dinge anzusehen, die voneinander getrennt werden können. Vielmehr sollte das Ziel sein, bereits zu Lebzeiten gute Dinge zu vollbringen und anderen Menschen zu helfen, die Unterstützung brauchen. Nur in seinen letzten Stunden selbstlos zu handeln ist scheinheilig. Und doch kreisen bei der Organspende die Gedanken letztlich um diejenigen, die sich im Wartezustand befinden. Es geht primär um die Lebenden, nicht um die Sterbenden.

Ich bin nicht herzlos gegenüber den Menschen, die krank sind und ein neues Herz brauchen, aber meins, das kann ich ihnen nicht schenken. Ich wünschte, ich könnte über meinen Schatten springen. Doch die persönliche Moral hält dem gesellschaftlichen Druck stand, zu groß ist das Unbehagen. Umso mehr sind diejenigen zu bewundern, die auf dem Organspendeausweis die erste Option angekreuzt haben: Ja, ich spende alles. Ihnen ist eine kollektive Dankbarkeit entgegenzubringen. Ich selbst kann mir ein Leben mit einem fremden Organ nicht vorstellen. Es würde sich ebenfalls falsch anfühlen. Insofern ist die Forderung mancher, dass nur diejenigen empfangen dürfen, die auch spenden wollen, verständlich. Es scheint konsequent: Wer nimmt, der soll auch geben. Und wer gibt, der darf nehmen. Eine Lunge, eine Niere oder ein Herz. Dass man im Notfall gegebenenfalls selbst kein Fremdorgan annehmen will, dafür gibt es auf dem Organspendeausweis übrigens keine Ankreuzoption. Diese Entscheidung scheint wohl zu abwegig.

Laura Díaz