Frage: Warum können wir oder unsere Hinterbliebenen unsere Organe nicht verkaufen?

Eberhard Schockenhoff: Der Mensch kann alles verkaufen, aber nicht sich selbst, auch nicht teilweise. Ein Organ ist nichts, das wir wie ein Ding besitzen und frei am Markt veräußern können. Der Leib ist das Medium, in dem die Person sich darstellt, der Schutzraum der Freiheit. Diese zugegeben paternalistische Einschränkung dient der Freiheit und dem Schutz der Personenwürde.

Frage: Wenn der Leib unantastbar ist, warum darf ich dann eine Niere spenden? Das beste Mittel gegen knappe Güter ist ein freier Markt, lautete unser wirtschaftliches Credo. Warum gilt es für den Markt der Organe nicht?

Schockenhoff: Weil der Mensch ein Subjekt ist, eine verantwortliche Person. Die Organe stehen zu dieser Person in einem anderen Verhältnis als die Güter, die Menschen produzieren. Zudem lauert hier eine Missbrauchsgefahr. Schon das weltweite Organhandelsverbot greift nur lückenhaft. In China werden Organe von Menschen entnommen, die zum Tode verurteilt sind. Und es gibt Nachrichten, nach denen Schleuser Flüchtlingen Organe entnehmen lassen und sie teuer verkaufen. Auf der Empfängerseite müssten Menschen wohlhabend sein, um sich ein Organ leisten zu können. Das widerspricht unserem Grundsatz, dass jeder die medizinische Versorgung erhalten soll, die er braucht.

Frage: Ist das soziale Argument stichhaltig? Wer seine Leber nicht bezahlen kann, dem könnte die Krankenkasse helfen.

Schockenhoff: Es gibt den Vorschlag zu einem regulierten Markt, auf dem nur die Kassen als Käufer auftreten dürfen. Solche Marktregulierungen sind unserem Wirtschaftssystem allerdings fremd. Der entscheidende Grund dagegen ist aber, dass die Leiblichkeit für das Personsein des Menschen konstitutiv ist.

Frage: Auch in Europa sollen Ärzte prominenten Patienten Vorteile auf der Organwarteliste verschafft haben. Das hat die Spenderbereitschaft drastisch gesenkt. Ist unser System weniger anfällig?

Schockenhoff: Die beteiligten Ärzte haben Akten manipuliert und Patienten kränker dargestellt, als sie waren, und damit ihre Prognose positiver als vertretbar dargestellt. Es gibt aber keine Hinweise darauf, dass der soziale Status eine Rolle spielte.

Frage: Krankenhäuser klagen, dass sie zu wenig Geld für die Organentnahme bekommen. Deshalb melden haben melden sie kaum Spenderorgane. Kommt das erschwerend hinzu?

Schockenhoff: Die Meldepflicht der Krankenhäuser wird tatsächlich nicht lückenlos erfüllt. Sie haben keinen Vorteil, wenn sie Organe melden. Das Transplantationsteam, das dann in Eile tätig werden muss, bringt den Operationsplan durcheinander. Das Krankenhaus muss eigene Operationen verschieben, vielleicht Nachtschichten fahren und bleibt auf den Mehrkosten sitzen. Hier muss man eine Regelung finden. Aber das kann nicht dadurch geschehen, dass man Organe zum Kauf freigibt.

Frage: Der US-Bundesrichter Richard Posner hat für den freien Organhandel plädiert. Unsere Moral mache die Sache bloß kompliziert und vermindere die Zahl der Spenderorgane.

Schockenhoff: Wir stehen an der Grenze zwischen Tod und Leben. Da kann eine moralische Deregulierung nicht der richtige Weg sein. Wer zu mehr Spenderorganen gelangen will, muss an die Einsicht der Bevölkerung appellieren und ihnen die Ziele der Transplantationsmedizin erklären, einschließlich der moralischen Gründe. Wer die freiwillige Zustimmung durch technische Regelungen ersetzt, vergrößert nur die Skepsis in der Bevölkerung.

Frage: Eine Studie der Hamburger Universitätsklinik hat ergeben, dass viele Herztransplantationen wie künstliche Hüftgelenke vorschnell angeboten werden. Liegt darin eine Gefahr?

Schockenhoff: Die Gefahr besteht. Es ist ein Systemfehler in der Finanzierung der Krankenhäuser, dass sie durch die "Fallpauschalen" Erträge erzielen können, auch wenn eine Behandlung nicht indiziert oder medizinisch unmittelbar erforderlich ist. Wo es um Transplantationen geht, die großen Nutzen stiften können, weil andere Patienten dringend auf Organe angewiesen sind, wäre das ethisch nicht zu rechtfertigen. Doch in welchem Ausmaß das geschieht, kann ich nicht beurteilen. Sie werden im Gesundheitssystem nie eine Finanzierung finden, die immun gegen Missbrauch ist. Deshalb müssen wir auf die Integrität der Menschen setzen, die in diesem System arbeiten.