Bevor er selbst einen Säugling oder ein Kind osteopathisch behandelt, macht Ropohl eine gründliche neuroorthopädische Untersuchung. Ist der Befund auffällig, fertigt er im Zweifel erst ein Röntgenbild an. So will er ausschließen, dass ein Problem an den Knochen vorliegt, das sich durch osteopathische Manipulation noch verschlimmern könnte. Allerdings setzt Ropohl das Kind damit einer, wenn auch geringen, Strahlenbelastung aus. "Wenn die Eltern das Röntgenbild ablehnen, behandle ich das Kind impulsfrei", sagt er. "Das bedeutet in erster Linie, dass ich mit den Händen keinen starken Druck ausübe." Dazu muss man wissen, dass eine Manipulation mit Druck auf die Halswirbelsäule dazu führen kann, dass gehirnversorgende Blutgefäße einreißen. Das passiert zwar sehr selten, der Wissenschaftliche Beirat der Bundesärztekammer warnte aber in einer Stellungnahme zur Osteopathie bereits im Jahr 2009 davor.

Doch woher sollen Eltern wissen, an wen sie mit ihrem Kind geraten? Keine staatliche Stelle schreibt den osteopathischen Schulen in Deutschland vor, was sie ihre Auszubildenden lehren. Heilpraktiker oder Physiotherapeuten erhalten keine vollständige medizinische Ausbildung. Sie sind deshalb mit den wichtigen Differenzialdiagnosen oftmals nicht vertraut, also mit ernsthaften Krankheiten, die sich hinter dem Weinen oder der Fehlhaltung eines Säuglings verbergen könnten.

Im Fachjournal Klinische Pädiatrie berichteten Ärzte der Medizinischen Hochschule Hannover im Dezember 2009 von zwei Kindern, die als Symptom eines Hirntumors unter anderem eine Schiefstellung des Halses entwickelten. In beiden Fällen wurde das Warnzeichen von Osteopathen als sogenanntes KiSS-Syndrom interpretiert, eine osteopathische Diagnose, deren Existenz umstritten ist. "Die notwendige Diagnostik und Therapie wurde über Monate hinweg verzögert", schreiben die Autoren.

Natürlich sind das Extremfälle, natürlich kann auch ein schulmedizinischer Kinderarzt einen Tumor übersehen, ein gut geschulter Osteopath eine Veränderung ertasten, die der Kinderarzt gar nicht wahrgenommen hätte. Aber so, wie das System hierzulande beschaffen ist, muss man mit Fällen wie den oben geschilderten rechnen. Vor allem dann, wenn Eltern mit ihren Säuglingen in Erwartung einer "sanfteren Medizin" direkt zum Osteopathen gehen, ohne vorher beim Kinderarzt wenigstens vorbeizuschauen.

Einige Osteopathen sind sich des Problems zumindest teilweise bewusst. Christoph Bäumer ist Facharzt für Orthopädie und Osteopath in Hamburg-Blankenese und sagt: "Behandlungen mit allen Techniken, also auch osteopathischen, sind nur gut, wenn sie auch gut gemacht werden." Eltern sollten ihren Kinder-Osteopathen nach seiner Ausbildung fragen. Eine gute kinderosteopathische Schulung "dauert im Anschluss an die meist drei- bis fünfjährige Grundausbildung zum Osteopathen noch einmal zwei Jahre, mit universitärem Masterabschluss drei Jahre", sagt Bäumer.

Warum aber laufen die Eltern in Scharen zu den Kinder-Osteopathen? Vielleicht sollte man sich in den Berufsverbänden der Kinder- und Jugendärzte darüber Gedanken machen. Offensichtlich fehlt vielen Eltern etwas in der Schulmedizin. Dass man sich für sie Zeit nimmt, ihnen zuhört und ihre Sorgen ernst nimmt. Auch wenn dem Kind aus medizinischer Sicht eigentlich nichts fehlt.

* Die Namen aller Mütter und Kinder sind geändert

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