Alfred Dorfer © Peter Rigaud

Zwei neue Volkssportarten haben sich seit einiger Zeit in diesem Land eingebürgert. Die eine heißt Pokémon Go; so nennt sich bekanntlich die Modeerscheinung der mobilen Monsterjagd, der Jung und Alt massenweise erliegt. Bei der anderen breitenwirksamen Betätigungsform geht es darum, den Bundespräsidenten immer wieder nur deshalb neu zu wählen, weil das löbliche Kollegium des Verfassungsgerichtshofs fortwährend etwas am Procedere herumzumäkeln hat. Bei Pokémon Go versucht das Volk kleine hässliche Wesen, die so gelb sind wie die Gier und der Neid, zu fangen. Bei der anderen Sportart bemühen sich ein grünes und ein blaues Männchen, möglichst viele stimmwillige Wesen aus dem Volk einzufangen. Man kann nun darüber diskutieren, welches der beiden Spiele lustiger ist und welches den Intellekt mehr unterfordert. Fest steht, dass beim Monsterfangen eine kollektive Infantilisierung erst durch das Spiel entsteht. Beim Stimmenfangen ist kindisches Verhalten hingegen die absolute Grundvoraussetzung. Bei diesem Bewerb für zwei Soloathleten kann es aber durchaus auch zu Hilfestellungen aus dem Publikum kommen – etwa die Wahlempfehlung, welche die leibhaftige Unschuldsvermutung, die einmal der Sonnenjunge der österreichischen Politik war, nun für den blauen Faserschmeichler abgegeben hat. Ein Bärendienst, meinen viele. Das stimmt aber nicht, denn diese beiden Herren vereint, dass sie jeder auf seine Weise Integrität sehr eigenwillig interpretieren. Die Jagd nach den garstigen Monstern bietet jedoch gegenüber dem monströsen Fang-die-Hofburg-Game einen gewaltigen Vorteil: Sie ist gratis. Abgesehen von etwaigen neurologischen Irritationen, die durch ausufernde Spielpraxis entstehen könnten. Die erfreulichste Meldung kommt leider erst zum Schluss. Das Ergebnis der Bundespokémonwahl wird diesmal nicht in den Redoutensälen verkündet. Aus Kostengründen wird dieses stimmungsvolle Ereignis "in kleinerem" Rahmen stattfinden, wie es so schön heißt. Je nachdem, wem letztlich das Amt des Staatsoberhauptes zufällt, wird der finale Akkord entweder in einem Biosupermarkt oder an einem Schießstand ertönen. Gerüchtehalber soll die Bekanntgabe des Endergebnisses überdies auch als Zusatz-App zu den Pokémon Go dazugeladen werden können. Vielleicht findet dann Politik künftig überhaupt nur mehr als Smartphone-Event statt. "Wir werden uns noch wundern, was alles möglich ist", wie ein großer Österreicher vor gar nicht so langer Zeit prophezeit hat.