Ich erinnere mich an den Militärputsch von 1980. Ich war noch ein Kind. Mein älterer Bruder, 21 Jahre alt und Student, weckte mich und sagte: "Die Armee hat die Macht an sich gerissen. Womöglich kommen sie, um mich zu verhaften." Ich lief in den Garten und sah, wie mein Vater Bücher verbrannte. Politische Bücher, Romane, Gedichtbände. Es war eine kleine Stadt in der Zentraltürkei in der finstersten Nacht. Aber es war leicht zu erahnen, dass in vielen Häusern die Menschen alles loszuwerden versuchten, was man hätte gegen sie verwenden können, besonders Bücher.

Am 15. Juli war etwas anders. Es kam abends zum Putsch, als die Leute von der Arbeit nach Hause kamen und fernsahen. Auch ich war zu Hause, es war Schlafenszeit für meinen kleinen Sohn. Mir fiel ein Hubschraubergeräusch auf. Etwas Seltsames müsse im Gange sein, sagte ich zu meiner Frau. Ich schaltete Fernseher und Internet ein. Es hieß, Soldaten hätten die Bosporusbrücke gesperrt. Ein Putsch? Zu dieser Tageszeit? Heute wissen wir Genaueres. Offenbar hatten die Verschwörer angepeilt, die Macht am Samstag um drei Uhr morgens zu ergreifen, wie es die Tradition will. Als ihnen klar wurde, dass der Geheimdienst Bescheid wusste, entschlossen sie sich, früher zu handeln. Sie verstießen gegen das traditionelle Putsch-Timing, deshalb konnten sie nur verlieren.

Erdoğan missachtet das Volk, wenn es ihn nicht unterstützt

Präsident Erdoğans Anhänger skandieren auf den Straßen religiöse Parolen und fordern die Todesstrafe (Erdoğan sagt, er stimme dem "Willen des Volkes" zu). Obwohl er gerade einen Putschversuch überlebt hat, wird er immer noch von dem Gespenst namens Gezi-Park heimgesucht. Die Proteste gegen die Zerstörung des Parks sind drei Jahre her, aber er kann sie nicht vergessen. Nur zwei Tage nach dem Putschversuch sagte er, nun werde er sich des Parks entledigen und darauf "historische" Militärbaracken errichten. Er glaubt, er könne die Vergangenheit wiederherstellen, indem er eine Kaserne rekonstruiert, die vor hundert Jahren dort stand. Ein vielsagendes Sinnbild: Der Überlebende eines Militärputsches will im Herzen der Stadt "Militärgebäude" errichten! Er missachtet den "Willen des Volkes", den Gezi-Park zu erhalten, wenn dieses Volk nicht aus seinen Unterstützern besteht.

Als Reaktion auf den Putschversuch hat die Regierung 15 Universitäten geschlossen, 1.043 Schulen, 1.299 Stiftungen, 19 Gewerkschaften und 35 Privatkliniken. Auf Anordnung der Regierung sollen 1.577 Dekane aller Universitäten zurücktreten. Über hundert Medien wurden eingestellt, darunter 45 Zeitungen, 16 Fernsehkanäle, drei Nachrichtenagenturen, 15 Magazine und 29 Verlage. Mehr als 20.000 Menschen sind verhaftet worden. Die Pässe von etwa 50.000 Leuten wurden für ungültig erklärt. Die Regierung erlässt Dekrete, um Armee und Geheimdienste unter Erdoğans Kontrolle zu bringen. Alles läuft darauf hinaus, eine Ein-Mann-Herrschaft zu errichten, und man versteht, warum Erdoğan den Putschversuch in seiner ersten Pressekonferenz als "Gottesgeschenk" bezeichnet hat.

Der Gegenschlag trifft nicht nur angebliche Gülenisten, sondern zielt auch auf linke, demokratische Institutionen. Der Gewerkschaftsbund der Beschäftigten im öffentlichen Dienst (KESK), ein offenkundig demokratischer Verband, gab bekannt, dass 159 seiner Mitglieder nach dem Putsch gefeuert wurden. Der Vertrieb des beliebten Satiremagazins Leman wurde gestoppt, weil es sowohl den Putsch als auch die AKP-Regierung kritisiert hatte. Der Menschenrechtsanwalt Orhan Kemal Cengiz und der linke Journalist Bülent Mumay wurden festgenommen. Eine Überraschung war auch die Verhaftung von Hilmi Yavuz. Der Achtzigjährige ist einer der größten Dichter in türkischer Sprache.

Alle sind sich einig, dass ein Putsch Unheil bedeutet. Aber wenn es um die Maßnahmen der Regierung geht, schauen manche Leute einfach weg. Sie beachten die willkürlichen Verhaftungen, die Hexenjagd, die Misshandlungen nicht. Es kümmert sie nicht einmal, dass Kommunalpolitiker jetzt, gedeckt durch den Ausnahmezustand, Unternehmen umweltschädliche Tätigkeiten durchgehen lassen, indem sie die zuvor verpflichtenden Rechenschaftsberichte über Auswirkungen auf die Umwelt unterdrücken.

Nach dem Putschversuch setzte die Regierung die Europäische Menschenrechtskonvention außer Kraft und dehnte die Untersuchungshaft auf dreißig Tage aus. Vorher waren es zwei Tage. Beides zusammen bedeutet, dass gefoltert wird, daran besteht kein Zweifel. Wir haben solche Methoden in unserer Geschichte oft erlebt.