Nur Augen für den Rucksack © Pietro D'Aprano/Getty Images

Rucksackverbote für Festivals und Konzerte – und jetzt noch ein Rucksackverbot fürs Oktoberfest? Gut, dachte man, die Leute sind eh schon so entstellt durch Promille und Haxenverzehr. Wenn sie einen dann nicht mit einem gepanzerten Rücken zusammenrempeln, umso besser. Die Idee kam aber leider auf als Reaktion auf den Amoklauf von München und den Selbstmordanschlag in Ansbach. Beide Täter trugen Rucksack, transportierten in ihrem Gepäck Munition und Sprengsätze.

Der Rucksack war mal ein Lifestyle-Accessoire. In den Achtzigern musste er sportlich sein, in den Neunzigern affektiert (siehe die Mini-Rucksäcke, die Prada für das Sex and the City- Publikum entwarf). In den nuller Jahren kamen die Silicon-Valley-Leute und stopften Laptops in ihre Backpacks, und wer keinen Laptop hatte, nahm eben Yogasachen oder die neueste Ausgabe der taz. Was man so mit sich herumtrug als aufgeklärter, politisch korrekter Städter.

Heute fahren die meisten in der City Fahrrad, da ist der Rucksack praktisch. Man hat beide Hände frei und kann sagen: Klar ist das irre, 900 Euro für einen Hermès-Rucksack, aber eine Aktentasche? Wo soll ich die denn hinpacken, mein Fixie hat doch keinen Gepäckträger.

Die Zeiten, da man als Kind herumlief wie ein Tornister auf Beinen, sind vergessen, auch wenn der Rucksack anscheinend nicht vergessen hat, dass seine Grundbestimmung ist, den Träger lächerlich zu machen. Erwachsene Männer, die einen Backpack mit beiden Riemen schultern, wirken wie der Betriebstrottel, dem Mami noch die Butterbrote schmiert. Die meisten tragen den Rucksack deshalb an nur einem Riemen. Davon kriegt man allerdings einen Haltungsschaden. Sicher gibt es einen Zusammenhang zwischen Rucksackliebe und dem Aufstieg des Osteopathen zum Trendberuf.

Auch die Eliten entdeckten den Backpack als Accessoire. Boris Johnson trägt Rucksack, beinah bis zum Nacken hochgezurrt, und man fragt sich, wie eine Nation das aushält, die den Dandy erfunden hat. Bei Yanis Varoufakis und seinem Amtsnachfolger, dem griechischen Finanzminister Euklid Tsakalotos, gehört der Backpack zur Grundausstattung. Womöglich ist das eine dramaturgische Entscheidung. Es sieht cooler aus, einen Antrag auf Rettungsmilliarden zerknautscht aus einem Nylonsack zu ziehen, als ihn aus dem Innenfach einer Aktentasche zu fingern.

Wenn Bankchefs Rucksack tragen, wirkt das immer ein bisschen zynisch. Anshu Jain, der ehemalige CEO der Deutschen Bank, war meistens mit einem schwarzen Backpack unterwegs, er wollte vielleicht liberal scheinen und modern, aber irgendwie dachte man immer, dass da Lösegeld drin ist oder die Beute aus einem Überfall. Oder einfach ein Batzen Hunderter für ihn als Erinnerung, dass Geldwirtschaft mehr ist als das virtuelle Hin und Her von Finanzströmen.

All das wirkt nun harmlos in Anbetracht der Terroristen und ihres tödlichen Gepäcks. Der Rucksack ist jetzt befrachtet mit Angst und Ideologie. Vielleicht werden manche Hersteller ihr Design überdenken. Das Modell Kånken von Fjällräven zum Beispiel sieht in seiner Kastenform aus wie eine mit Nylon überspannte technische Apparatur. Keine schöne Assoziation.

Man wünscht sich, es hätte den Aktenkoffer erwischt. Der sah immer so zwanghaft aus, und man hätte schreiben können: Terroristen sind die Buchhalter des Bösen, aber ihre Rechnung wird nicht aufgehen.