Der Wille zur Kreativität ist bei den deutschen Reedern, sagen wir: ein wenig unterschiedlich ausgeprägt. Mangelnden Gestaltungswillen kann man der Branche im Allgemeinen ja nicht vorwerfen. Geht es um raffinierte Steuersparmodelle oder das Eintreiben staatlicher Subventionen – da hatten und haben die Schiffseigner durchaus einige Ideen, die sie auch durchzusetzen wissen. Zum Beispiel die, dass der Staat ihnen die Lohnsteuer für ihre Seeleute erlassen soll, und zwar komplett.

Auch was die Digitalisierung betrifft, sind die Reeder, ganz entgegen den Klischees, durchaus aufgeschlossen. Das zeigt die jüngste Branchenstudie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PWC: Zwei Drittel der befragten Reeder glauben, dass Google und Co. künftig technische Dienstleister für Transportunternehmen sein werden. Mehr als jeder zehnte hält es für vorstellbar, dass Amazon und andere einmal selbst Frachter betreiben. Und dass in absehbarer Zukunft führerlose Schiffe über die Weltmeere fahren, glaubt sogar jeder vierte. Der Grund: Man spart noch mehr Geld fürs Personal.

Ein anderes Zukunftsthema hingegen regt die Fantasie der Reeder wesentlich weniger an: der Umweltschutz. Zwar gehen laut PWC-Studie fast alle davon aus, dass der Staat seine Auflagen in Zukunft weiter verschärft. Nur ist die Lust, sich über den gesetzlichen Zwang hinaus mit Umweltschutz zu beschäftigen, nicht besonders groß. Das zeigt das Beispiel LNG.

LNG ist ein Flüssiggas, mit dem Schiffe angetrieben werden können, ohne dass dabei Feinstaub oder Ruß entsteht. Dazu werden wesentlich weniger Kohlendioxid und Stickoxide ausgestoßen als bei herkömmlichem Schiffsdiesel.

Dennoch glauben zwei Drittel der Reeder, dass LNG in den kommenden Jahren eine eher geringe oder gar sehr niedrige Bedeutung haben wird. Eines der Hauptargumente gegen den umweltfreundlichen Treibstoff lautet seit Jahren, dass es nicht genug LNG-Tankstellen gibt. Warum also den ersten Schritt tun und die Flotte umrüsten, wenn sie dann nicht betankt werden kann? Die Politik, so heißt es deshalb oft, müsse LNG mehr fördern. Zum Beispiel, indem der Staat für Tankstellen sorgt oder, wie im Hamburger Hafen, Rabatte für LNG-Schiffe gibt.

Die aktuelle Befragung zeigt nun allerdings, dass viele Reeder nicht einmal das wollen. Womöglich aus Angst, dass es dann tatsächlich keine Ausrede mehr für eine Umrüstung gibt. Manche Reeder gaben explizit zu Protokoll, warum sie ganz grundsätzlich gegen das saubere Gas sind: "Weil es keiner bezahlen kann."

Will heißen: Wer, wie derzeit viele Reedereien, kein Geld verdient, kann sich Umweltschutz nicht leisten. Das würde man sogar verstehen, hätte dieses Argument umgekehrt auch mal gegolten. Nur: Hat in den fetten Jahren jemand gesagt: Wir schwimmen im Geld, da können wir unsere Steuern ruhig in Deutschland zahlen oder gar in Umweltschutz investieren?

Dass der Einfallsreichtum der Branche nun ausgerechnet beim Thema Umweltschutz aufhört, ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Armutszeugnis.