Erdmännchen, Lemuren, Nasenbären, das sind die Bewohner einer Luxusfarm, die zwischen grünen Hügeln fünfzig Kilometer südöstlich von Prag liegt. Mit europäischen Fördergeldern entstand dort ein Ausflugsziel mit Minizoo, Reithalle, Konferenzräumen, einem Hotel und einem Restaurant, in dem eine Vorspeise etwa zehn Euro kostet, so viel wie anderswo in Tschechien drei Gänge. "Storchennest" heißt die Farm am See. "Eine Investition in Ihre Zukunft", steht auf einer Infotafel neben der Einfahrt, die von zwei Sicherheitsleuten bewacht wird. Das Schild verweist auf die knapp 1,6 Millionen Euro, die aus Brüssel in das Projekt geflossen sind. Das Geld stammt aus einem Fördertopf für kleine und mittlere Unternehmen. Tatsächlich gehört die Farm jedoch zum Firmenimperium eines Mannes, der ganz sicher kein Kleinunternehmer ist: Andrej Babiš ist Milliardär – und seit 2014 tschechischer Finanzminister.

Dem 61-jährigen Babiš gehört der Konzern Agrofert, zu dem etwa 250 Unternehmen in 18 Ländern zählen: Chemiewerke, Hühnermastanlagen, Fleischfabriken, Firmen für Landwirtschaftstechnik, Forstbetriebe. Der Gesamtumsatz im Jahr 2014 liegt bei mehr als 6 Milliarden Euro. In Deutschland beschäftigt Babiš alleine in den Stickstoffwerken Piesteritz in Sachsen-Anhalt und in der Großbäckerei Lieken knapp 4500 Mitarbeiter. In Tschechien gehören Babiš auch zwei wichtige Tageszeitungen und ein Radiosender.

In gewisser Weise ist Babiš die tschechische Antwort auf Donald Trump – mit dem Unterschied, dass Babiš schon am Ziel ist. Geschickt nutzte er für seinen Aufstieg die weit verbreitete Empörung tschechischer Wähler über das politische Establishment. Die Wut erreichte vor drei Jahren einen Höhepunkt, nachdem Angehörige vermummter Antikorruptionseinheiten den Regierungssitz gestürmt und ein bizarres Korruptions- und Spitzelnetzwerk aufgedeckt hatten, das sich um den Premierminister der damaligen Mitte-rechts-Regierung und seine Büroleiterin und Geliebte gesponnen hatte.

Zu den vorgezogenen Neuwahlen im Oktober 2013 trat Babiš mit seiner eigenen Protest-Partei ANO an – die Abkürzung steht für "Aktion unzufriedener Bürger". Mit dem Slogan "ANO, bude líp" ("Ja, es wird besser") wurde seine Partei zweitstärkste Kraft. Auf der Wahlparty posierte der Milliardär mit einem Tigerbaby.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 33 vom 4.8.2016.

Die Beteiligung an der neuen Regierung brachte ihm den Posten des Finanzministers. Bis heute zehrt er davon, dass er sich als Antipolitiker geriert, als einer, der die Dinge beim Namen nennt: Politiker seien allesamt korrupt und unfähig, sie und die vielen Flüchtlinge bedrohten den hart erarbeiteten Wohlstand in Tschechien. Wie Donald Trump verspricht Babiš, den Staat zu führen wie eine Firma. Der Korruption im Land wolle er ein Ende bereiten, verkündet Babiš. Nun aber ermitteln die tschechische Polizei und OLAF, die Anti-Betrugsbehörde der EU, gegen Firmen aus dem Babiš-Imperium – wegen des Verdachts auf Subventionsbetrug.

Unabhängig davon, wie die Ermittlungen ausgehen, sicher ist schon jetzt: Die Regierungsbeteiligung des Firmenmoguls bringt einen gewaltigen Interessenkonflikt mit sich – von europäischer Tragweite.

Wenn aus Brüssel Geld nach Tschechien fließt, führt an Andrej Babiš kaum ein Weg vorbei. Agrofert bezieht EU-Gelder in dreistelliger Millionenhöhe. Zugleich ist es die Abteilung 52 im von Babiš geleiteten Finanzministerium, die darüber wacht, ob diese Gelder gerecht verteilt werden. Außerdem sitzen ehemalige und aktuelle Agrofert-Manager in Ministerien, Parlamentsausschüssen und Fonds, die das Geld der EU verwalten.

Die vielen Skandale in Tschechien dokumentierten, wie korrupt Politiker seien

Tschechische Journalisten haben ausgerechnet, dass Agrofert zwischen 2004 und 2013 alleine in Tschechien etwa 160 Millionen Euro Fördergelder eingestrichen hat. Seit Babiš Finanzminister ist, gingen in nur zwei Jahren mehr als 92 Millionen Euro auf Konten seiner Firmen. Schon im ersten Amtsjahr stiegen die Subventionen für Agrofert demnach um fünfzig Prozent.

Dass Unternehmen des Milliardärs Babiš vom politischen Engagement des Ministers Babiš profitieren, konnte ihm bislang niemand nachweisen. Aber die Affäre Storchennest beschädigt das Image eines Politikers, der sich selbst als Saubermann verkauft.

Im Frühjahr dieses Jahres musste sich Babiš vor dem Parlament in Prag erklären. Es ist der 23. März, einen Tag nach den Anschlägen auf den Brüsseler Flughafen, als er ans Rednerpult tritt. Babiš blickt über den Rand seiner schwarzen Hornbrille mit den silbrigen Bügeln. Dann redet er sich eineinhalb Stunden in Rage. Die Terroranschläge zeigten, wie schädlich die europäische Migrationspolitik sei. Die vielen Skandale in Tschechien dokumentierten, wie korrupt Politiker seien. Und das Parlament habe nichts Besseres zu tun, als sich mit einer Schmierenkampagne gegen ihn, den Finanzminister, zu befassen? Babiš schwenkt Tafeln mit Fotos seines Storchennests, das vor dem Umbau eine baufällige Ruine war. Babiš bringt Fortschritt, will er sagen, Aufbruch.

Doch es gibt ein Problem, und diesmal kann Babiš es nicht verstecken. Die EU-Gelder für das Storchennest wurden im Jahr 2008 bewilligt. Antragsteller war eine Firma, die Agrofert zuvor aus dem Konzern herausgelöst und auf anonyme Aktionäre überschrieben hatte. Nachdem das Geld geflossen war, holte sich Agrofert die Farm in den Konzern zurück. Bis zur Rede im Parlament hatte Babiš stets behauptet, er wisse nicht, wer während der Förderung im Besitz der Aktien gewesen sei. Nun gibt er erstmals zu, dass die anonymen Aktionäre seine Kinder und der Bruder seiner Lebensgefährtin gewesen seien.

Für Babiš ist die angebliche "Pseudoaffäre" mit diesem Bekenntnis abgehakt. Doch so einfach ist es nicht. Denn selbst im Prüfbericht, den Babiš’ Ministerium über Babiš’ Firma anfertigte, steht: Es gibt Indizien, dass die Farm auch während der Förderung unter der Kontrolle von Agrofert stand – was möglicherweise den Tatbestand des Subventionsbetruges erfüllen würde. Nur kann das Ministerium dies nicht nachweisen. Wichtige Dokumente wurden nicht bei den Prüfern eingereicht, für genauere Ermittlungen fehlten Fahndern die Befugnisse. Klarheit könne nur Brüssel schaffen, so steht es im Bericht.

Eine Sprecherin von OLAF, der Brüsseler Behörde für die Aufdeckung von Korruption und Missbrauch von EU-Geldern, bestätigt gegenüber der ZEIT: Man ermittle seit Januar dieses Jahres auf Betreiben eines anonymen Hinweisgebers gegen eine Firma aus dem Agrofert-Konzern. Solche Ermittlungen enden allerdings oft ohne große Folgen. Wenn die EU-Kommission bei der Vergabe von Förderprogrammen gravierende Fehler entdeckt, können Gelder zwar eingefroren oder zurückverlangt werden. Nicht vorgesehen ist jedoch Strafverfolgung. Das ist allein Sache der EU-Mitgliedsstaaten.

"Brüssel sitzt den Mitgliedsstaaten auf dem Schoß", klagt deshalb die Vorsitzende des Haushaltskontrollausschusses des Europäischen Parlaments, Ingeborg Gräßle. Die Kontrollen und der Wiedereinzug unrechtmäßig ausgezahlter EU-Gelder funktionieren nach Angaben der CDU-Politikerin nur zum Teil, "die abschreckende Wirkung ist gleich null."

Chronik der Skandale rund um Babiš und EU-Gelder wird immer länger

Tatsächlich wurden laut dem EU-Rechnungshof allein 2014 rund 6,3 Milliarden Euro aus dem EU-Haushalt auf dubioser rechtlicher Grundlage ausgegeben. Typische Fälle sind Großunternehmen, die sich als kleine Firmen ausgeben und Fördergelder kassieren, die ihnen nicht zustehen. Betrug wies OLAF zwischen 2008 und 2015 in rund 500 Fällen nach – und empfahl die Strafverfolgung in den Mitgliedsstaaten. Doch nur in etwa jedem zweiten Fall kam es am Ende zu einer Verurteilung.

Den Interessenkonflikt des tschechischen Finanzministers hält die CDU-Politikerin Ingeborg Gräßle für weit problematischer. Eine Antwort auf die Frage, ob Babiš in der Politik eigene finanzielle Interessen verfolge, sei "existenziell für die Sicherheit der europäischen Gelder". Zu Geldern der Europäischen Union müssten alle den gleichen Zugang haben. "Der Fall Babiš macht deutlich, dass dieses Prinzip massiv untergraben wird", sagt Gräßle.

Und was sagt Andrej Babiš? Einen Interviewtermin mit ihm zu bekommen ist schwierig. Für die meisten Journalisten hat der Finanzminister bloß Spott übrig. Der Arbeitstag des Ministers beginne um halb sechs Uhr morgens, Pausen kenne sein Terminkalender nicht, so die Antwort des Ministeriums auf die Bitte nach einem Gesprächstermin. Schließlich klappt es doch: Während einer Autofahrt zwischen zwei Terminen in der tschechischen Stadt Brünn will Babiš einige Fragen auf der Rückbank seiner Limousine beantworten.

Auf den Brüsseler Kontrollausschuss kommt Babiš sogar selbst zu sprechen. "Frau Gräßle mag Tschechien nicht", sagt er wütend. Ingeborg Gräßle mache Politik auf seine Kosten. Der Finanzminister hantiert mit seinen zwei Smartphones, fischt nach Zahlen. Dann sagt er: "Meine Firma zahlt sechsmal mehr an Steuern und Abgaben in den Haushalt, als sie EU-Fördermittel erhält."

Und das Storchennest? "Auf das Thema bin ich allergisch!" Es seien schon zu viele Unwahrheiten verbreitet worden, und die Farm sei mehrfach kontrolliert worden. Ohne Beanstandung. Die Zuschüsse der EU, behauptet er, wären ohne das Projekt verfallen. Und überhaupt: Es sei völlig egal, wer Aktionär gewesen sei. "Ich muss niemandem etwas nachweisen." Wer das nicht verstehe, habe keine Ahnung.

Immerhin eines gibt er zu: "Ja, ich habe einen Interessenkonflikt", sagt Babiš. Und ergänzt: "Aber ich missbrauche ihn nicht." Wie er das sicherstelle? Er enthalte sich seiner Stimme, wenn es im Parlament oder in der Regierung um Fragen gehe, die seine Firmen beträfen. Er werde sich sein gutes Image als Unternehmer nicht wegen irgendwelcher EU-Gelder ramponieren.

Der Fall Storchennest ist nur der offensichtlichste. Die Chronik der Skandale rund um Babiš und EU-Gelder wird immer länger.

Babiš ist nach wie vor der beliebteste Politiker des Landes

Mai 2015: Der Vizevorstand von Agrofert, Petr Cingr, schickt einen Brief an das tschechische Ministerium für Industrie und Handel. In dem Schreiben formuliert er die Bitte, man möge mehr Geld aus einem Förderprogramm für innovative Kleinunternehmen für große Firmen bereitstellen – Firmen wie Agrofert. Das Ministerium kommt dem Wunsch nach, erhöht die Quote für Großkonzerne von 20 auf 40 Prozent. Cingr unterschreibt den Brief, allerdings in seiner Funktion als Verbandsvorstand der Chemieindustrie. Somit habe die Einflussnahme auf das Förderprogramm nichts mit Agrofert zu tun, erklärt später die Pressestelle des Konzerns.

Juni 2015: Babiš feuert seinen Staatssekretär für die Überwachung von Förderprogrammen, Lukáš Wagenknecht, den Babiš ursprünglich wegen seines Rufs als strenger Prüfer ans Ministerium geholt hatte. Glaubt man Wagenknecht, so ist ein Vorfall ausschlaggebend gewesen, den er so schildert: Sein Team habe in einem Bericht nach Brüssel auf einen Betrugsfall in einem Ministerium der Babiš-Partei ANO hingewiesen. Den Staatssekretär habe der Finanzminister daraufhin unter Druck gesetzt. Warum? Babiš hat, so Wagenknecht, den Bericht verhindern, ihn seinen Anwälten übergeben wollen. Babiš weist den Vorwurf gegenüber der ZEIT von sich. Nur vage Bedenken am Vorgehen seines Staatssekretärs räumt er ein.

Oktober 2015: Große Agrarunternehmen aus dem Agrofert-Konzern bekommen rund 22 Millionen Euro aus dem europäischen Fördertopf für ländliche Entwicklung. Dies ist laut tschechischen Journalisten ein enormer Anstieg im Vergleich zu den Vorjahren. Im Aufsichtsrat des Fonds und im tschechischen Parlamentsausschuss, der über dessen Haushalt entscheidet, sitzt ein Vorstandsmitglied von Agrofert.

Februar 2016: In einer schriftlichen Beschwerde schildert eine hohe Beamtin einen Vorfall im Finanzministerium. Babiš’ neuer Staatssekretär habe über das OLAF-Kontaktbüro des Ministeriums vertrauliche Informationen über die Brüsseler Ermittlungen gegen Agrofert angefragt. Als die Beamtin auf die Vertraulichkeit hinwies, habe sie der Staatssekretär in sein Büro zitiert. Auf einer inzwischen veröffentlichten Tonaufnahme ist zu hören, wie der Staatssekretär die Beamtin lautstark zurechtweist und mit der Faust auf den Tisch schlägt.

Jiří Pehe, Politologe und einstiger Berater des Nachwende-Präsidenten Václav Havel, hält Babiš’ Interessenkonflikt mittlerweile für eine "Gefahr für das demokratische System". Korruption sei tief in den tschechischen Parteien verwurzelt. Mit dem System Babiš aber habe sie eine neue Dimension erreicht. Babiš privatisiere die Politik. Viele Tschechen sind dennoch von ihm fasziniert. Jemand mit solch märchenhaftem Reichtum, warum sollte der es noch nötig haben, zu stehlen? Tatsächlich ist Babiš nach wie vor der beliebteste Politiker des Landes.

Das Bild vom kompromisslosen Macher kultiviert Babiš in seinen Kampagnen und bei Treffen mit den Bürgern nach Kräften. Im Juni, bei einem Besuch in der tschechischen Stadt Brünn, will er ein Unternehmen besichtigen. Bevor Babiš die Produktionshalle der Textilfabrik betritt, in der Webstühle wummern, steckt er sich Stöpsel in die Ohren und flachst: "Die bräuchte ich im Parlament." Er läuft im Stechschritt durch die Halle. Arbeiter begrüßt er mit "Guten Morgen, Chef", Arbeiterinnen mit Handschlag und charmantem Lächeln. Gegenüber Managern der Fabrik gibt er den Hardliner, spricht von faulen Arbeitslosen. Korruption auf den Konsulaten verhindere die Zuwanderung von Fachkräften, und der Außenminister schaue tatenlos zu.

Anschließend, in einem Altersheim, prahlt Babiš damit, wie er den Staatshaushalt saniert habe. Er erzählt davon, wie hart er arbeite, während andere Politiker sich schmieren ließen. Ob die Bewohner des Altenheims von seinem Storchennest gehört hätten, will er wissen. Einige winken, andere starren ins Leere. "Dabei wollte ich nie in die Politik", sagt Babiš. Ekelhaft gehe es dort zu, lauter Intrigen und Menschen, die ihr Wort nicht hielten.