Treffen sich zwei Autokraten

Der erste Anruf, der Tayyip Erdoğan nach dem Putschversuch erreichte, kam aus Moskau. Wladimir Putin sprach der Türkei sein Beileid aus. Er versicherte dem türkischen Präsidenten, Russland lehne Gewalt ab. Das Erste, was Erdoğan in den Tagen nach dem 15. Juli aus Washington hörte, war eine indirekte Warnung. Außenminister John Kerry sorgte sich um die Verhaftungswelle und sagte, dass eine Nato-Mitgliedschaft den Respekt vor demokratischen Prinzipien voraussetze.

Erdoğans erster Staatsbesuch nach dem gescheiterten Putsch wird ihn nicht nach Washington oder Berlin führen, sondern zu Präsident Putin. Schon seit Monaten sucht er die Nähe zu den Russen. Mit den USA hat sich die türkische Regierung in einem Streit um die Auslieferung des Predigers Fethullah Gülen verkeilt, dessen Bewegung sie als Drahtzieher hinter dem Putschversuch vermutet. Auch mit Deutschland und mit der EU liegt Ankara in einer Dauerfehde. Die türkische Westbindung droht zu brechen. Und Präsident Erdoğan sucht sich nun ausgerechnet Putin als Partner.

Beide sind aus ärmlichen Verhältnissen aufgestiegen. Beide haben die Härte der Hinterhöfe kennengelernt, wo du gerissen oder kräftig, am besten aber kräftig und gerissen sein musst. Beide sind Aufsteiger, die sich durchgesetzt haben in dem Bewusstsein, niemals Schwäche zeigen zu dürfen. Beide bewiesen sich im Sport. Putin war erfolgreich in Judo und Sambo, Erdoğan schlug sich eifrig im Fußball. Beide bauten fast zeitgleich ein Machtsystem auf, dessen Zentrum sie selbst sind. "Personalisierte Regime" nennt der russische Politologe Fjodor Lukjanow das.

Gleichwohl gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen den beiden. Putin war immer Teil, Erdoğan aber ein Gegner des Systems. Putins Karriere begann beim sowjetischen KGB und führte ihn bis an die Spitze des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB, bis er 1999 von Boris Jelzin zum Thronfolger ernannt wurde. Erdoğan hingegen politisierte sich als Widersacher des etablierten Systems. Er saß für seine Ansichten im Gefängnis, bevor er in freien Wahlen an die Macht kam. Der eine war Parvenü, der andere Paria. Putin war Geheimdienstoffizier, Erdoğan Geheimdienstopfer. Dem einen flog die Macht wie selbstverständlich zu, der andere musste ständig um sie ringen. Vielleicht erklärt das, warum Wladimir Putin kühl-berechnend wirkt und Erdoğan hitzig-impulsiv. Warum der eine ein gewiefter Taktiker ist, der andere ein mitunter kopfloser Improvisator. Die gemeinsame Klammer ist ihr unbedingtes Streben nach Macht und die Angst, sie zu verlieren. Für die Macht sind beide bereit, Grenzen zu überschreiten. Auch unter Partnern. Am 24. November vergangenen Jahres schossen die Türken einen russischen Kampfjet nahe der syrischen Grenze ab.

Warum wendet sich Erdoğan nun ausgerechnet dem Mann zu, der die Türkei danach mit Sanktionen bestrafte und vor der ganzen Welt demütigte? Nach dem Abschuss des Jets klagten die Türken, das Flugzeug habe türkischen Luftraum verletzt. Russland sei ein Messer in den Rücken gerammt worden, fand Putin. Der Abschuss war ein Rückfall in die traditionell schlechten Beziehungen zwischen Russland und der Türkei. Die beiden Länder führten zwischen dem 16. und 20. Jahrhundert mehr als ein Dutzend Kriege gegeneinander. Heute streiten sie um Syrien, das Russland als sein weltpolitisches Manövrierfeld betrachtet, während die Türkei es als seinen Vorgarten ansieht. Die Russen stützen den Diktator Baschar al-Assad, die Türken hatten von Anfang des Bürgerkrieges an ein Ziel: Assad muss weg.

Im Dezember 2015 strafte der russische Präsident die Türken mit Sanktionen, die Einfuhr von Trauben und Orangen, Brokkoli und Blumenkohl wurde verboten. Russische Touristen durften nicht mehr mit Charterflügen in die Türkei reisen. Türkische Restaurants in Moskau wurden geschlossen, Geschäftsmänner festgenommen, türkisch-russische Investitionen gestoppt. Jahre der guten Kooperation zwischen Russland und der Türkei waren wie weggeblasen – und die Türken litten stärker darunter. Erdoğan, der politische Muskelmann, hatte seinen Meister gefunden. Und er wusste darum.

Einigkeit im Zorn auf den Westen

Deshalb zeigte Tayyip Erdoğan im rhetorischen Kräftemessen mit Putin ein für ihn untypisches Bemühen um Deeskalation. Er verweigerte zwar eine Entschuldigung. Doch er rechtfertigte sich gegenüber dem "sehr geehrten Herrn Putin" damit, dass man die russischen Piloten "fünfmal in zehn Minuten" gewarnt habe, als sie den türkischen Luftraum verletzt hätten. Erdoğan bereute den Abschuss: Die meisten Urlauber an den Mittelmeerstränden stammen aus Russland, nach dem Jet-Abschuss brachen die Buchungen fast komplett weg. Das türkische Gas kommt zu 60 Prozent aus Russland. Die Türkei geriet immer weiter in die Isolation: Kriegszustand mit Syrien, Feindschaft mit Ägypten und Russland, Familienzoff mit dem Westen. Und dann die Terroranschläge in Ankara und in Istanbul, zunächst mitten im touristischen Zentrum der Stadt, später am größten Flughafen des Landes. Plötzlich ganz allein dazustehen hat sogar bei Erdoğan Ängste geschürt.

Wladimir Putin aber wartete in aller Ruhe ab. Nach sieben Monaten lenkte Erdoğan ein und schrieb einen Entschuldigungsbrief – zwar nicht an den Präsidenten, sondern gesichtswahrend an die Familie des getöteten Piloten. Die Hastigkeit der Versöhnung hat dennoch viele verwundert. Sofort erklärte Moskau, Charterflüge dürften wieder in die Türkei fliegen, obwohl kurz zuvor ein Terroranschlag auf den Flughafen von Istanbul verübt worden war. Und auch das Embargo gegen Obst und Gemüse wurde postwendend aufgehoben.

Für die Russen könnte die Situation nicht besser sein. Sie bekommen, was sie wollen, ohne nachgeben zu müssen. Erdoğan ist derjenige, der öffentlich eingestand, sich verrannt zu haben. Nun zeigen sich die russischen Eliten voller Verständnis und stützen Erdoğan, der in ihren Augen bis eben noch ein unberechenbarer Diktator war. Die Türken wiederum sind dafür dankbar wie ein Verdurstender für ein Glas Wasser.

Wenn Erdoğan jetzt Putin besucht, dürfte es Kooperationsverträge hageln. Die beiden Präsidenten werden die strategische Partnerschaft beschwören, die guten türkischen Lebensmittel loben, die nun wieder in russischen Supermärkten liegen, die Touristen, die an die türkischen Strände zurückkehren. Das Handelsvolumen, in den ersten fünf Monaten 2016 um über 40 Prozent eingebrochen, soll wieder wachsen. Die Russen können nun das Atomkraftwerk im erdbebengefährdeten Akkuyu an der Mittelmeerküste weiterbauen. Seit dem Versöhnungsbrief Erdoğans spekulieren hohe Gazprom-Vertreter über eine Neuauflage der Turkish-Stream-Pipeline, die von Russland über die Türkei nach Südosteuropa führen soll. Türkische und russische Geheimdienste werden Informationen austauschen, um Anschläge kaukasischer und zentralasiatischer Terroristen wie am Istanbuler Flughafen zu verhindern. Und um Erdoğan einen Gefallen zu tun, wendet sich der Kreml vielleicht auch von den syrischen Kurden ab, die er (wie die USA auch) bislang unterstützt hat.

Wenn Putin Erdoğan in St. Petersburg fürstlich empfängt, dürften sie sich vor allem in einer Sache einig sein: in ihrem Zorn auf den Westen. Erdoğan wird sich erregen, dass Obama ihn nach dem Putschversuch zu spät anrief und dass der Westen die neue Heldenerzählung der Türkei nicht teile, der zufolge sich das Volk gegen die Panzer stellte und die Demokratie rettete. Er wird sich über europäische Lektionen in Sachen Rechtsstaat ereifern und darüber, dass er nicht in Köln per Videoübertragung zu den Demonstranten sprechen durfte. Die Deutschen sind seit der Böhmermann-Affäre und der Armenien-Resolution des Bundestages, die den Genozid Genozid nannte, ohnehin seine Lieblingsgegner. Und er wird Putin erzählen, dass die USA zu den Drahtziehern des Putschversuches gehörten. Putin wird kräftig zustimmen. Denn nach seiner Meinung verfolgt Washington regime change allerorten. Haben die Amerikaner nicht schon die Maidan-Umstürze in der Ukraine 2004 und 2014 entfesselt? Haben sie nicht 2012 in den Moskauer Bolotnaja-Protesten gegen Putin die Strippen gezogen? Erdoğan und Putin eint das Gefühl, vom Westen ausgegrenzt und nicht mit Respekt behandelt zu werden.

Die gefühlte Ausgrenzung brachte beide Länder schon 2008 zusammen. Damals fanden sie nach dem russischen Georgienkrieg und dem Erlahmen der türkischen EU-Beitrittsverhandlungen zueinander – allerdings gleichberechtigt. Doch diesmal hat Erdoğan klein beigegeben. Die russisch-türkische Partnerschaft wird neu austariert. Putin bestimmt die Bedingungen, Erdoğan mag folgen oder nicht. Das sieht man etwa in Syrien, wo die Russen nach wie vor Erdoğans Verbündete bekämpfen und zugleich seine Feinde, die syrischen Kurden, die die türkische Regierung als verlängerten Arm der PKK betrachtet, unterstützen. Doch sollte sich die Türkei vollständig mit der EU überwerfen, werden die Russen ihr sicherlich Zutritt zur Eurasischen Wirtschaftsunion anbieten, so wie Kasachstan oder Armenien. Die Türken würden dann wohl russische Waffen kaufen und vielleicht sogar die Nato verlassen. Doch ein ebenbürtiger Partner – das werden sie nie.

Zu ihrer Wesensverwandtschaft gehört eben auch: Sie lassen andere gern spüren, wenn sie oben sind. Dort ist nun Putin. Erdoğan hat für derlei Erniedrigungen ein feines Sensorium, und deshalb könnten aus den Möchtegernfreunden auch schnell wieder Feinde werden.