Abschied von Amerika – Seite 1

Am 9. August reist der türkische Staatspräsident nach Russland, um Putin zu treffen. Das ist durchaus als historisches Treffen zu bezeichnen. Die Beziehungen zwischen Ankara und Moskau lagen auf Eis, seit türkische Piloten im vergangenen November an der syrischen Grenze einen russischen Jet abgeschossen hatten. Russland reagierte harsch, Ankara verweigerte eine Entschuldigung, als beide sich unnachgiebig zeigten, war die Schwelle zum Krieg greifbar nah, die diplomatischen Beziehungen wurden ausgesetzt.

Die Türkei mit ihren ohnehin schwierigen Beziehungen zum Westen hatte sich damit auch den nördlichen Nachbarn zum Gegner gemacht. Am 27. Juni entschuldigte sich Erdoğan überraschend schriftlich bei Putin. Die Beziehungen verbesserten sich prompt. Nach dem Putschversuch war dann auch Putin der Erste aus dem Ausland, der Erdoğan Solidarität bekundete. Unterdessen meldeten regierungsnahe Medien, die für den Abschuss des Jets verantwortlichen Piloten gehörten zu den Putschisten und seien festgenommen worden.

Werfen wir einen kurzen Blick ins türkische Geschichtsbuch, ein Leckerbissen für Verschwörungstheoretiker, bevor wir uns möglichen strategischen Konsequenzen widmen: 1960 kam es zur ersten Militärintervention unter Premierminister Menderes. Die Beziehungen zum Westen steckten in einer Sackgasse, neue Kredite wurden verweigert. Menderes wandte sich gen Norden und setzte auf der Suche nach neuen Krediten für den Monat Juni eine Moskau-Reise an. Kurz davor, am 27. Mai, wurde er gestürzt.

Türkei - Die wirtschaftlichen Folgen des gescheiterten Putsches Zerstörte Gebäude, abgesagte Warenbestellungen, Stornierungen im Tourismus: Regierungsangaben zufolge hat die türkische Wirtschaft nach dem gescheiterten Militärputsch Verluste in Milliardenhöhe verzeichnet.

Der zweite Coup richtete sich 1971 gegen Premier Demirel. Mitte der sechziger Jahre hatten die USA eine türkische Militärintervention auf Zypern verhindert, antiamerikanische Stimmung kochte hoch, Demirel reiste 1967 nach Moskau und unterzeichnete Abkommen über Großinvestitionen. 1971 wurde er gestürzt.

Manche glauben, Washington verzeihe nicht, wenn man auf Moskau als Alternative setze. Für sie stecken die USA hinter dem Putschversuch, der genau 18 Tage stattfand nachdem Erdoğan Russland den Friedenszweig gereicht hatte. Ihre Frage lautet: "Sind die Putschisten 'Amerikas Jungs'?" Dieser Ausdruck stammt von 1980. Der Diplomat, der den CIA-Türkeichef Paul Henze vom Putsch unterrichtete, sagte damals: "Your boys have done it." Dieser Satz ist in der Türkei unvergessen.

Zum Ärger der Regierung twitterte der US-Infodienst Stratfor, gern als Schatten-CIA bezeichnet, in den kritischen Stunden Positionsmeldungen von Erdoğans Flugroute. "Hinter dem Coup stecken die USA", konstatierte Arbeitsminister Soylu. US-Außenminister Kerry antwortete: "Äußerungen dieser Art beschädigen das türkisch-amerikanische Verhältnis." Dabei ist das Verhältnis beschädigt genug.

Fethullah Gülen, den die Türkei bezichtigt, hinter dem Putsch zu stecken, lebt seit 17 Jahren in US-Obhut in Pennsylvania. Als er 1999 die Greencard beantragte, gehörten Morton Abramowitz, US-Botschafter in Ankara, und CIA-Mann Graham Fuller zu seinen Bürgen. Fuller schrieb nach dem Putschversuch in der Huffington Post: "Ich glaube nicht, dass Gülen dahintersteckt." Die Gülen-Bewegung trete für Demokratie ein und präsentiere einen "Muster-Islam".

Obama hatte keine Zeit für Erdoğan

Joseph Votel, Oberbefehlshaber in den US-Streifkräften, erklärte, türkische Offiziere, mit denen man gemeinsam gegen den IS kämpfe, seien inhaftiert worden. Er befürchte "Auswirkungen auf unsere Beziehungen und unsere Strategie in Nahost". Die Worte erinnerten an den Diskurs von "unseren Jungs" und lieferten der türkischen Regierung, die ohnehin US-Finger hinter dem Coup vermutet, eine Steilvorlage. Erdoğan reagierte wie gewohnt: "Ihr entlarvt euch mit dieser Äußerung. Ihr steht an der Seite der Putschisten. Der Putschist sitzt bei euch im Land."

Es ist kein Geheimnis, dass die USA religiöse Kreise in der Türkei im Allgemeinen und Gülen im Besonderen als "gemäßigte" Alternative zu dem aufsteigenden radikalen Islam sehen. Gülen wie Erdoğan haben jahrelang von generöser US-Unterstützung profitiert.

Aufgrund des Angriffs auf ein Schiff kam es 2010 zum Konflikt. Israelisches Militär enterte die Mavi Marmara, die versuchte, die Gaza-Blockade zu durchbrechen, um humanitäre Hilfe nach Palästina zu bringen. Neun Menschen starben. Daraufhin brach Erdoğan die Beziehungen zu Israel ab. Gülen aber hielt dagegen, Hilfelieferungen seien doch kein Feldzug, wozu gebe es Diplomatie, man hätte mit Israel reden müssen. Das war ein wichtiges Zeichen. Damit präsentierte Gülen dem auf türkisch-israelische Annäherung drängenden Washington sich selbst als eigentlichen Partner.

In der Folge, als Erdoğans Wünsche, Obama zu treffen, auf Ablehnung stießen, war Gülen zu einer ernst zu nehmenden globalen Macht in Washington geworden. Da spielte Erdoğan die Moskau-Karte aus. Während sich das Verhältnis zu Moskau nun also erwärmt, wächst die Kluft zu Washington. Ankara fordert Gülens Auslieferung, was allerdings kaum geschehen dürfte. Erdoğan wird die USA vermutlich als das Land brandmarken, das "den Putschisten Gülen protegiert".

Geht die US-Perspektive verloren, könnte sich die Achse der türkischen Politik, die sich seit 150 Jahren nach Westen orientiert, verschieben. Ex-Diplomat und Berater Çeviköz, der diese These aufstellte, warnte vor zwei denkbaren negativen Möglichkeiten, eine schlimmer als die andere: "Erstens die Ausbildung einer eurasischen Perspektive durch Annäherung an Russland, zweitens Suche nach Verbündeten in der islamischen Welt." Das würde für die Politik nicht allein in der Türkei, sondern in der Region und weltweit eine ganz neue Ära mit völlig veränderten Gleichgewichten bedeuten.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe