Erste Frage: Was genau soll das für ein Genre sein? Ein Abenteuerroman? Science Fiction ohne Raumschiffe? Ein Jugendbuch?" So zackig nimmt der Schauspieler Tiller den jungen Autor Bozorg auseinander, der ihm sein erstes Manuskript auf den Tisch gepackt hat. Eine ebenso fiese wie witzige Szene – auch wenn man Tiller nicht gleich als Karikatur von Kinostar Til Schweiger identifiziert. Auf jeden Fall eine Klatsche für Bozorg, der schreibend darum kämpft, das Ende seiner großen Liebe zu überleben. Und ein Kunstgriff von Nils Mohl, denn Bozorgs Manuskript steht als Buch im Buch für seinen eigenen Roman Zeit für Astronauten. Tillers Abrechnung nimmt sicherheitshalber schon mal alle Kritik an ihm vorweg: "Struktur labyrinthisch, Hauptfigur irgendwie schräg, keine richtige Lösung am Ende. Alles deprimierend, dann aber auch wieder nicht so richtig deprimierend."

Wer Mohls Buch trotzdem bis zum Ende schafft, muss Tiller erst mal recht geben, ja, die Hauptfigur ist schräg: Körts, bürgerlicher Vorname Kevin, 15 Jahre alt, wohnhaft in den "Riegeln", einem Hochhauskomplex am Rand einer norddeutschen Großstadt. Mit seinem falschen Hörgerät (das die nervige Umwelt wegpegelt), der schief sitzenden Fliegerbrille und dem unbedingten Willen, etwas aus sich zu machen, hat Körts die Anlage zur tragischen Figur oder zur lächerlichen Gestalt. Aber Nils Mohl macht sich nicht lustig über diesen schrägen Vogel. Im Gegenteil, eher bewundert er die Hartnäckigkeit, mit der der Junge die fünf Jahre ältere Schönheit von nebenan verehrt. Körts investiert sein Taschengeld in ein aufwendiges Feuerwerk für Domino, die cola-äugige Asiatin. Er schnuppert heimlich und genussvoll am Ledersitz ihres Motorrollers. Und er bittet sie in einem sorgfältig verfassten Briefchen um einen ihrer Slips. Nicht zu Dominos Begeisterung, die ihn bei den Eltern verpetzt. Was Körts allerdings nicht aufhält: Als er bei einem Praktikum im Reisebüro erfährt, dass Domino Urlaub in Griechenland plant (auf der Suche nach Bozorg), setzt er alle Hebel in Bewegung und reist ihr nach, um sie als ungebetener Begleiter zu unterstützen.

Womit wir beim nächsten Kritikpunkt von Kinostar Tiller sind: "Struktur labyrinthisch"? Korrekt! In einem sich nur allmählich erschließenden Reigen und in vielen Zeitsprüngen über Tage, Wochen, Jahre schildert Mohl Ausschnitte aus dem Leben seiner Helden. Körts, Domino, Bozorg, Edda, Mauser, Kondor, Mogel, Merle und Silvester – sie alle leben am bröckelnden Saum einer Großstadt, der Mohls Heimatort Hamburg-Jenfeld nachempfunden ist. Ihre Verflechtungen sind komplex, aber in ihrem Universum gibt es einen Urknall: den Tod. Der gewaltsame Tod von Mausers Stiefmutter, der frühe Tod von Mogels kleiner Schwester und vor allem der unerwartete Tod von Bozorgs 17-jähriger Freundin Kitty zerschlägt das Leben, wie es bisher war – und setzt einen sich stetig ausbreitenden Erzählkosmos in Gang. Den Auftakt der Saga macht 2011 der Roman Es war einmal Indianerland, gleich ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis. 2012 dann Stadtrandritter, der dickste unter den Wälzern, 2014 folgt das kürzere Spin-off Mogel. Im vierten Band Zeit für Astronauten schließlich findet Domino eine Postkarte im Briefkasten. Absender: Bozorg, der nach Kittys Tod verschollen war. Auf der Karte weder Adresse noch Stempel, aber ein Landschaftsmotiv, das Körts zu kennen behauptet: Ein Ferienort in Griechenland. Mit dieser Postkarte beginnt eine Reise in den Süden, die wie alle gelungenen Reisen die Reisenden mit sich selbst konfrontiert: Körts mit seinen begrenzten Zukunftsaussichten und Domino mit ihrer ungewollten Schwangerschaft.

Mohl zeichnet seine vielen Haupt- und Nebenfiguren fast schmerzhaft authentisch, aber nie platt realistisch. Und manchmal krass komisch. Wie Körts, der Domino beim Marsch durch die sengende griechische Sonne mal wieder dauerbequasselt. Woraufhin die austickt, Steine nach ihm wirft und ihre Schwangerschaft verkündet. Noch mal O-Ton Tiller: "Alles deprimierend, aber auch wieder nicht so richtig deprimierend." Stimmt! Aber genau das macht die besondere Mischung aus Frust und Humor. Zu der auch gehört, wie sich Mohl im Slang seiner Figuren bewegt, ohne ihn zu imitieren. Stattdessen übersetzt er die Brüchigkeit ihrer Welt und ihren Widerstand dagegen in Sprache: Er verknappt Sätze und Szenen, bürstet sie gegen den Strich und fügt Fragmente neu zusammen. Das fordert vom Leser gesteigerte Aufmerksamkeit (und ist nicht ganz frei von Manierismen), doch es glänzt wie frisch aus der literarischen Autowaschanlage.

Gegen Ende geraten Körts, Domino und der wiedergefundene Bozorg in einen Kleinkrieg der Ferienclubs. Zwischen Sonnenliegen und Pool-Bar explodiert zeitgleich zu einem im Fernsehen übertragenen Shuttle-Start eine Blendrakete, die alle auseinandertreibt. Und ein Motiv fortführt, das Mohl manchmal etwas penetrant durch den Roman zieht: das Bild vom Astronauten, in seinem ganzen Spektrum vom Eroberer ferner Welten bis zum unendlich einsamen Beobachter. Dass dieser Astronaut eine Ergänzung sein soll zu den Figuren des Ritters und des Indianers, die Mohl den beiden anderen Romanen zugeordnet hat, und dass er ihnen dazu jeweils noch eine der drei christlichen Tugenden Glaube, Liebe und Hoffnung an die Seite stellt, muss man nicht unbedingt wissen.

Aber genug der Mäkelei an einem Werk, das nicht nur in der deutschsprachigen Jugendliteratur seinesgleichen sucht. Schluss auch mit dem Dauergenörgel von Besserwisser Tiller: "Keine richtige Lösung am Ende"? Natürlich nicht! Stattdessen ein aus wechselnden Perspektiven kunstvoll gebauter Countdown. Voller Hoffnung, dass man von keiner Reise unverändert zurückkehrt. Dass (bis der Tod wieder zuschlägt) im Leben vieles möglich ist. Und dass sich die Helden der Stadtrand-Saga vielleicht noch nicht für immer verabschiedet haben.

ab 14 Jahren

LUCHS Nº 355: Jeden Monat vergeben die ZEIT und Radio Bremen den LUCHS-Preis für Kinder- und Jugendliteratur. Am 7. August stellt Radio Bremen das Buch vor: Das Gespräch ist abrufbar unter www.radiobremen.de/luchs