Montagmorgen, 6.32 Uhr, der Himmel ist noch blauschwarz. Drinnen, in der Pflegestation, wo die Schwestern sich die Umhängetaschen für ihre Touren holen, knistern die Neonröhren. Ich bin nie so früh wach, meine Mutter immer. Fünf Tage die Woche, seit mehr als 30 Jahren. Sie guckt auf ihren Dienstplan, dann an die Decke, sie seufzt, und ich ahne: die heftige Tour heute, die ganz harten Fälle. Im grellen Licht fallen mir ihre Falten auf. Wie viele graue Strähnen ihr Haar bekommen hat. Sie steht am Schlüsselkasten, Polohemd mit Dienstlogo. Den Reif, auf den sie die Schlüssel für ihre Route fädelt, muss sie mit beiden Händen halten.

Es ist ein paar Wochen her, wir saßen bei einem Glas Rotwein auf ihrem Balkon, als mir meine Mutter sagte, sie wolle nicht mehr als Pflegerin von Haus zu Haus, von Wohnung zu Wohnung fahren. Könne nicht mehr, sei fertig. Sie wolle kündigen. Stattdessen Erzieherin werden, ein ewiger Traum schon, die Kita, in der ihre beste Freundin arbeitet, sei interessiert.

Sie erwischte mich damit völlig unvorbereitet. Seit ich denken kann, arbeitet meine Mutter als Krankenschwester bei einem Pflegedienst. Als Teenager fand ich das uncool, all die alten Leute. Im Grunde wusste ich nie viel von ihrer Arbeit. Sicher, ich ahnte, dass sie hart war, irgendwie. Aber war meine Mutter das nicht auch? Die zäheste und tapferste Frau, die ich kenne. Was war das für ein Job, der eine wie sie zum Aufgeben zwang? Ich beschloss, sie auf Tour zu begleiten.

Ein Klinkermietshaus, kurz vor sieben, meine Mutter klingelt. "Ich warne die Leute, bevor ich reingehe, weil ich es auch nicht wollen würde, wenn unangekündigt jemand im Wohnzimmer steht", sagt sie. Die Patientin, geblümtes Nachthemd, thront im Sessel. Auf dem Kacheltisch eine Kerze, es riecht nach Kölnischwasser. Sie krächzt: "Warum klingeln Sie denn?"

An ihrem Knöchel löst sich ein Verband, den meine Mutter wechselt, obwohl das nicht im Plan steht. Der Dame wurden Inkontinenzunterlagen für das Bett geliefert, die sie nicht will: "Da kann man ja durchgucken!" Andere seien bestellt, aber noch nicht genehmigt, erklärt meine Mutter, die Patientin ruft: "Da kann man ja durchgucken!" Ob sie die nicht trotzdem behalten und in zwei, drei Lagen legen wolle, fragt meine Mutter, die Patientin sagt: "Da kann man ja durchgucken! Nehmen Sie die mit!" Wir nehmen die Unterlagen mit.

Niemals könnte ich so geduldig mit jemandem sein, denke ich auf dem Weg zurück zum Auto.

Der nächste Patient ist demenzkrank, er sitzt auf dem Sofa und plappert ohne Pause. Meine Mutter hört zu, fragt nach, lacht mit, während sie seine Tablettenrationen für diese Woche in die Fächer Montag, Dienstag, Mittwoch drückt. Kollegen, sagt meine Mutter, würden schweigen oder barsch werden, um im Plan zu bleiben. Das erzählen ihr Patienten, sie hat es auch erlebt. Sie selbst plaudere mit den Alten, weil das für viele der einzige menschliche Kontakt am Tag sei. "Dann kann ich doch nicht sagen: Halten Sie bitte mal die Klappe!"

Meine Mutter nickt jetzt ein Nicken, dem ich ansehe, dass sie die Anekdote – Urlaub in Tirol, vor vielen Jahren – schon häufig gehört hat. Nachdem sie ihm Insulin gespritzt hat, fängt Herr B. zu weinen an. Weint einfach drauflos, hört gar nicht mehr auf, weint in sein Wohnzimmer aus Eiche, in dem er plötzlich so gottverlassen und einsam wirkt, wie es meine Mutter nie sein wird, jedenfalls schwöre ich mir das in diesem Moment. Lassen Sie es raus, sie umarmt ihn, alles wird gut. Ob sie, schluchzt er, ihr Ostergeschenk bekommen habe? Dabei ist selbst Pfingsten lange vorbei. Er fingert eine Marzipanschachtel unter alten Fernsehzeitschriften hervor. Für den jungen Kollegen, er nickt mir zu, habe er leider nichts. Am Fenster welken Geranien.

Wir steigen ins Auto. Meine Mutter wirft ihre Tasche mit dem Stethoskop und den Gummihandschuhen auf den Rücksitz. Ich gucke sie an: "Wie hast du das so lange ausgehalten?"

"Ich musste lernen, richtig zu trösten. Den Leuten in diesem Moment zu glauben, dass es ihnen schlecht geht."

Sie denkt nach.

"Früher habe ich total mitgelitten, weil ich dachte: Toll, das bleibt übrig vom Leben? Das hat mich belastet. Das war nicht gesund."

"Und heute?"

"Ich gebe etwas von mir, aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Ich muss mich auch abgrenzen."

Es ist etwas, was mich von Anfang an verwundert: Wie sie sich diesen Menschen zuwendet, jedem einzelnen, als sähe sie nicht mindestens zehn von ihnen jeden Tag, fünf Tage die Woche, vier Wochen im Monat, zwölf Monate im Jahr. Um die 2.400 Begegnungen, aber kein bisschen Fließband.