Martin Ahrends lebt als Schriftsteller in Berlin. © Christine Oppe

Es ist warm, der Himmel bedeckt, wir unternehmen zu fünft eine Radtour, die wir uns seit Längerem vorgenommen haben: zu der im Wald verborgenen ehemaligen Lagerstätte sowjetischer Atomsprengköpfe. Unsere Gastgeberin, die schon immer hier lebt, auf den sandigen Wellen des hohen Fläming, hat erst nach dem Abzug der Roten Armee davon erfahren, dass es in ihrer Nähe so etwas Furchtbares gegeben haben soll. Ganz daran glauben mag sie noch immer nicht, war auch nie dort. Wir lassen uns von Karls Handy navigieren, der den "magischen Ort" auf Google Earth entdeckt hat. Doch am Wegstern mitten im Wald hat er "kein Netz" mehr. Wo entlang jetzt? Vor uns buckeln seltsame Erdwölbungen, überwachsene Betonsperren quer zur Waldschneise. Das ist unser Wegweiser.

Dahinter entdecken wir bald schon die Reste des Stützpunktes, zerbröselnde Straßen und Baracken. Daneben getarnte Schießstände und die Reste rostiger Artefakte, ganz überwaldet, die wir als Lüftungsschächte einer unterirdischen Halle deuten. Weiter unten getarnte Rampen, ein getarnter Zugang. Die schwere Stahltür steht halb offen, drinnen feuchtes Dunkel, Bretter über Wasserlachen. Karl aus Wismar leuchtet uns mit seinem Handy, den Raum vor uns ausleuchten kann er nicht. Es ist kalt hier, nicht nur deshalb frösteln wir. Wir stehen am oberen Rand der Halle, als sich die Augen adaptiert haben, erahnen wir deren Dimension. Fotoblitze.

Wie vom vierten Rang eines riesigen Opernhauses sehen wir in die tiefe Leere vor und unter uns. "Hier könnte man gut eine Leiche verstecken", sagt Rita aus Wolfsburg. "Da, die Schienen an der Decke, die Stahlseile, die Haken, alles noch da. An diesen Haken haben sie die Dinger ein- und wieder ausgelagert", sagt Karl. "Jetzt müsste jemand singen", sage ich. "Mich gruselt, ich will raus", sagt Edith aus Weimar. "Die profanisierte Gewalt", sagt Sergej aus Riga, der einmal selbst Raketenbauer war und jetzt Bobrowski ins Russische übersetzt. "War sie dir jemals heilig, die Gewalt?", fragt Rita. "Das hätte hier stattgefunden, hier in Deutschland. Das wäre dann wohl unsere endgültige Bestrafung gewesen", sagt Karl. "Kennt ihr den Film The Day After? Ich hatte wochenlang Albträume als Teenie", sagt Edith.

Wir haben wieder hinaus in die Sommerwärme gefunden. "Wir können so dankbar sein", sagt Rita. "Aber wem?", frage ich. "Tschuldigung, ich muss grad heulen", sagt Edith und schnieft. "Das ist nicht profan, das ist eine Kirche unter der Erde", sagt Sergej. Wir werden schweigsam. Dann singt Rita: "Verleih uns Frieden gnädiglich, / Herr Gott, zu unsern Zeiten. / Es ist doch ja kein andrer nicht, / der für uns könnte streiten."