Der 16. Juli war ein trauriger Tag für die Wall Street in New York. Nicht wegen mieser Deals oder magerer Aktienkurse, sondern weil an diesem Tag das Four Seasons endgültig geschlossen wurde. Das Restaurant an Manhattans nobler Park Avenue war die Luxuskantine der lokalen Finanzelite. Zahllose Deals haben die Herren des Geldes an der Bar, über der eine Installation aus goldenen Stangen schwebte, eingefädelt. Nun wurde die Inneneinrichtung versteigert, Stammgäste zahlten 10.000 Dollar, um Aschenbecher mit nach Hause nehmen zu dürfen.

Der Four-Seasons-Betreiber Julian Niccolini erinnerte bei der Versteigerung an alte Zeiten und erzählte Anekdoten wie die vom Banker, dessen Gespielinnen nach dem Lunch nackt im Pool schwammen – was überhaupt nur möglich war, weil es in seinem Lokal einen Raum gibt, in dem zwischen fein gedeckten Tischen ein Pool plätschert. Solche Partys seien heute leider undenkbar, klagte Niccolini: "Der Spaßfaktor ist weg."

Mit dem Four Seasons verschwindet eines der letzten Symbole der alten Wall Street. Vergangenheit ist auch der Stripclub Scores, in dem Händler nach erfolgreichen Geschäften schon mal 100.000 Dollar für Champagner und die Aufmerksamkeit der Tänzerinnen springen ließen, während vor der Tür Limousinen von Bentley und Rolls-Royce auf sie warteten. Heute nimmt der Wall-Street-Banker ein paar Bier im Ulysses Pub und nutzt danach die Taxi-App Uber.

Nicht nur die Partys, auch die Banker sind zahmer geworden. "Die Banken wurden in eine Art Stromversorger mit Geldautomaten verwandelt", sagt Chris Whalen, der bei einem halben Dutzend New Yorker Investmentfirmen gearbeitet hat und heute für die Rating-Agentur Kroll Banken analysiert. Sie dürfen nicht mehr so riskante Geschäfte machen und verdienen deshalb weniger: Vor der Finanzkrise fuhr Goldman Sachs für die Aktionäre eine Rendite in Höhe von 39,8 Prozent ein. Im vergangenen Jahr waren es nur noch 7,4 Prozent. Inzwischen bietet die Bank sogar Sparkonten an. Es sind demütigende Zeiten für die Männer und Frauen – meist sind es Männer –, die sich einmal "Masters of the Universe" nannten.

Doch während die amerikanischen Investmentbanker sich bei Bier statt Champagner darüber grämen, wie langweilig ihr Geschäft geworden ist, haben die europäischen Finanzfachkräfte echte Probleme – und schlaflose Nächte: Sie erleben eine Krise, die schleichend ihre Existenz bedroht. Das zeigt sich nirgends besser als an den Börsen. Seit Anfang des Jahres sind die Aktienkurse europäischer Geldhäuser im Schnitt um 27 Prozent gefallen, bei einzelnen Instituten noch viel stärker. Ob Unicredit, Santander, Credit Suisse oder Barclays, die Investoren trauen Banken nicht mehr zu, Gewinne zu machen – und wenden sich ab. In Deutschland brach die Aktie der Deutschen Bank um 48 Prozent ein und liegt niedriger als mitten in der Finanzkrise. Die Aktie der Commerzbank ist so wenig wert wie noch nie. Und in Italien muss die älteste Bank des Kontinents, Monte dei Paschi di Siena, gerade mit mehreren Milliarden Euro von privaten Investoren gerettet werden.

Das Verrückte daran ist, dass all das in einer Zeit geschieht, in der es ökonomisch eigentlich ganz gut läuft in Europa. Bankenkrisen sind typisch für Phasen der Rezession, wenn Kredite nicht mehr zurückgezahlt werden, weil Menschen ihre Jobs verlieren oder Firmen pleitegehen. Doch in den vergangenen drei Jahren wuchs die Wirtschaftsleistung der Europäischen Union, allein 2015 um zwei Prozent. Selbst im krisengeplagten Italien schrumpfte sie zuletzt nicht mehr.

Irgendetwas läuft also grundsätzlich schief. "Die Branche steht mit dem Rücken zur Wand", sagt ein Banker, der sich mit Problemfällen auskennt. Fragt sich nur: Warum eigentlich?

Auf diese Frage gibt es zwei Antworten. Eine kommt von den Bankern und eine von ihren Kritikern. Die Erzählung der Banker geht so: Staat und Behörden sind zu streng mit uns. Nach der Finanzkrise mussten neue Regeln her, klar. Aber jetzt sind die Regulierer zu weit gegangen, so können wir nicht überleben. Diese Erzählung hört man von Investmentbankern in New York und in London, denen nach der Finanzkrise kaum jemand mehr trauen mag. Aber auch von Menschen wie Klaus Euler.

Euler, 53 Jahre alt, leitet eine Bank mit dem ehrgeizigen Namen "Ethikbank" im thüringischen Städtchen Eisenberg. Er würde wohl nie auf die Idee kommen, sich "Master of the Universe" zu nennen. Zwei bis drei Tage die Woche arbeitet er von zu Hause. Er wohnt in einer Region, die von der Wall Street so weit entfernt ist wie nur irgend möglich: im hessischen Vogelsberg. Dort sitzt Euler nun in seinem Wohnzimmer, in Jeans statt Anzug, und erzählt von dem Tag, an dem er etwas tat, was sich kein Investmentbanker trauen würde: Er streikte.