Der Brexit werde keine Folgen haben – das versprachen die Brexit-Befürworter vor dem britischen Referendum über die Mitgliedschaft in der Europäischen Union. Damit wollten sie nicht behaupten, dass ein Brexit nichts bewirke. Es würde sich schon vieles ändern, aber eben nur zum Guten. Sie versprachen eine schöne neue Welt, in der Großbritannien seine glorreiche Tradition als Welthandelsmacht wiederentdecken und – losgelöst von den Brüsseler Fesseln – neue Höhen des Wachstums und Wohlstands erklimmen könne.

Auf der anderen Seite gab es jene, die sich auf harte Zahlen und die Logik ökonomischer Gesetze verließen. Dazu gehörten der damalige Premierminister David Cameron, die Mehrheit der Parlamentarier im Unterhaus und die meisten Ökonomen und Analysten. Sie warnten allesamt vor den negativen wirtschaftlichen Konsequenzen eines Brexits.

Sieben Wochen nach dem Referendum spricht einiges dafür, dass die Warner recht behalten. Die britische Währung, das Pfund Sterling, ist auf einem neuen Tiefstand gegenüber dem US-Dollar. Die britische Zentralbank befürchtet schon eine Rezession und hat den Leitzins gesenkt. Und die britischen Manager sehen laut Umfragen mit viel mehr Unbehagen in die Zukunft als noch zu Beginn des Jahres.

Für die Gegner des Brexits, immerhin 48 Prozent der Briten, die an der Abstimmung teilgenommen haben, plus die überwältigende Mehrheit aller restlichen Europäer, ist es verlockend, schlechte Nachrichten als Bestätigung ihrer Befürchtungen zu sehen. Doch das wäre zu einfach. Zwar hat die Entscheidung gegen die EU Märkte und Anleger kurzfristig gehörig erschreckt, und mittelfristig steht das Land vor erheblichen Herausforderungen. Aber daraus gleich den unabwendbaren Niedergang der sechstgrößten Wirtschaftsnation der Welt abzuleiten ist absurd. Die langfristigen Folgen des Brexits sind heute nämlich noch immer ungewiss.

Immerhin, die britische Wirtschaft begegnet der Zukunft in vergleichsweise robuster Verfassung. Statt der vorhergesagten 0,4 Prozent lag das Wirtschaftswachstum in den drei Monaten vor dem Referendum bei 0,6 Prozent. Im Vergleich dazu konnte der Euro-Raum im zweiten Quartal nicht mehr als 0,3 Prozent Wachstum des Bruttoinlandsprodukts vermelden. Gleichzeitig sank die britische Arbeitslosenquote sogar weiter und erreichte im Juli ein neues Rekordtief. Auch aufgrund dieser Eckdaten reagierten die Aktienmärkte Ende Juni weniger heftig als erwartet. Innerhalb von drei Wochen verzeichneten die Börsen in London, Frankfurt, New York und Tokio wieder normale Tagesabschlüsse. Es war also mehr ein kurzer Schreck als eine Zeitenwende.

Die neue Regierung von Premierministerin Theresa May hat sich vorgenommen, den Austrittsprozess zu Beginn des nächsten Jahres in Gang zu setzen. Das bedeutet zwei Jahre Verhandlungen über den Handelsstatus der Briten. Zwei Jahre Unsicherheit also, die spürbar sein werden. Schon hat sich das Investitionsklima erheblich verschlechtert. Britische Unternehmen, vor allem die Mittelständler, gehen auf Nummer sicher und schieben größere Ausgaben auf. Die britische Zentralbank hat ihre Wachstumsprognose für das nächste Jahr von 2,3 Prozent auf 0,8 Prozent revidiert und den Leitzins vorsorglich auf 0,25 Prozent gesenkt, den niedrigsten Stand ihrer Geschichte. Notenbankchef Mark Carney spricht von "der vorherrschenden Unsicherheit durch bevorstehende strukturelle Veränderungen" und will auch nicht ausschließen, dass diese zu einer Rezession führen könnten. Gleichzeitig warnt er aber davor, negative Prognosen "zu Prophezeiungen zu machen, die sich selbst erfüllen". Mit anderen Worten, was sein kann, muss keineswegs am Ende auch wirklich eintreten.

Die Debatte um den Brexit wurde von Gefühlen geleitet. Über die Zukunft werden nun die Fakten entscheiden. Und diese Fakten schließen das Horrorszenario von vornherein aus. Dass die EU den Briten nach deren endgültigem Austritt den Zugang zum europäischen Binnenmarkt rigoros versperren wird, ist undenkbar. Dazu muss man sich nur das britische Außenhandelsdefizit anschauen. Es lag im vergangenen Jahr bei 135 Milliarden Euro. Waren im Wert von 182 Milliarden Euro exportierte das Land in die EU, Waren im Wert von 317 Milliarden Euro importierte es. Das bedeutet, dass Großbritannien ein bedeutender Markt ist für Güter aus der EU. Die Union wird sich den Zugang dazu vermutlich nicht einfach selbst versperren.

Es gibt schon prominente Beispiele dafür, dass Unternehmen sich vom Brexit nicht einschüchtern lassen. Der Chef des britischen Pharmakonzerns GlaxoSmithKline, Andrew Witty, war vor dem Referendum das Sprachrohr der sogenannten Life-Science-Industrie, die vehement gegen den Brexit argumentierte. Witty brauchte nach dem Entscheid aber nur wenige Wochen, um zu verkünden, sein Unternehmen werde 275 Millionen Pfund in den Standort Großbritannien investieren. Und auch der japanische Autobauer Honda hält daran fest, wie zuvor geplant 200 Millionen Pfund in den Ausbau seiner Produktionsanlagen in Wales zu stecken. Man tut gut daran, abzuwarten – oder, wie es ein berühmtes britisches Plakat empfiehlt: "Keep calm and carry on."