Wenn ich nach Mainz komme und den Zusammenfluss von Rhein und Main kurz vor der Stadt aus dem Zugfenster sehe, muss ich an Anna Seghers denken. Der Ausflug der toten Mädchen. In dieser wunderschönen Erzählung erinnert sich die Ich-Erzählerin in den Bergen irgendwo in Mexiko an eine Dampferfahrt auf dem Rhein. In Mainz.

Eine Anna-Seghers-Straße gibt es in Mainz, wo Seghers geboren wurde, nicht. Aber immerhin die Integrierte Gesamtschule Anna Seghers. Bis zum Rhein ist es von dort aus allerdings ein ganzes Stück zu laufen. Fast vier Kilometer, laut Google Maps.

Oft bin ich nicht in Mainz, obwohl ich dort Stadtschreiber bin und für ein Jahr eine Wohnung habe. Die befindet sich oben im Gutenbergmuseum direkt am Dom. Der große Gutenberg müsste uns, Mainzer und Leipziger, doch einen. Der alte Großfürst der Bücher. Den wir heute doch so sehr brauchen, im Wahn der Digitalisierung ... Komm wieder, Dr. Gutenberg!

Leipzig war einst die Hauptstadt der Verlage. Kafka wurde hier verlegt, vom großen Kurt Wolff. Der Verlag Reclam Leipzig druckte Wolfgang Hilbig in einer Zeit, in der das eigentlich unmöglich war. Die Insel-Bände kamen aus Leipzig. Die Leipziger Buchmesse gab es lange vor der Frankfurter.

Kürzlich saß ich beim Treffen der Hilbig-Gesellschaft mit dem legendären Reclam-Lektor Hubert Witt zusammen, und wir diskutierten gemeinsam mit den anderen Mitgliedern die Notwendigkeit und Möglichkeit eines Wolfgang-Hilbig-Literaturpreises, vergeben in Leipzig. Hilbig ist zwar in Meuselwitz geboren und aufgewachsen, aber das nahe Leipzig war ein wichtiger Ort für ihn, in Literatur und Leben.

Hilbig verbrachte viel Zeit in anderen Städten, meist mit Stipendien, einmal war er Stadtschreiber von Bergen-Enkheim, was gar nicht so weit weg liegt von Mainz, näher noch an Frankfurt, aber Stadtschreiber in Mainz ist er nie gewesen.

Aber unser Erich Loest war Mainzer Stadtschreiber. 1998.

Der sprach ein schönes Sächsisch, mittelsächsische Mundart, vielleicht hat er mir damals schon den Boden bereitet, denn komisch schaut mich hier keiner an, wenn ich lossächsele, als gäbe es kee morschn.

Denn dass ich mich oft fremd fühle in Mainz, ist vielleicht gar kein Ost-West-Problem, wie ich anfangs dachte, sondern es liegt an der Mundart. Die babbeln dort, dass man kein Wort versteht. Eigentlich nicht unsympathisch. Aber der Dialekt wird ja nur uns Sachsen negativ ausgelegt. Außer in Mainz! In der Fremde ertappe ich mich oft dabei, wie ich beginne, breitestes Sächsisch zu reden. Oftmals sehr laut. Am scheensten isses eben Heeme.

Einen Anna-Seghers-Literaturpreis für Mainz und einen Wolfgang-Hilbig-Literaturpreis für Leipzig! Der Mainzer Stadtschreiber-Preis, denn so heißt er wirklich, ist schon eine gute Sache, auch ohne Seghers im Namen, man tritt in eine Ahnenreihe und kann Mainz bewandern. Leipzig vergibt keine ähnlich renommierten Literarischen Auszeichnungen, außer dem Preis der Leipziger Buchmesse, aber der gehört eben der Buchmesse. Und die Preisträger kommen und gehen und verweilen nicht und sind nicht so sehr der Stadt verbunden.