Im Fruchtland – Seite 1

Ehe man richtig versteht, was er sagt, irgendetwas über "Spezialitäten für Spezialisten", hat er sich schon weggedreht. Aber der Tonfall war eindeutig, in dieser gestauten Sprechweise, in der beißender Spott lauert. Theodor W. Adorno weiß, wo es langgeht, langzugehen hat, und es ist in Wahrheit nicht er, der sich wegdreht, es ist der Lautsprecher. Einer von vielen, die da nackt und gehäuselos an Kabeln baumeln, im Nebel. Aus anderen sprechen Boulez und Stockhausen, und dazwischen drehen sich spiegelnde Scheiben, die von zwei jungen Frauen sanft mit Schlegeln traktiert werden, gleichsam Vestalinnen in einem Tempel der Geister. Es sind die Geister der frühen Jahre, der Norweger Lars Petter Hagen hat sie gerufen.

Aber sie sind sowieso da, nicht nur in Hagens auratischer Installation zum 70-jährigen Jubiläum der "Internationalen Ferienkurse für Neue Musik Darmstadt". Der Name klingt ein bisschen nach Pfadfinderlager, doch hier trafen sich in den 1950er Jahren Komponisten und Theoretiker, die heute zu den Größten des 20. Jahrhunderts zählen. Nirgends kommt man ihrer Aufbruchszeit so nahe wie in Darmstadt, wo kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ein Kulturdezernent ohne viel Ahnung von Musik eigentlich nur eine Sommerakademie plante. Daraus wurde einer der wichtigsten Umschlagplätze der Avantgarde – gerade weil der Nachholbedarf so gewaltig war.

In zwölf Jahren Naziherrschaft waren nahezu alle kreativen Köpfe aus Deutschland vertrieben, zum Schweigen oder ums Leben gebracht worden. Es war der Neubeginn in einer verwüsteten Kulturlandschaft, der die Kämpfe um den "richtigen" Weg in die Zukunft so furios machte und Pierre Boulez, 1951 noch Stipendiat, rasch zum maßgeblichen Dozenten aufsteigen ließ. "Sobald er sah, dass eines [der ihm vorgelegten Stücke] nicht im Webern-Stil geschrieben war, lehnte er unwirsch die nähere Betrachtung ab", erinnert sich Hans-Werner Henze ans Seminar 1955. Ein Foto zeigt Henze, 29-jährig, mit Krawatte zum weißen Hemd, direkt neben dem 30-jährigen Antipoden Boulez, der supercool durch die Sonnenbrille auf eine neue Partitur späht.

Es ist eines von 20.000 Bildern, die das Archiv des IMD, des Internationalen Musikinstituts Darmstadt, zu einem der größten Schätze der Musikwelt machen, zusammen mit 10.000 Briefen, ebenso vielen Tonaufnahmen und weiteren Dokumenten. Dieses Archiv, das ist die eigentliche Sensation, ist jetzt digitalisiert, auf höchstem Niveau erschlossen und online zugänglich (wenngleich, aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes, nur auf Anfrage). Hier fand Lars Petter Hagen auch das Roadmovie, das einen Teil seiner Live-Installation Archive Fever bildet: Man sieht, wie der griechische Universalist Iannis Xenakis in den 1990ern durch Darmstadt kutschiert wird, im Halbprofil von hinten gefilmt, und wie er über Deutschland redet, die Nato, die Sowjetunion und den jüngeren Kollegen Brian Ferneyhough.

Ihn hatten Kursteilnehmer schon in den 1980ern vertreiben wollen, indem sie "FerneyHOUGH ab!" an Seminartafeln schrieben – es war eine Zeit des Widerstandes gegen komplexes Komponieren, und man stritt ziemlich grundsätzlich. Ferneyhough, 73 Jahre alt, ist immer noch dabei als einer von 56 Dozenten für 450 Teilnehmer, die sich (nebst Publikum) am Rand des Odenwalds ein geballtes Update der Avantgarde verpassen lassen. Die wendet sich mittlerweile ihrer Geschichte zu, nicht nur in Hagens Archive Fever.

Mehr als 60 Komponisten haben für das Projekt Historage Tondokumente des grandiosen Archivs geschreddert, granuliert, beballert. Zehn ihrer Stücke wurden vom Ensemble Distractfold auf CD realisiert, und da kann man hören, wie etwa Boulez’ orchestrale Doubles von 1958 in ein Apokalyptikum aus abgehackten Tonschleifen und dreckigen Viererbeats verwandelt werden (Bambi Redux). Dagegen wirkt Wolfgang Rihms Auseinandersetzung mit Beethovens opus 131, 1978 in Darmstadt uraufgeführt, wie eine meisterlich konstruktive Fortschreibung der Tradition. Sein Streichtrio ist im Rahmen der Reihe Rückspiegel zu hören, und man mag kaum glauben, dass einige Musikologen es bis heute der Neuen Einfachheit zurechnen.

Misstrauen gegenüber dem Dur-Akkord

Das Bedürfnis nach Kategorisierung ist zu verstehen angesichts der rund 5.000 Uraufführungen, die Darmstadt in 70 Jahren erlebt hat. Schon elf Jahre nach der Gründung waren die "Ferienkurse" ein Mekka auch für den aus Ungarn geflohenen György Ligeti, der sich um ein Stipendium bewarb: "Ich bin außerordentlich interessiert an den Umwälzungen, die in der Musik vorgehen (… ) ich lebte doch in Mangel von Atmosphäre und Orientierung", schrieb er an Wolfgang Steinecke, den Gründer, der sofort die Übernahme sämtlicher Kosten zusagte. Immerhin hatte der Flüchtling eine vielsagende Adresse: c/o Karlheinz Stockhausen, Köln.

Mit 2617 Datensätzen ist Stockhausen der Spitzenreiter im Archiv, dicht gefolgt von Boulez, Maderna und Arnold Schönberg. Schönberg war eingeladen, als 1950 sein Überlebender aus Warschau aufgeführt wurde, seine Auseinandersetzung mit dem Holocaust. Doch er war zu krank und bekam nichts mit von den Widerständen, von denen der Publizist Heinz-Klaus Metzger später erzählte. "Das sollen die Juden selber singen", hätten die Choristen gegen den hebräischen Schlusschor gewettert. Man stand eben nicht nur "an der Grenze des Fruchtlandes", wie Boulez damals enthusiastisch formulierte, sondern auch im Schatten eines Zivilisationsbruches.

Auch daher rührt das Misstrauen vieler Nachkriegskomponisten gegenüber jener musikalischen Tradition, die den Nazis recht war, bis hin zum schlichten Dur-Akkord. Dagegen setzte man die "Enthierarchisierung" der Töne im Serialismus, das Hinterfragen jedweder Konvention. Selbst im aktuellen Heft der Darmstädter Beiträge zur Musik wirkt das nach, wenn der SWR-Redakteur Michael Rebhahn, 42, davon ausgeht, dass "künstlerische Innovation nur aus der Unterminierung, nicht aber aus der bloßen Modifikation des Gesetzten resultieren" könne. Das ist in bewährter Ausschließlichkeit formuliert und kaum auf den Modifikator Mozart gemünzt (der es im Archiv nur auf 40 Datensätze bringt). Aber es reizt zur Diskussion.

Für Komponisten könnte zukünftig die "Aura der Quelle" interessant werden, wie Thomas Schäfer das nennt, Leiter der Ferienkurse und Direktor des IMD. Vielleicht steht die Faszination der (Groß-)Väter für eine neue Verbindlichkeit – jenseits der Dogmen? In Lars Petter Hagens Installation wird diese Aura nicht nur mit Geisterstimmen und einer Séance für Instrumentalisten und Audiofiles beschworen. Sie hat auch etwas Explosives: Ins Treppenhaus der Volkshochschule, Ort vieler musikalischer Pioniertaten seit 1964, platzen verzerrte Klavierbrocken der Moderne wie das Brüllen gefangener Tiger. Den Pförtner lässt das kalt. Er sitzt im Karohemd hinter seinem Glasfenster und blickt stoisch am Andrang vorbei. Noch ein paar Tage, dann herrscht hier wieder Ruhe.

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