Stoffmangel dürfte nie ihr Problem gewesen sein, biografische Eintönigkeit ebenso wenig. Katja Lange-Müller, 1951 in Ost-Berlin geboren, 1984 in den Westen übergesiedelt, hat das Innenleben eines sozialistischen und eines kapitalistischen Staates kennengelernt sowie den Lebensalltag diverser Berufe. Unter anderem arbeitete sie als Hilfsschwester auf psychiatrischen Klinikstationen.

Aber die Frage, ob ein Schriftsteller auf einem prall oder einem eher dünn mit Geschichten gefüllten Koffer sitzt, wird nur zum Teil, vielleicht sogar dem geringeren, durch seine Biografie beantwortet. Der andere Teil heißt: Weltinteresse. Und darin ist Lange-Müller schwer zu überbieten. Ihre Bücher haben neben dem soziologischen bisweilen sogar einen enzyklopädischen Aspekt. Wer sie liest, lernt Milieus (bevorzugt das plebejische) und Jargons kennen, erfährt einiges über Gastronomie (bevorzugt die Bierkneipe "Feuchte Welle" in Berlin-Moabit) und erhält ganze Lektionen in Biologie. Eine statistische Auswertung des Lange-Müllerschen Werks ergäbe mit einiger Sicherheit, dass dieses von Tieren so dicht besiedelt ist wie von Menschen.

Eine derart gut ausgestattete Autorin könnte, eine Möglichkeit, dem Markt alle drei Jahre einen stattlichen Roman zuführen. Einen Psychiatrieroman, einen ausholenden Wenderoman, einen Mutterauseinandersetzungsroman – das wäre bei Katja Lange-Müller, zumindest stofflich, alles drin gewesen. Sie wählte eine andere Möglichkeit, was sich schon daran zeigt, dass seit ihrer letzten Veröffentlichung, dem hoch gelobten Liebesroman Böse Schafe, ganze neun Jahre vergangen sind. Ihr Konzept heißt: Materialverdichtung. Sie selbst spricht vom "Brühwürfel". Mit dieser Metapher erläuterte sie in ihrer Frankfurter Poetik-Dozentur jüngst ihre Vorliebe für dichte, kompakte Literatur, für die Sprintstrecke der Erzählung. Unvergesslich sind viele ihrer tableauhaften Prosabilder, wie das Bild des sterbenden Hundes, der sich in dem Band Die Enten, die Frauen und die Wahrheit (2003) über einen nicaraguanischen Strand schleppt und seine deutsche Beobachterin Asta in ein unauflösliches Mitleidsdrama verwickelt.

Nun, dreizehn Jahre später, ist Asta wieder da. Sie ist die Protagonistin von Katja Lange-Müllers neuem Roman Drehtür. Asta ist Krankenschwester von Beruf und, wie ihre Erfinderin, 65 Jahre alt. Ihr Leben könnte tatsächlich das von Katja Lange-Müller sein, wäre diese nicht vor Jahren aus dem Schwestern- in den Schriftstellerberuf ausgeschert. Asta aber hat 22 Jahre im Dienst internationaler Hilfsorganisationen verbracht, zuletzt in einem Krankenhaus in Nicaragua. Die dortigen Kollegen rieten ihr, ein Erholungspäuschen einzulegen. In Wahrheit wollten sie Asta loswerden und schenkten ihr ein One-Way-Ticket nach München.

Dort ist sie nun gelandet. Sie steht, zu Romanbeginn, am Münchner Flughafen an einer Drehtür zwischen drinnen und draußen, was auch heißt, zwischen Nichtraucher- und Raucherzone. Gequalmt wird bei Lange-Müller bekanntlich viel. Asta hat gleich eine Stange Camel dabei. Am Ende des Romans ist sie bei der zweiten Schachtel angelangt und treibt sich, ohne Ziel und festen Wohnsitz, immer noch an der Drehtür herum. Deren Kreisbewegung aber gibt die Rondoform des Romans vor, eine Gliederkette erinnerter Episoden, hervorgerufen durch Gesichter am Flughafen, in die sich Asta in ihrer Trance versenkt und in denen sie Gesichter aus ihrer Vergangenheit zu erkennen glaubt.

Ein rundes Dutzend Geschichten tritt auf etwas mehr als 200 Prosaseiten zusammen; Liebesgeschichten (oft vergebliche) und Krankenhausgeschichten, eine Künstlertragödie, ein verpfuschter Paarurlaub im tunesischen Touristenhotel und natürlich Tiergeschichten. Die Revolutionärin Tamara Bunke tritt auf, jene DDR-Legende, die in den sechziger Jahren von Ost-Berlin nach Kuba aufbrach, sich dem Guerillakommando Che Guevaras anschloss und 1967 im bolivianischen Dschungel erschossen wurde. Ein Höhepunkt des Romans ist die abgründige Groteske einer Lesereise nach Kalkutta, die sich als kalkulierter Charity-Handel entpuppt; eine Lange-Müller-typische Schrulle ist der Fall eines jungen Asiaten, den Asta vor Jahren nachts von der Straße auflas. Er litt jämmerlich an Zahnschmerzen. Sie bot ihm Unterkunft, Aspirin und Alkohol und erhielt, anstatt der kurzfristig erhofften Erotik, am nächsten Morgen Besuch von Genossen der nordkoreanischen Botschaft. Mit einem Blumenstrauß bedankten sie sich für die Rettung des Botschaftskochs.

Auf den ersten Blick hält diesen Reigen nicht viel mehr zusammen als Astas assoziatives, mehr oder weniger wahlloses Lebensresümee. Auf den zweiten ist es gerade so nicht. Zwar zieht Asta tatsächlich Resümee. Dass es auf ein Lebensfinale zuläuft, erahnt der Leser durch diskret eingestreute Hinweise. Aber wahllos ist hier gar nichts und Drehtür ein thematischer Roman, dessen Fäden sich in einem exakt benennbaren Punkt verknoten: Caritas. Jener Form der Liebe, die sich als tätige Mitmenschlichkeit verwirklicht. Es ist ein Seitenthema sämtlicher Bücher Katja Lange-Müllers, das sie nun zum Hauptthema verdichtet, zu einer erzählenden Phänomenologie der Caritas in all ihren Aspekten und Ambivalenzen: der Vermischung von Eros und Barmherzigkeit, worum es schon in Böse Schafe ging. Der menschlichen Feigheit vor dem Elend. Dem möglichen Machtgewinn karitativen und dem Narzissmusgewinn moralischen Handelns – all dem, was das Schlagwort vom Helfersyndrom etwas abschätzig meint.