Der Teufel liebt Pizza. Deshalb steht in der Hölle ein Ofen, zweieinhalb Tonnen schwer, Maßarbeit aus Neapel und perfekt, um das Böse auszubrüten. Teigräder, 32 Zentimeter Durchmesser, garniert mit Tomaten, Rucola und Mozzarella. Je nach Saison kommen Speck und Pilze dazu. Sardellen. Kapern. Der Teufel ist auch ein Gourmet.

Jill Bittner, 32, sitzt am Fenster ihrer neu eröffneten Pizzeria, Bartelsstraße 12. Die Adresse ist besser bekannt als Schanzenhof, früher war hier ein Biorestaurant, aber der Betreiber kam mit der Mieterhöhung nicht zurecht, nachdem ein Investor das Gebäude gekauft hatte. Das Biorestaurant hieß Schanzenstern und stand für das Gute, die Zeit vor der Gentrifizierung, als Solidarität und Fairness noch etwas galten in einer Gegend, die nun von Geschäftemachern zurechtgedrillt wird, bis sie aussieht wie Eppendorf. So sehen es jedenfalls die Leute, die Jill Bittner bekämpfen mit allem, was zu haben ist im Arsenal pubertärer Protestgesten – Hasstiraden auf Wände schmieren, Farbbeutel schmeißen, diese Nummer. Jill Bittner soll die Galionsfigur sein für die kapitalistische Urbanisierung, wie es im Jargon heißt, für die kulturelle Planierung einstmals intakter Viertel durch Yuppies, Hipster und Touristen.

Schaut man sie sich also genau an, diese angebliche Agentin der Verdrängung von ökonomisch Schwachen, diese Durchpeitscherin einer neuen, auf Korruption und Desintegration basierenden Sozialstruktur. Vielleicht ist sie ja so eine Ex-Werberin aus Westdeutschland, die nach dem Burn-out von der Sinnkrise geradewegs in den Traum einer schicken Gastronomen-Existenz gerauscht ist, inklusive moralischer Absicherung qua Bio- und Nachhaltigkeitszertifizierung.

Ist sie nicht.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 34 vom 11.8. 2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Jill Bittner ist in der Schanze aufgewachsen, Otzenstraße, Wohlwillstraße. Die Mutter, alleinerziehend, war Cutterin beim NDR. So sollte es auch laufen für die Tochter: Fachabitur und dann Ausbildung zur Film- und Tonassistentin, wie es damals hieß.

Finanziert wird das Ganze durch Aushilfsjobs. Jill Bittner arbeitet seit ihrem 14. Lebensjahr in Kneipen. Im Grünen Jäger, der Anfang der nuller Jahre noch eine Internetkneipe war, serviert sie Toast für die Kids aus der Gegend und spürt nebenbei im Netz ihren Vater auf. Der Mann hatte sich ins Ausland abgesetzt.

Eine von Zahnarzt- oder Professoren-Eltern alimentierte Existenzgründung sieht anders aus.

Jill Bittner entscheidet sich gegen eine Anstellung beim Rundfunk und für die Gastronomie, jobbt weiter in Bars und Restaurants und versucht es mit einem Café in der Marktstraße. Ein Flop, es folgen noch mehr Jobs, und weil sie 2010 Mutter wird, muss es irgendwann Schichtdienst sein, der lässt sich besser koordinieren mit Krippe- und Kita-Zeiten.

Jill Bittner arbeitet im Hotel Pyjama Park Reeperbahn, Frühschicht von 6 bis 14.30 Uhr, und weil sie ein Talent hat für die Herstellung kulinarischer Effekte mit einfachen Mitteln, kreiert sie einen Frühstücksservice. Die Gäste sind begeistert, Hotelbetreiber Stephan Behrmann ebenso. Als er 2015 die Räume des Schanzenstern-Hotels und -Restaurants übernimmt, macht er Bittner ein Angebot.

"Ich habe alles auf eine Karte gesetzt, alles hängt da dran", sagt die Frau, die man sich als Kriegsgewinnlerin in den Ruinen der neoliberalen Verwüstung vorzustellen hatte und die sich nun als Figur einer sozialdemokratischen Heldengeschichte entpuppt.