DIE ZEIT: Xatar und Haftbefehl, wir sprechen mit zwei Schwergewichten des deutschen Hip-Hops, mit zwei Königen des deutschen Gangsta-Rap: Wie würden Sie sich dem ZEIT- Leser, der vielleicht nicht viel von deutschem Hip-Hop versteht, mit ein paar Sätzen vorstellen?

Xatar: Wir sind das künstlerische Ergebnis der Kehrseite vom Wohlstand in diesem System.

Haftbefehl: Hallo. Schönen guten Tag. Ich bin der Aykut Anhan, ich komme aus Offenbach.

ZEIT: Ist Ihnen der Begriff Gangsta-Rap angenehm, oder verwenden Sie lieber den neutraleren Begriff des Straßen-Rap?

Xatar: Gangsta-Rap ist okay.

ZEIT: Haftbefehl, Sie haben Erfahrung als Drogendealer. Xatar, Sie saßen in den USA, im Irak und wegen eines Raubüberfalls in Deutschland fünf Jahre im Gefängnis. Geht Ihnen der Kult um Ihre kriminelle Vergangenheit manchmal auf die Nerven?

Haftbefehl: Alles kommt, wie es kommen muss. Jeder hat sein Schicksal.

Xatar: Der Mensch ist seine Vergangenheit, ich bin meine Vergangenheit.

ZEIT: Besonders im Hip-Hop ist der Begriff der Authentizität wichtig. Gibt Ihnen Ihre Vergangenheit eine andere Tiefe, einen anderen Bass, eine andere Glaubwürdigkeit?

Haftbefehl: Natürlich ist das so.

Xatar: Wir sind das, was wir sind. Die anderen versuchen vielleicht, so zu sein wie wir. Dafür können wir nichts.

ZEIT: Sie beide sind, vor allem mit dem jeweils letzten Album, richtiggehende Lieblinge des Feuilletons und der linksliberalen Boheme der deutschen Großstädte geworden. Wie erklären Sie sich das?

Haftbefehl: Feuilleton? Was ist das noch mal?

ZEIT: Das Feuilleton ist der Kulturteil der großen Zeitungen. Sie unterhalten sich gerade mit dem Feuilleton der ZEIT.

Haftbefehl: Ach so. Keine Ahnung. Wahrscheinlich bin ich einfach ein cooler Typ.

Xatar: Das ist doch ganz einfach. Wir haben viel Mist erlebt. Wir hatten eine toughe Kindheit. Viele Menschen in Deutschland sitzen ihr Leben lang nur vor dem Fernseher. Die erleben nichts. Ich glaube, dass wir von Seiten von Deutschland erzählen, von denen viele nichts wissen. Wer in einer Bonzengegend oder in einem Dorf wohnt, der kriegt doch von den wahren Zuständen in diesem Land nichts mit.

Haftbefehl: Merkst du das, Brudi? Wir werden hier gerade feuilletonisiert.

ZEIT: Wie kam es jetzt dazu, dass Xatar und Haftbefehl sich als Coup für das Album Der Holland Job zusammengeschlossen haben?

Haftbefehl: 2008 haben wir uns kennengelernt, beim Festival Rheinkultur in Bonn. Ich war noch nicht so bekannt, hatte gerade angefangen zu rappen. Dann ist er leider in den Knast gekommen. Jetzt waren wir dann endlich so weit.

Xatar: Ich kam vor 18 Monaten aus dem Knast raus, und wir haben gleich die Deals gemacht.

ZEIT: Lassen Sie uns über Musik reden. Haftbefehl, was mögen Sie an dem Sound Ihres Kollegen Xatar? Xatar, wo liegt Ihrer Meinung nach das große Talent des Rappers Haftbefehl?

Xatar: In Deutschland hatte sich mit Bushido ein Schema von Rap etabliert – alle haben versucht, das nachzumachen. Haftbefehl hat in den Rap einen neuen Flow, eine neue Rhythmik des Sprechgesangs gebracht, alle wollten mit tiefer Stimme rappen, seine Stimme war hoch. Das andere Ding war die Sprache. Haftbefehl hat den Slang ins Game gebracht.

Haftbefehl: Xatar war der erste Streetrapper, der ausländische Wörter in den deutschen Rap gebracht hat, Arabisch, Türkisch, Kurdisch, Italienisch. Ich habe mit dem neuen Slang dann richtig übertrieben. Noch vor fünf Jahren haben mich nur die Leute in Frankfurt verstanden. Frankfurt ist sehr multikulti. Verstehst du, wenn ein Hipster neben uns sitzt, dann versteht er kein Wort. Obwohl wir deutsch reden.

Xatar: Mittlerweile reden die Kanaken in Berlin, in Köln, in Frankfurt alle so.

ZEIT: Gibt es eine Botschaft an die deutsche Hip-Hop-Community, die von Der Holland Job ausgeht?

Haftbefehl: Unsere Botschaft war, alle Kollaborationsalben, die es bisher gab, wegzuficken, und ich glaube, das haben wir auch geschafft.

ZEIT: Es ist auffällig, dass das Album nicht besonders hart klingt. Es herrscht eine helle, gelöste, entspannte Stimmung. Was ist los? Geht es Ihnen so gut?