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Das Jahr 2016 ist erst wenige Stunden alt, als die Orgie in der Berliner Altbauwohnung von Jacob Appelbaum am Prenzlauer Berg richtig losgeht. Im Wohnzimmer hat jemand das Sofa ausgeklappt, zwei Paare haben dort gleichzeitig Sex. Manche der Gäste haben zuvor, auf einer anderen Feier, bereits die synthetische Partydroge MDMA eingeworfen, die euphorisiert und das Nähebedürfnis verstärkt. Ein drittes Paar ist im Schlafzimmer zugange. In Appelbaums Bett oder auf dem Sofa soll später ein Verbrechen passiert sein.

Im Wohnzimmer haben sich ein paar Leute auf dem Boden niedergelassen, alle sind angezogen. Sie haben die Musik laut gestellt, damit das Stöhnen der anderen weniger stört. Eine junge Journalistin hat es sich auf dem Schoß eines Mannes bequem gemacht, er massiert ihren Rücken. Gegenüber sitzt eine junge Amerikanerin, sie hat die anderen erst vor ein paar Tagen kennengelernt und wirkt, als fühle sie sich unwohl auf dieser Party – das wird später einer sagen, der dabei war. Sie spricht wenig, hört aber freundlich zu. Meist redet ohnehin der Gastgeber, um den herum die Gruppe sich versammelt hat: Der Amerikaner Jacob "Jake" Appelbaum, 33 Jahre alt, Spezialist für Computersicherheit und ein Rockstar der weltweiten Hackerszene. Sein Name wird in einem Atemzug genannt mit der Elite der digitalen Dissidenten, Edward Snowden oder Julian Assange. Für viele sind diese Männer Erlöserfiguren. Appelbaums Silvestergäste, etwa zwanzig, sind Programmierer, Hacker, Aktivisten aus aller Welt. Sie verbindet eine Mission: Sie nutzen Verschlüsselungstechnik, um gegen den verhassten Überwachungsstaat zu kämpfen.

Hier in der Berliner Szene ist Appelbaum ein Guru, seit er 2013 aus den USA geflohen ist, weil er sich dort von den Geheimdiensten verfolgt fühlte. In dieser Silvesternacht erzählt er von einer Reise in den Irak, von mathematischen Formeln, die er sich eintätowieren lassen will. Er zeigt den Gästen eine Skulptur, einen Journalistenpreis, der ihm vor zwei Jahren verliehen wurde. Er hatte für den Spiegel mit aufgedeckt, wie die NSA das Handy der Kanzlerin abhörte. Der Preis trägt den Namen des Journalisten Henri Nannen, über dessen Nazi-Vergangenheit Appelbaum sich empört. Ob er die Skulptur nicht mit Blut beschmieren sollte, fragt er in die Runde, mit dem Blut jüdischer Aktivisten, mit seinem eigenen Blut. Oder mit Menstruationsblut, sagt die Journalistin. Leider habe sie gerade ihre Tage nicht. Aber das sei doch, sagt Appelbaum, in anderer Hinsicht vorteilhaft. Wenig später verschwindet er mit ihr im Schlafzimmer. Die schweigsame Amerikanerin liegt dort bereits im Bett. Die drei haben Sex miteinander. Mit diesem Abend und zwei weiteren, die Appelbaum mit der Amerikanerin verbringt, ist sein gesellschaftlicher Untergang besiegelt. Die Amerikanerin wird später schwere Vorwürfe erheben. Jacob R. Appelbaum ist deshalb in der Öffentlichkeit heute nur noch eines: ein Sexualverbrecher.

Anfang Juni erklärt das Anonymisierungsnetzwerk Tor, die mächtigste Waffe im Kampf gegen Geheimdienste und staatliche Überwachung, dass Appelbaum zurückgetreten sei. Er war bis dahin der führende Entwickler des Tor-Projekts – vor allem aber die Galionsfigur der Software, die nicht nur die Infrastruktur für das bildet, was Darknet genannt wird. Weltweit vertrauen Menschen auf die Tor-Technik, wenn Informationen geheim bleiben müssen, sie um ihr Leben fürchten oder sie Zensur umgehen wollen. Schutz der Anonymität im Tor-Netzwerk finden etwa iranische Dissidenten oder Whistleblower wie der ehemalige NSA-Mitarbeiter Edward Snowden. Sie kommunizieren dort unerkannt.

Kurz nach der kargen Mitteilung taucht eine Website auf – jacobappelbaum.net. Dahinter verbirgt sich aber keineswegs die Seite von Appelbaum. Diese ist geschaltet von Menschen, die sich als seine Opfer sehen. Wer die Website besucht, sieht Fotos von Appelbaum: Er posiert in bunten Anzügen, als sei er der Joker aus den Batman-Filmen, und mit Mikrofon in der Hand einen Vortrag vor den Fans haltend. Hier melde sich ein Kollektiv von Personen zu Wort, schreiben die anonymen Seitenverantwortlichen, die sämtlich von Jacob Appelbaum "sexuell, emotional und körperlich" missbraucht worden seien. Über jedem der Appelbaum-Fotos steht der Deckname eines mutmaßlichen Opfers.

Dort berichtet unter anderem eine Frau, die sich "Forest" nennt. Sie erzählt, wie sie sich gezwungen sah, Appelbaums aufdringliche Avancen abzuweisen. Als sie davon ausgegangen sei, zwischen ihnen sei alles freundschaftlich geklärt, übernachtet sie in Appelbaums Wohnung und schläft neben ihm im Bett. Irgendwann wacht Forest auf, der schlafende Appelbaum, so gibt sie an, habe ihre Hose geöffnet und seine Finger in ihren Slip gesteckt. Sie habe versucht, ihn zu wecken, er habe sich dann umgedreht. Als Forest ihn später wütend anspricht, habe Appelbaum sich lapidar entschuldigt: Er habe geträumt, seine damalige Verlobte liege neben ihm.

Dort berichtet auch eine gewisse "River" – hinter dem Namen verbirgt sich jene Frau, die in der Silvesternacht mit der Journalistin und Appelbaum Sex hatte. Von River stammt der gravierendste Vorwurf: Appelbaum soll sie bedrängt haben, mit ihm zu schlafen. Seine Freunde hätten den Übergriff beobachtet. Sie selbst habe klargemacht, dass sie nicht wolle. Auf Anweisung von Appelbaum habe einer der Freunde sie angefasst. River schreibt, sie habe wiederholt geäußert, dass sie das nicht wünsche. Irgendwann, so River weiter, sei sie bewusstlos geworden – ob aufgrund von Alkohol oder Drogen, lässt sie offen. Als sie wieder zu sich gekommen sei, habe sie bemerkt, dass Appelbaum den Geschlechtsverkehr an ihr vollziehe. Die anderen hätten zugesehen. River schreibt: "Ich wusste bis vor Kurzem nicht, dass nicht einvernehmlicher Sex mit einem Freund eine Vergewaltigung ist."