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Das Jahr 2016 ist erst wenige Stunden alt, als die Orgie in der Berliner Altbauwohnung von Jacob Appelbaum am Prenzlauer Berg richtig losgeht. Im Wohnzimmer hat jemand das Sofa ausgeklappt, zwei Paare haben dort gleichzeitig Sex. Manche der Gäste haben zuvor, auf einer anderen Feier, bereits die synthetische Partydroge MDMA eingeworfen, die euphorisiert und das Nähebedürfnis verstärkt. Ein drittes Paar ist im Schlafzimmer zugange. In Appelbaums Bett oder auf dem Sofa soll später ein Verbrechen passiert sein.

Im Wohnzimmer haben sich ein paar Leute auf dem Boden niedergelassen, alle sind angezogen. Sie haben die Musik laut gestellt, damit das Stöhnen der anderen weniger stört. Eine junge Journalistin hat es sich auf dem Schoß eines Mannes bequem gemacht, er massiert ihren Rücken. Gegenüber sitzt eine junge Amerikanerin, sie hat die anderen erst vor ein paar Tagen kennengelernt und wirkt, als fühle sie sich unwohl auf dieser Party – das wird später einer sagen, der dabei war. Sie spricht wenig, hört aber freundlich zu. Meist redet ohnehin der Gastgeber, um den herum die Gruppe sich versammelt hat: Der Amerikaner Jacob "Jake" Appelbaum, 33 Jahre alt, Spezialist für Computersicherheit und ein Rockstar der weltweiten Hackerszene. Sein Name wird in einem Atemzug genannt mit der Elite der digitalen Dissidenten, Edward Snowden oder Julian Assange. Für viele sind diese Männer Erlöserfiguren. Appelbaums Silvestergäste, etwa zwanzig, sind Programmierer, Hacker, Aktivisten aus aller Welt. Sie verbindet eine Mission: Sie nutzen Verschlüsselungstechnik, um gegen den verhassten Überwachungsstaat zu kämpfen.

Hier in der Berliner Szene ist Appelbaum ein Guru, seit er 2013 aus den USA geflohen ist, weil er sich dort von den Geheimdiensten verfolgt fühlte. In dieser Silvesternacht erzählt er von einer Reise in den Irak, von mathematischen Formeln, die er sich eintätowieren lassen will. Er zeigt den Gästen eine Skulptur, einen Journalistenpreis, der ihm vor zwei Jahren verliehen wurde. Er hatte für den Spiegel mit aufgedeckt, wie die NSA das Handy der Kanzlerin abhörte. Der Preis trägt den Namen des Journalisten Henri Nannen, über dessen Nazi-Vergangenheit Appelbaum sich empört. Ob er die Skulptur nicht mit Blut beschmieren sollte, fragt er in die Runde, mit dem Blut jüdischer Aktivisten, mit seinem eigenen Blut. Oder mit Menstruationsblut, sagt die Journalistin. Leider habe sie gerade ihre Tage nicht. Aber das sei doch, sagt Appelbaum, in anderer Hinsicht vorteilhaft. Wenig später verschwindet er mit ihr im Schlafzimmer. Die schweigsame Amerikanerin liegt dort bereits im Bett. Die drei haben Sex miteinander. Mit diesem Abend und zwei weiteren, die Appelbaum mit der Amerikanerin verbringt, ist sein gesellschaftlicher Untergang besiegelt. Die Amerikanerin wird später schwere Vorwürfe erheben. Jacob R. Appelbaum ist deshalb in der Öffentlichkeit heute nur noch eines: ein Sexualverbrecher.

Anfang Juni erklärt das Anonymisierungsnetzwerk Tor, die mächtigste Waffe im Kampf gegen Geheimdienste und staatliche Überwachung, dass Appelbaum zurückgetreten sei. Er war bis dahin der führende Entwickler des Tor-Projekts – vor allem aber die Galionsfigur der Software, die nicht nur die Infrastruktur für das bildet, was Darknet genannt wird. Weltweit vertrauen Menschen auf die Tor-Technik, wenn Informationen geheim bleiben müssen, sie um ihr Leben fürchten oder sie Zensur umgehen wollen. Schutz der Anonymität im Tor-Netzwerk finden etwa iranische Dissidenten oder Whistleblower wie der ehemalige NSA-Mitarbeiter Edward Snowden. Sie kommunizieren dort unerkannt.

Kurz nach der kargen Mitteilung taucht eine Website auf – jacobappelbaum.net. Dahinter verbirgt sich aber keineswegs die Seite von Appelbaum. Diese ist geschaltet von Menschen, die sich als seine Opfer sehen. Wer die Website besucht, sieht Fotos von Appelbaum: Er posiert in bunten Anzügen, als sei er der Joker aus den Batman-Filmen, und mit Mikrofon in der Hand einen Vortrag vor den Fans haltend. Hier melde sich ein Kollektiv von Personen zu Wort, schreiben die anonymen Seitenverantwortlichen, die sämtlich von Jacob Appelbaum "sexuell, emotional und körperlich" missbraucht worden seien. Über jedem der Appelbaum-Fotos steht der Deckname eines mutmaßlichen Opfers.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 34 vom 11.8.2016.

Dort berichtet unter anderem eine Frau, die sich "Forest" nennt. Sie erzählt, wie sie sich gezwungen sah, Appelbaums aufdringliche Avancen abzuweisen. Als sie davon ausgegangen sei, zwischen ihnen sei alles freundschaftlich geklärt, übernachtet sie in Appelbaums Wohnung und schläft neben ihm im Bett. Irgendwann wacht Forest auf, der schlafende Appelbaum, so gibt sie an, habe ihre Hose geöffnet und seine Finger in ihren Slip gesteckt. Sie habe versucht, ihn zu wecken, er habe sich dann umgedreht. Als Forest ihn später wütend anspricht, habe Appelbaum sich lapidar entschuldigt: Er habe geträumt, seine damalige Verlobte liege neben ihm.

Dort berichtet auch eine gewisse "River" – hinter dem Namen verbirgt sich jene Frau, die in der Silvesternacht mit der Journalistin und Appelbaum Sex hatte. Von River stammt der gravierendste Vorwurf: Appelbaum soll sie bedrängt haben, mit ihm zu schlafen. Seine Freunde hätten den Übergriff beobachtet. Sie selbst habe klargemacht, dass sie nicht wolle. Auf Anweisung von Appelbaum habe einer der Freunde sie angefasst. River schreibt, sie habe wiederholt geäußert, dass sie das nicht wünsche. Irgendwann, so River weiter, sei sie bewusstlos geworden – ob aufgrund von Alkohol oder Drogen, lässt sie offen. Als sie wieder zu sich gekommen sei, habe sie bemerkt, dass Appelbaum den Geschlechtsverkehr an ihr vollziehe. Die anderen hätten zugesehen. River schreibt: "Ich wusste bis vor Kurzem nicht, dass nicht einvernehmlicher Sex mit einem Freund eine Vergewaltigung ist."

Kaum einen interessiert, ob die Vorwürfe überhaupt nachweisbar sind

Ist Appelbaum ein Sexualverbrecher? Der juristische Ausdruck für das, was er mit der Person namens River gemacht haben soll, lautet "sexueller Missbrauch widerstandsunfähiger Personen". Das wird als Vergewaltigung bestraft. In Deutschland steht darauf nach Paragraf 179 Strafgesetzbuch eine Freiheitsstrafe zwischen zwei und fünfzehn Jahren. Außerdem könnte ein mit Freiheitsstrafe über drei Jahren bestrafter Ausländer seine Aufenthaltsgenehmigung verlieren. Appelbaum bestreitet Rivers Anschuldigungen vehement.

Um zu verstehen, was wirklich geschehen sein könnte, muss man in diesem Fall auf Details achten, die Decknamen den Klarnamen zuordnen. Man muss nicht nur die drei Tage nach Silvester rekonstruieren, an denen River bei Appelbaum zu Hause war. Auch was an den Tagen zuvor passierte, muss man erzählen. Genauso wie die Ereignisse, die erst durch Appelbaums Rücktritt ins Rollen kamen.

Nicht alle Fälle auf der Opfer-Website sind von beachtlicher juristischer Relevanz. Eine Frau, die sich "Sam" nennt, erzählt Folgendes: Sie habe eine Affäre mit Appelbaum gehabt und ihn einmal zu Hause besucht. Er habe nackt in der Badewanne gelegen und sie zu sich ins Wasser gezogen ("kind of pulled me", wie sie schreibt, also "auf eine Art gezogen"). Anschließend habe er sie "nicht einvernehmlich gewaschen". Sam begreift diesen Vorfall mittlerweile als hässliche Überrumpelung. Andere Opfer berichten anonym, Appelbaum habe sie unerlaubt auf den Mund geküsst. Einmal soll er einem Freund eine "aggressive Schultermassage" gegeben haben. Die Website zählt viele kleinere Verfehlungen auf, auch Appelbaums verbale Grobheiten und dumme Zoten, aber sie birgt eben auch diesen Vorwurf eines schweren Verbrechens.

Die Wirkung ist durchschlagend: Nachdem Appelbaum Tor verlassen hat, erklären ihn auch andere Organisationen zur Persona non grata. Die renommierte Freedom of the Press Foundation trennt sich von ihm, die Hackergruppe Cult of the Dead Cow verstößt ihn, der Hackerspace "Noisebridge", den er in San Francisco mitgegründet hat, erteilt ihm Hausverbot. Unbekannte sprühen an die Hauswand seiner Wohnung: "Ein Vergewaltiger wohnt hier!". Auf Deutsch und Englisch, dazu Pfeile, die auf Fenster seiner Wohnung zeigen sollen.

Doch es gibt auch die andere Seite, auf der jene sich versammeln, die in Appelbaum das eigentliche Opfer sehen. Das Opfer rachsüchtiger Radikalfeministinnen, die im politisch korrekten Wahn jeden kleinen Fehltritt zum Verbrechen aufblasen, die Unschuldsvermutung missachten und – jenseits der Justiz – Pranger-Internetseiten betreiben. Wofür sich beide Seiten erstaunlicherweise kaum interessieren, ist die Frage, welcher der Vorwürfe auf der Website denn überhaupt nachweisbar ist. Welche Details zutreffen, welche nicht. Ist Appelbaum tatsächlich ein Vergewaltiger? War River wirklich bewusstlos?

Die Abkürzung Tor steht für The Onion Router, übersetzt bedeutet das in etwa "Der Zwiebel-Verteiler". Der Name soll umschreiben, wie die Tor-Technik mehrere Schichten um einen Datenstrom legt, jede einzeln und anders verschlüsselt. So weiß am Ende keiner, nicht einmal die NSA, wer die Daten sendet und wer sie empfängt. Und wie die Schichten dieser Zwiebel nur schwer voneinander zu lösen sind, so entblättert sich auch der Fall Appelbaum erst in langer Recherche. Hinter den Vorwürfen steckt nicht nur eine Geschichte, sondern gleich mehrere: Die erste handelt vom Feldzug einer Gruppe von Aktivisten gegen ihren ehemaligen Helden. Die anderen handeln von einer verschworenen Gemeinschaft, in der man auf Menschen trifft, die anders leben. Extremer, anspruchsvoller. Man erfährt von Gruppensex, Polyamorie, Transgendern und queeren Hackern. Von Menschen, die nicht nur den Überwachungsstaat hassen, sondern jede Ordnung. Von libertären Aktivisten, aber auch von Menschen, die jede Form von Sex ausprobieren. Die angebliche Freiheit moderner, grenzenloser, emanzipierter Amourösität geht einher mit Verrat, Tristesse, Machtspielen und beeindruckender Gefühlskälte.

Beginnen wir mit dem, was einige Tage vor der angeblichen Tat geschah, am 26. Dezember, dem Abend vor dem Chaos Communication Congress in Hamburg. Der "Congress", wie ihn alle nennen, ist weltweit das wichtigste Treffen der Szene. Man kommt aber nicht bloß der Vorträge wegen. Hier feiert die Hackercommunity den Jahresabschluss, mit Alkohol, Drogen und Sex. Am Vorabend des Congresses sitzt Appelbaum zusammen mit anderen in der Lobby des Radisson-Hotels, das direkt neben dem Kongresszentrum liegt. Appelbaum soll sturzbetrunken gewesen sein. Er bestellt im Restaurant und an der Bar Aperol Spritz, zehn oder zwölf, vielleicht noch mehr. In der Lobby des Hotels spielen sich zwei Szenen ab, die zeigen, wie unzuverlässig Menschen wahrnehmen, was Appelbaum tut. Und sie zeigen, dass Appelbaum ein impulsiver Mensch ist, getrieben, vulgär. Auch arrogant, herablassend und übergriffig. Menschen aus der Bewegung beschreiben ihn als "sexuell experimentierfreudig". Als einen, der meist auch bekommt, was er will. "Ich habe erlebt, wie er über die Gefühle anderer hinweggeht", sagt einer, der ihn gut kennt, "und wie er übertrieben hartnäckig versucht, von anderen die Erlaubnis einzuholen, etwas zu tun, was sie nicht tun wollten." Aber er frage um Erlaubnis. Andere berichten, er habe sich ihnen gegenüber respektvoll verhalten. Vielleicht wird aus der juristischen Klarheit, mit der das Sexuelle in der Szene geregelt wird, dem Wunsch nach ausdrücklichem consent, schnell Grobheit, wenn einer wie Appelbaum auf andere einredet. Und vielleicht ist es Appelbaums zwiespältiger Ruf in Kombination mit allerhand Ausfällen, was es vielen Menschen leicht machte, die Vergewaltigungsvorwürfe sofort zu glauben, als sie im Juni aufkamen.

Eine der vielen Frauen, mit denen Appelbaum in wechselnden Konstellationen Sex hat, ist eine junge Russin, die für den Congress nach Hamburg gereist ist. Sie trinken zusammen in der Lobby. Irgendwann, die beiden stehen vor den Toiletten, küsst Appelbaum die Frau so heftig, dass ihre Lippe blutet. In der Lobby wartet noch eine andere Freundin Appelbaums an der Bar, eine Studentin aus Deutschland. Ihr geht es an diesem Abend nicht gut, sie setzt sich auf Appelbaums Schoß. Die beiden küssen sich, fassen einander an. Irgendwann fällt der Studentin auf, dass sie ihre Tasche verloren hat, nervös schaut sie sich in der Lobby um. Als sie sich später von Appelbaum verabschiedet, schubst sie ihn im Spaß weg. Ein Mann tritt hinzu: Ob Appelbaum sie belästige? Nein, sagt die Studentin. Der Mann schiebt sich trotzdem zwischen sie und Appelbaum und redet auf ihn ein.

WikiLeaks liegen keine Beschwerden gegen Appelbaum vor

Sechs Monate später, Appelbaum gilt nun als Vergewaltiger, geben drei Augenzeugen aus der Lobby dem US-Techblog Gizmodo ein Interview, darunter auch jener Mann, der auf Appelbaum einredete. Die drei erzählen, Appelbaum habe damals versucht, eine Frau gewaltsam zu küssen, und sie am Po und den Brüsten begrapscht. Die Frau sei offensichtlich in Not gewesen und habe ständig nach ihrer Tasche gesucht. Die Studentin stellt in einem Statement richtig, was passiert ist. "Ich wundere mich über die stark verzerrte Darstellung meiner Erlebnisse", schreibt sie.

Den Machern der Opfer-Website jacobappelbaum.net unterlief derselbe Fehler: Eine frühe Version der Website enthielt den Fall "Alice". Der Text war nur kurz online. Obwohl Zeitpunkt und Ort geändert wurden, passt diese Geschichte haarscharf zu den Ereignissen beim Congress: Appelbaum küsst Alice so heftig, dass ihre Lippe blutet. Als Appelbaums russische Freundin den Text im Netz entdeckt, ist sie schockiert. Sie fordert die Verantwortlichen der Website auf, ihn sofort aus dem Netz zu nehmen. Sie will nicht für eine Kampagne eingespannt werden, die sie ablehnt. "Ich bin kein Opfer von Jake Appelbaum", sagt sie der ZEIT. Sie habe Freunden im Vertrauen von dem heftigen Kuss berichtet. Nicht bloß sei diese Geschichte jetzt ohne ihr Einverständnis auf der Seite benutzt worden – sie sei auch "stark manipuliert".

Knapp vierzehn Tage nachdem die Website online ging, veröffentlichen zwei Frauen Blogeinträge und bekennen sich dazu, hinter den Decknamen Sam und Forest zu stehen. Als Forest (der der schlafende Appelbaum in den Slip gegriffen haben soll) gibt sich eine Tor-Programmiererin mit dem Künstlernamen Isis Agora Lovecruft zu erkennen – eine junge Amerikanerin, die in Berlin lebt. Lovecruft ist keine Informatikerin, sie hat Physik und Literaturwissenschaft studiert, ihre Schwerpunkte: Hochenergiephysik und Feministische Kritische Theorie.

Sam ist ebenfalls Amerikanerin: Alison Macrina, Leiterin eines Projekts, das Tor in Bibliotheken zugänglich machen soll (sie ist die Frau mit dem "Badewannenerlebnis"). Viel spricht dafür, dass es auch die beiden waren, die die Website mit den Anschuldigungen aufgesetzt haben. Lovecruft selbst erklärte in ihrem Blog, schon seit einem halben Jahr Aussagen von Appelbaum-Opfern zu sammeln. Sie ist auch jene Freundin, der die russische Aktivistin Alice von der blutenden Lippe berichtet hat.

Es könnte sein, dass sich das, was Lovecruft und Macrina als Forest und Sam schildern, so zugetragen hat. Freunde von Appelbaum beschuldigen die beiden allerdings, entscheidende Details ausgelassen zu haben. So endet Sams Bericht etwa damit, dass sie aus der Badewanne springt und weint. Der Abend sei in Wirklichkeit aber anders ausgegangen. Nach einer längeren Aussprache habe Sam einvernehmlichen Sex mit Appelbaum gehabt. Macrina antwortet auf Nachfrage wütend, es sei "empörend und abartig", dass man sie überhaupt danach frage. Es sei grundsätzlich unangemessen, Opfern von Übergriffen andere sexuelle Begegnungen vorzuhalten und damit zu suggerieren, der Übergriff zähle nicht.

Nachdem nicht mehr bloß von anonymen Vorwürfen die Rede ist, distanziert sich nach heftigem internen Streit auch der in der internationalen Hackerszene bedeutende deutsche Chaos Computer Club von Appelbaum: Er sei nicht mehr willkommen, twittert der CCC am 17. Juni. Damit haben ihn alle wichtigen Institutionen verstoßen – von ganz wenigen Ausnahmen wie der Plattform WikiLeaks abgesehen, mit der er gelegentlich zusammengearbeitet hat. Deren prominentester Vertreter, Julian Assange, sitzt selbst wegen Vergewaltigungsvorwürfen in der Botschaft Ecuadors in London fest. Auf Nachfrage teilt man dort mit: WikiLeaks lägen keine Beschwerden gegen Appelbaum vor. Man habe alle Mitarbeiterinnen gefragt, ob sie sexuelle Gewalt durch Appelbaum erlebt hätten. Bei keiner sei das der Fall gewesen.

Unterdessen findet beim Tor-Projekt eine Mitarbeiter-Rochade statt. Am 13. Juli wird der gesamte Aufsichtsrat ausgetauscht. Außerdem verliert das Netzwerk den Tor-Veteranen Lucky Green, einen langjährigen Unterstützer, der nicht mehr mittragen will, wie man Appelbaum behandelt. Der Experte war für die sogenannte Bridge-Authority verantwortlich, ein technisches Werkzeug, mit dem auch Menschen in Ländern wie China trotz Internetzensur auf Tor zugreifen können. Tor baut inzwischen eine neue Bridge-Authority auf, verantwortlich für das Projekt: Isis Lovecruft alias Forest.

Alison Macrina alias Sam wurde die Leitung des "Community Teams" übertragen, nachdem die Vorwürfe bei Tor bekannt geworden waren. Schon seit Ende 2015 sitzt sie außerdem im " Community Council". Beide Gremien sind auch für den Umgang mit sexueller Belästigung von Mitarbeitern zuständig. In die internen Ermittlungen gegen Appelbaum soll sie eng eingebunden sein. Auf der Tor-Website wird Macrina plötzlich als herausgehobene Person des Tor-Projekts gelistet, im März stand an dieser Stelle noch Appelbaums Name. So ist wahr geworden, was sich River in ihrer Anschuldigung wünschte: Appelbaum solle nicht weiter Führer dieser Gemeinschaft sein, führen sollten vielmehr all die "edlen und mitfühlenden Menschen", welche die Vorwürfe gegen ihn öffentlich machten. Macrina sagt dazu, sie habe nie eine Position bekleidet, die Appelbaum zuvor innehatte, noch seine Aufgaben übernommen. Dass sie bei Tor inzwischen mehr Verantwortung trage, sei Folge ihres bewiesenen Engagements über die letzten Jahre. In keiner Weise korreliere das mit den Ereignissen um Appelbaum.

Appelbaum war innerhalb des Tor-Projekts immer umstritten. Er programmierte kaum, war eher für die Außendarstellung zuständig – stand auf Bühnen, bekam den Applaus. Andere verrichteten die Arbeit im Stillen, heißt es voller Neid. Appelbaum hat bei Tor teilweise knapp 100.000 Dollar Jahresgehalt bezogen, eine freie Programmiererin wie Lovecruft (Forest) nur einen Bruchteil davon. Seit Monaten schwelt überdies ein schwerer Konflikt um die politische Ausrichtung von Tor: Inwiefern sind Geldgeber wie das US-Außenministerium akzeptabel? Appelbaum hatte sich immer gegen zu viel Regierungsnähe, zu viel Professionalität gewehrt. Er wollte radikaler Kritiker bleiben.

All das mag dem Hass den Boden bereitet haben, beantwortet aber nicht die Frage, ob Appelbaum ein Vergewaltiger ist oder sich sonst strafbar gemacht hat. Das Tor-Projekt gibt am 27. Juli nach internen Untersuchungen eine Pressemitteilung heraus: Appelbaum habe mehrfach "unerwünschtes sexuell aggressives" Verhalten gezeigt. Kein Wort zu River, kein Wort dazu, ob sie "bewusstlos" war. Auch auf mehrfache Nachfrage äußert Tor sich nicht weiter.

Die Internetaktivisten bekriegen sich inzwischen gegenseitig

Appelbaum hingegen ist die Frage nicht egal. "Zu keinem Zeitpunkt", sagt er im Interview mit der ZEIT, "hatte ich Sex mit jemandem, der bewusstlos war; noch hatte ich Sex mit jemandem, der in irgendeiner Weise zu berauscht war, um zuzustimmen." Bis heute ermittelt kein Kriminalbeamter, kein Staatsanwalt gegen ihn. Es gibt nur die anonymen Anschuldigungen im Internet. Warum hat das Opfer die Behörden nicht eingeschaltet? Warum haben Lovecruft und Macrina den angeblichen Täter nicht angezeigt? Halten sie vom Rechtsstaat nichts? Dieses System, schreibt Macrina in einem Blogeintrag, setze nur die Gewalt fort, für Ankläger wie für Angeklagte. Lovecruft bezeichnet sich selbst als "Anarchistin", wie viele aus der Szene. Sie schreibt in ihrem Blog, sie wünsche, Appelbaum gehe ins Exil, nach Alaska oder Sibirien. "Ich will weder Jakes Geld, noch will ich ihn ins Gefängnis bringen", sagt sie auf Nachfrage. "Ich will mit dem Rechtssystem überhaupt nichts zu tun haben. Ich will nur Jakes misshandelndes Verhalten stoppen."

Anarchisten, die den Staat hassen, nehmen einen Vergewaltigungsvorwurf in die eigenen Hände. Und wo es normalerweise zu einem Strafverfahren kommt, herrscht jetzt das Gerücht. Auch unerklärlich ist, warum Appelbaum, der sich nach eigenen Angaben einer Falschbeschuldigung ausgesetzt sieht, nicht zur Polizei geht.

River war neu in der Szene. Sie kannte Appelbaum und die anderen erst seit wenigen Tagen, vom Congress. Wusste sie nicht, worauf sie sich einlässt? Gäste sagen: Appelbaum habe allen vorher deutlich gemacht, dass das eine "sexy time party" sein würde, bei ihm zu Hause. In der Silvesternacht will ein Zeuge beobachtet haben, wie River MDMA in der Hand hatte. Auch Appelbaum stand in dieser Nacht unter Drogen. Die Journalistin, die am Neujahrsmorgen gegen 10 Uhr die Wohnung Richtung Flughafen verlässt, versichert, River habe vergleichsweise nüchtern gewirkt und sei in der Nacht und am Morgen zu keinem Zeitpunkt bewusstlos gewesen. Alles, was zwischen den dreien passierte, sei einvernehmlich geschehen.

Erst am Nachmittag des 1. Januar gegen 17 Uhr wachen die restlichen Gäste Appelbaums auf, die es nicht nach Hause geschafft haben. Auch River gehört dazu. Die, die ihr an jenem Tag begegnen, erinnern sich an eine sehr ruhige, freundliche und ausgeglichene Person. Einer, der sich Sorgen machte, in der Silvesternacht zu viel aus seinem Intimleben preisgegeben zu haben, erzählt, dass River ihn getröstet habe. Am frühen Abend fahren er, River, Appelbaum und einige Freunde in das Berliner Spa Vabali am Hauptbahnhof.

Ähnlich wie im Fall der Russin mit dem Pseudonym Alice verschmelzen wohl auch in Rivers Geschichte diverse Abende, Situationen, Menschen miteinander. Geschehnisse sind eingeflossen, die nach der Rückkehr aus dem Spa und am Abend des 2. Januar stattgefunden haben müssen. River behauptet, sie habe zusammen mit anderen auf Appelbaums Couch einen Film geschaut, Dritte sollen sie dabei gegen ihren Willen berührt haben. An einem Abend schauen River und Appelbaum tatsächlich zusammen mit Freunden Gaspar Noés Film Love, am anderen Abend die US-Spionage-Serie The Americans. Von den fünf Gästen, die anwesend waren, kann die ZEIT drei sprechen. Einer erinnert sich, dass River auf der Couch tatsächlich gesagt haben könnte: "Nicht vor allen anderen." Es sei aber spielerisch gemeint gewesen, danach sei nichts weiter passiert. Kein Zeuge will an diesen Abenden Appelbaum und River beim Sex beobachtet haben. Einer der Anwesenden erinnert sich bloß, dass jemand, als River und Appelbaum nackt unter einer Decke kuschelten, geraunt hätte: "Darf ich mitmachen?" Mit zwei der Anwesenden beendet Tor im Juli die Zusammenarbeit, ihnen wird "unangemessenes Verhalten" vorgeworfen.

Mehrere Freunde Appelbaums sagen, sie hätten River selber gefragt, ob es ihr gut gehe, einer wartete dazu sogar einen ungestörten Moment ab, als Appelbaum den Raum verlassen hatte. Sie habe die Frage jedes Mal bejaht. Auch seien nach dem Exzess der Silvesternacht keine Drogen mehr konsumiert worden, kaum Alkohol. Höchstens ein Joint. Keiner der insgesamt acht Augenzeugen jener drei Nächte und zwei Tage im Januar erinnert sich daran, dass River je bewusstlos gewesen sei. Auch Sex gegen ihren Willen will keiner bemerkt haben. Wohl am Morgen des 3. Januar verlässt River Appelbaums Wohnung. Kurz darauf trifft Macrina alias Sam ein, vermutlich jener Besuch, bei dem es zum "Badewannenfall" kommt.

Noch Tage später postet River, sie freue sich auf eine weitere Reise, um den Spaß zu wiederholen, den sie gehabt habe – sie meint: in Hamburg und Berlin. Am 19. Januar schreibt River Appelbaum eine E-Mail, es geht um Kryptografie. Sie verabschiedet sich mit: "Hugs", Umarmungen. Spätestens Mitte Mai steht River in Verbindung mit Lovecruft, einer der vermuteten Website-Schöpferinnen. Auf Nachfrage will sich River nicht äußern.

Die Internetaktivisten, die so mutig gegen Überwachung kämpfen, bekriegen sich inzwischen gegenseitig. Zu den wöchentlichen Stammtischtreffen in Berlin erscheinen einige aus dem Anti-Appelbaum-Lager jetzt nicht mehr. Wohngemeinschaften zerfallen. Sogar auf Liebesbeziehungen innerhalb der Szene lassen sich manche Hacker nicht mehr ein, aus Angst, sie könnten falsch beschuldigt werden. Projekte sind ins Stocken geraten, berichten Tor-Insider. Das gegenseitige Vertrauen, wichtigste Ressource der Aktivisten, ist zerstört. "Bei der NSA haben garantiert die Sektkorken geknallt", sagt eine Tor-Mitarbeiterin. "Monatelang ist Tor jetzt mit sich selbst beschäftigt. Wir machen uns gerade alle gegenseitig kaputt, obwohl wir doch alle für das Gleiche kämpfen."

Vielleicht war aber schon vorher etwas kaputt. Viele aus der Szene sprechen von den hehren Idealen, die sie vertreten – Freiheit, Gleichheit, Einvernehmlichkeit. Die Kryptogemeinschaft pflegt die Parolen der Hippies und 68er, erweitert um mathematische Formeln und Programmiersprachen. Aber genau wie einst in den linken Kommunen blitzt auch heute eiskalter Machtwille hinter den großen Worten auf. Die Hackerszene gleicht, was Sex, Macht und Drama angeht, einer hormongeladenen amerikanischen Studentenverbindung. Nur hat hier die Paranoia längst um sich gegriffen. Sie schlafen miteinander und trauen einander alles Böse zu. Unzählig die Anekdoten, wer in der Szene wem schon einmal vorwarf, insgeheim für die verhasste Regierung zu arbeiten. Auch die sicherste Verschlüsselung bewahrt die Revolution nicht davor, die eigenen Kinder zu fressen.

Nach langen Gesprächen in einem Hotel und über verschlüsselte Chat-Programme schickt Appelbaum sein Statement. Er habe als Führungspersönlichkeit versagt. Bei Tor habe er keine strukturellen Veränderungen geschaffen, die Sexismus verhindert hätten. Er habe viele Fehler begangen, Menschen verletzt, dafür übernehme er die Verantwortung. "Ich habe die Privatsphäre von Menschen verletzt, geschmacklose Witze gemacht und explizite Sprache in unangemessen Momenten benutzt." Rivers Story aber sei eine "Fiktion".

Viele andere Gesprächspartner, Freunde und Gegner gleichermaßen, wollten nicht zitiert werden. Aus Angst vor Vergeltung, sagen beide Seiten.

Mitarbeit: Sebastian Mondial