Sechs Monate später, Appelbaum gilt nun als Vergewaltiger, geben drei Augenzeugen aus der Lobby dem US-Techblog Gizmodo ein Interview, darunter auch jener Mann, der auf Appelbaum einredete. Die drei erzählen, Appelbaum habe damals versucht, eine Frau gewaltsam zu küssen, und sie am Po und den Brüsten begrapscht. Die Frau sei offensichtlich in Not gewesen und habe ständig nach ihrer Tasche gesucht. Die Studentin stellt in einem Statement richtig, was passiert ist. "Ich wundere mich über die stark verzerrte Darstellung meiner Erlebnisse", schreibt sie.

Den Machern der Opfer-Website jacobappelbaum.net unterlief derselbe Fehler: Eine frühe Version der Website enthielt den Fall "Alice". Der Text war nur kurz online. Obwohl Zeitpunkt und Ort geändert wurden, passt diese Geschichte haarscharf zu den Ereignissen beim Congress: Appelbaum küsst Alice so heftig, dass ihre Lippe blutet. Als Appelbaums russische Freundin den Text im Netz entdeckt, ist sie schockiert. Sie fordert die Verantwortlichen der Website auf, ihn sofort aus dem Netz zu nehmen. Sie will nicht für eine Kampagne eingespannt werden, die sie ablehnt. "Ich bin kein Opfer von Jake Appelbaum", sagt sie der ZEIT. Sie habe Freunden im Vertrauen von dem heftigen Kuss berichtet. Nicht bloß sei diese Geschichte jetzt ohne ihr Einverständnis auf der Seite benutzt worden – sie sei auch "stark manipuliert".

Knapp vierzehn Tage nachdem die Website online ging, veröffentlichen zwei Frauen Blogeinträge und bekennen sich dazu, hinter den Decknamen Sam und Forest zu stehen. Als Forest (der der schlafende Appelbaum in den Slip gegriffen haben soll) gibt sich eine Tor-Programmiererin mit dem Künstlernamen Isis Agora Lovecruft zu erkennen – eine junge Amerikanerin, die in Berlin lebt. Lovecruft ist keine Informatikerin, sie hat Physik und Literaturwissenschaft studiert, ihre Schwerpunkte: Hochenergiephysik und Feministische Kritische Theorie.

Sam ist ebenfalls Amerikanerin: Alison Macrina, Leiterin eines Projekts, das Tor in Bibliotheken zugänglich machen soll (sie ist die Frau mit dem "Badewannenerlebnis"). Viel spricht dafür, dass es auch die beiden waren, die die Website mit den Anschuldigungen aufgesetzt haben. Lovecruft selbst erklärte in ihrem Blog, schon seit einem halben Jahr Aussagen von Appelbaum-Opfern zu sammeln. Sie ist auch jene Freundin, der die russische Aktivistin Alice von der blutenden Lippe berichtet hat.

Es könnte sein, dass sich das, was Lovecruft und Macrina als Forest und Sam schildern, so zugetragen hat. Freunde von Appelbaum beschuldigen die beiden allerdings, entscheidende Details ausgelassen zu haben. So endet Sams Bericht etwa damit, dass sie aus der Badewanne springt und weint. Der Abend sei in Wirklichkeit aber anders ausgegangen. Nach einer längeren Aussprache habe Sam einvernehmlichen Sex mit Appelbaum gehabt. Macrina antwortet auf Nachfrage wütend, es sei "empörend und abartig", dass man sie überhaupt danach frage. Es sei grundsätzlich unangemessen, Opfern von Übergriffen andere sexuelle Begegnungen vorzuhalten und damit zu suggerieren, der Übergriff zähle nicht.

Nachdem nicht mehr bloß von anonymen Vorwürfen die Rede ist, distanziert sich nach heftigem internen Streit auch der in der internationalen Hackerszene bedeutende deutsche Chaos Computer Club von Appelbaum: Er sei nicht mehr willkommen, twittert der CCC am 17. Juni. Damit haben ihn alle wichtigen Institutionen verstoßen – von ganz wenigen Ausnahmen wie der Plattform WikiLeaks abgesehen, mit der er gelegentlich zusammengearbeitet hat. Deren prominentester Vertreter, Julian Assange, sitzt selbst wegen Vergewaltigungsvorwürfen in der Botschaft Ecuadors in London fest. Auf Nachfrage teilt man dort mit: WikiLeaks lägen keine Beschwerden gegen Appelbaum vor. Man habe alle Mitarbeiterinnen gefragt, ob sie sexuelle Gewalt durch Appelbaum erlebt hätten. Bei keiner sei das der Fall gewesen.

Unterdessen findet beim Tor-Projekt eine Mitarbeiter-Rochade statt. Am 13. Juli wird der gesamte Aufsichtsrat ausgetauscht. Außerdem verliert das Netzwerk den Tor-Veteranen Lucky Green, einen langjährigen Unterstützer, der nicht mehr mittragen will, wie man Appelbaum behandelt. Der Experte war für die sogenannte Bridge-Authority verantwortlich, ein technisches Werkzeug, mit dem auch Menschen in Ländern wie China trotz Internetzensur auf Tor zugreifen können. Tor baut inzwischen eine neue Bridge-Authority auf, verantwortlich für das Projekt: Isis Lovecruft alias Forest.

Alison Macrina alias Sam wurde die Leitung des "Community Teams" übertragen, nachdem die Vorwürfe bei Tor bekannt geworden waren. Schon seit Ende 2015 sitzt sie außerdem im " Community Council". Beide Gremien sind auch für den Umgang mit sexueller Belästigung von Mitarbeitern zuständig. In die internen Ermittlungen gegen Appelbaum soll sie eng eingebunden sein. Auf der Tor-Website wird Macrina plötzlich als herausgehobene Person des Tor-Projekts gelistet, im März stand an dieser Stelle noch Appelbaums Name. So ist wahr geworden, was sich River in ihrer Anschuldigung wünschte: Appelbaum solle nicht weiter Führer dieser Gemeinschaft sein, führen sollten vielmehr all die "edlen und mitfühlenden Menschen", welche die Vorwürfe gegen ihn öffentlich machten. Macrina sagt dazu, sie habe nie eine Position bekleidet, die Appelbaum zuvor innehatte, noch seine Aufgaben übernommen. Dass sie bei Tor inzwischen mehr Verantwortung trage, sei Folge ihres bewiesenen Engagements über die letzten Jahre. In keiner Weise korreliere das mit den Ereignissen um Appelbaum.

Appelbaum war innerhalb des Tor-Projekts immer umstritten. Er programmierte kaum, war eher für die Außendarstellung zuständig – stand auf Bühnen, bekam den Applaus. Andere verrichteten die Arbeit im Stillen, heißt es voller Neid. Appelbaum hat bei Tor teilweise knapp 100.000 Dollar Jahresgehalt bezogen, eine freie Programmiererin wie Lovecruft (Forest) nur einen Bruchteil davon. Seit Monaten schwelt überdies ein schwerer Konflikt um die politische Ausrichtung von Tor: Inwiefern sind Geldgeber wie das US-Außenministerium akzeptabel? Appelbaum hatte sich immer gegen zu viel Regierungsnähe, zu viel Professionalität gewehrt. Er wollte radikaler Kritiker bleiben.

All das mag dem Hass den Boden bereitet haben, beantwortet aber nicht die Frage, ob Appelbaum ein Vergewaltiger ist oder sich sonst strafbar gemacht hat. Das Tor-Projekt gibt am 27. Juli nach internen Untersuchungen eine Pressemitteilung heraus: Appelbaum habe mehrfach "unerwünschtes sexuell aggressives" Verhalten gezeigt. Kein Wort zu River, kein Wort dazu, ob sie "bewusstlos" war. Auch auf mehrfache Nachfrage äußert Tor sich nicht weiter.