Letzten Sonntag war ich in Liebenberg, einem dieser preußischen Käffer im ostdeutschen Nichts. Sie haben dort ein Schlosshotel, frei laufende Hühner und lauter potenzielle Lieblingsorte. Mein Favorit: natürlich der See. So ein See, wie er im Sommer sein muss, mit Schilf und Wald drum herum. Dazu ein Holzsteg, keine Leute, allenfalls zwei Jungs, die man fragen kann, wie das Wasser sei. Aber man sieht es ja selber schon von Weitem: klar und weich und keinesfalls zu kalt. Man braucht für diese Art See weder Handtuch noch Bikini, sondern legt seine Sachen auf einen Baumstumpf – und rein.

So muss mein Lieblingsort im Sommer sein. Es gibt nichts zu tun und nichts zu lernen, nichts zu kaufen und nichts Großes zu erleben. Ich will da einfach sein. Liebenbergs See fühlt sich an wie das klassische Exemplar seiner Art, wie die Seen und Flüsse in den sentimentalen Jugendballaden von Bertolt Brecht: "Der Himmel bietet mittags große Stille. / Man macht die Augen zu, wenn Schwalben kommen. / Der Schlamm ist warm. Wenn kühle Blasen quellen / Weiß man: Ein Fisch ist jetzt durch uns geschwommen."

In Hamburg dagegen schwimmen die Fische niemals durch uns hindurch. Die zwei berühmten innerstädtischen Seen, die Binnenalster und die Außenalster, leuchten an guten Tagen zwar preußischblau, aber ihr Schlamm wird niemals warm.

Das ist nicht nur eine Frage des Wetters. Es gibt hier sehr schöne Möwen, aber eben keine Schwalben. Es gibt Sonne, aber keinen sanften Sommer, der es den Frauen erlauben würde, zwei Abende hintereinander ohne Fleecejacke im Freien zu sitzen. Das hat Auswirkungen auch auf das Gemüt. Ein typischer Frauentraum ist hier "die Vereinbarkeit von Kind und Karriere". Über Brecht wissen sie in Hamburg hauptsächlich, dass er ein Verfasser linker Lehrstücke war, und die Fans der Landschaftslyrik sind seit dem Tod Barthold Heinrich Brockes’, dem hiesigen Rosendichter, anno 1747 ausgestorben. Deshalb habe ich, ehrlich gesagt, in Hamburg keinen sommerlichen Lieblingsort.

Die Kajüte an der Außenalster ist aber mein liebster Trostort, eine sommers wie winters verlässliche Zuflucht für Leute, die an Hamburg das Sentimentale vermissen: das Laue und Abendstille, das Seele-baumeln-Lassen und Beine-ins-Wasser-Halten. Denn in der protestantischen Handelsstadt soll alles, was du tust, nützlich sein. Es empfiehlt sich in solchem Klima nicht rumzulungern.

Die Kajüte aber gewährt dir davor Schutz. Fest vertäut liegt sie auf dem Wasser, umgeben von einem knarrenden Wald aus Segelbootsmasten. Das Singen der straff gezurrten Leinen und das Anrollen der Wellen wollen dich herauslocken aus deinen Arbeitsgedanken. Als rustikales und regenbeständiges Bootsstegrestaurant, mit Steuerrädern und Schiffsglocken, mit eisernem Holzofen und verschließbaren Schotten scheint die Kajüte gemacht für Zugereiste wie mich, denen es schwerfällt, Hamburg zu lieben.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich gehöre nicht zu den Hamburghassern, die unbedingt wollen, dass die ZEIT-Redaktion nach Berlin umzieht. Die Berlin vergöttern, bloß weil es dort dreckiger und interessanter ist. Natürlich ist die Hauptstadt die Hauptstadt. Die Kultur! Die Politik! Brecht wusste, warum er da wohnte. Aber er hatte eben auch noch dieses Haus am See, eine Autostunde entfernt, unter Bäumen, mit Schilfrauschen, das volle Eskapistenprogramm. Ich bezweifle, dass er Berlin so wie Buckow geliebt hat. Sonst hätte er kaum die Buckower Elegien geschrieben, seine Altersgedichte, in denen die Landschaft der Jugendballaden wiederkehrt: das Verlorene, Verdrängte, von Ferne Vergötterte. Heimat!