"Wenn Sie mich fragen, sind die Wörter Gerechtigkeit und Anstand aus dem Lexikon gestrichen worden", sagte Eva Hoffe, 82, als sie am 27. Juni auf die Anhörung wartete, die das Schicksal ihres wertvollsten Besitzes besiegeln würde: der geheimen Papiere, die Max Brod 1939 von Prag nach Palästina gerettet und ihrer Mutter übergeben hatte. Jahrzehntelang lagen sie versteckt in einer Wohnung in Tel Aviv und in Banktresoren in Israel und der Schweiz.

Diese Woche beendete Israels Oberstes Gericht den neun Jahre dauernden Rechtsstreit darum. Mit einem 21 Seiten langen Urteil wiesen die Richter Hoffes Berufung ab und gaben der Vorinstanz recht. Hoffe darf die Papiere nicht an das Deutsche Literaturarchiv Marbach verkaufen, wie sie es vorhatte, sondern muss Brods literarischen Nachlass der Israelischen Nationalbibliothek übergeben. Dazu gehören seine Tagebücher und Briefe, Manuskripte, die ihm Franz Kafka zu Lebzeiten überlassen hat, sowie jene, die Brod nach dem Tod des Freundes von seinem Schreibtisch genommen hat. Sie sehe in diesem Urteil eher den "Willen zur Beschlagnahme als zur Rechtsprechung", sagte Hoffe. Sie habe gehofft, das Oberste Gericht werde ein Urteil aufheben, das "Brods letztem Willen widerspricht" und die Privatsphäre ihrer Familie missachte.

Ob die Dokumente den geheimnisvollsten Dichter des 20. Jahrhunderts in einem neuen Licht dastehen lassen, weiß noch niemand. Aber selbst wenn das nicht der Fall sein sollte, zeigt das Gerichtsurteil, wie belastet das Verhältnis Israels zur jüdischen Kultur vor der Staatsgründung ist. Indem es die Frage in den Mittelpunkt rückte, wem Kafka gehört, wer seine wahren Erben sind, hat das Urteil deutlich gemacht, auf welch unterschiedliche Weise die Vergangenheit Israel und Deutschland belastet.

Bei einer Anhörung betonte Meir Heller, der Anwalt der Nationalbibliothek, deren Vorrang als Ort für die Nachlässe Brods und Kafkas. Er erinnerte die Richter daran, dass Kafkas Schwestern – und Max Brods einziger Bruder, der Kafka gut kannte – von den Deutschen ermordet wurden. Shmulik Cassouto, der vom Gericht bestellte Nachlassverwalter Esther Hoffes, sagte, die Schoah hänge "wie eine Wolke über dem Gerichtssaal".

Neben ethischen und juristischen Fragen – etwa nach dem Unterschied zwischen Besitzer und Sachwalter – tritt durch das Urteil auch die Ambivalenz Israels gegenüber der Kultur der Diaspora hervor. Einerseits steht der jüdische Staat für die Bewältigung der Diaspora. Dem liegt die Vorstellung zugrunde, dass ein Jude nur in Israel wirklich Jude sein und wieder in die Geschichte eintreten kann. Bis heute motiviert dieses alte zionistische Motiv manche israelische Haltung.

Zugleich demonstriert die Gerichtsentscheidung Israels Stolz auf die "kulturellen Werte" der Diaspora, wie es David Blumenberg, der Direktor der Nationalbibliothek, ausdrückte. "Es ist ein Festtag für jede kulturinteressierte Person, in Israel und anderswo", sagte Blumenberg. "Das Oberste Gericht hat die Nationalbibliothek gebeten, Brods Nachlass nach Möglichkeit an die Öffentlichkeit zu bringen. Sie wird dem Folge leisten und diese kulturellen Werte erhalten, indem sie sowohl dafür sorgt, dass sie im Land bleiben, als auch sie dem breiten Publikum zugänglich macht." Jerusalem versteht sich als rechtmäßiger Erbe und als Heimat von Kulturprodukten der jüdischen Diaspora; Israel ist, anders gesagt, das Ende einer Geschichte, die anderswo begann.

Gehören also Kafkas Schriften zur deutschen Literatur oder zu dem Staat, der sich als Repräsentant und Erfüllung jüdischer Kultur begreift? Oder befindet sich sein Werk jenseits jeden nationalen Kanons, "mehr eigenen Gesetzen der Bewegung folgend", um seine Formulierung zu gebrauchen?

Die Jerusalemer Richter mögen zu ihrem Urteil gekommen sein, aber der Prozess um Kafkas Erbe – in Israel wie in Deutschland – dauert an.

Aus dem Englischen von Marie Schmidt. Der Autor Benjamin Balint lebt in Jerusalem und arbeitet an einem Buch über den Prozess um Kafkas und Brods Nachlässe, das nächstes Jahr in den USA bei W. W. Norton erscheint