Frage: Würden Sie einem Attentäter das Begräbnis verweigern wie die Moschee im französischen Rouen?

Rauf Ceylan: Theologisch bewertet, ist ein Attentat ein sehr schweres Verbrechen. Andere Untaten wie etwa Ehebruch oder ein unislamisches Leben würden nicht zur Verweigerung des Totengebets führen. Daran sieht man, wie sehr ein Attentat als Verstoß gegen ein islamisches Leben gilt. Wenn ich Imam wäre und mich eventuell aus humanen Gründen persönlich dazu entscheiden würde, das Totengespräch dennoch zu sprechen – die meisten Gemeinschaften würden es ablehnen.

Frage: Was bedeutet die Verweigerung?

Ceylan: Für die Betroffenen bedeutet sie die schwerste Sanktion, die im Islam denkbar ist. Im Islam kann niemand gegen seinen Willen exkommuniziert werden, gleich ob er den Islam praktiziert oder gegen seine Wertvorstellungen verstößt. Mit dem Nein zum Totengebet lehnt es die Gemeinde ab, von ihrem Mitglied in würdiger, angemessener Weise Abschied zu nehmen, weil er das verspielt hat.

Frage: Hat sich der Täter dann selbst von der Gemeinschaft der Muslime abgetrennt?

Ceylan: Das kann man so nicht sagen. Man kann sich bewusst vom Islam abwenden. Aber das haben die Täter, von denen wir sprechen, nicht getan, ganz im Gegenteil. Es vergrößert ihre Schuld, dass sie sich für ihr Verbrechen auf Gott berufen. Auch schlechte Muslime bleiben Muslime. Aber ihr Vergehen wird geahndet.

Frage: Nun betrifft die Verweigerung vor allem die Angehörigen. Ist das nicht wie Sippenhaft, die sich auf Unbeteiligte auswirkt?

Ceylan: Da liegt ein Problem. Ich weiß nicht, wer sich in Frankreich um die Familien kümmert oder ob das überhaupt geschieht. Aber Familien sollten nicht mitbestraft werden. Sie sind schon gestraft genug. Es muss mehr Unterstützung für die Angehörigen geben.

Frage: Der Bayern-Beauftragte des Zentralrats der Muslime, Mohamed Abu El Qomsan, plädierte dafür, den Attentätern von Würzburg und Ansbach sowohl ein Grab als auch eine islamische Zeremonie zu verweigern. Aiman Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, erklärte, kein Imam und keine Gemeinde seien verpflichtet, an einer solchen Bestattung teilzunehmen.

Ceylan: Ja, und einen ähnlichen Vorgang haben Sie in der Türkei ...

Frage: Die türkische Regierung will den umgekommenen Putschisten ein normales Begräbnis verweigern. Sie sollten anonym auf dem "Friedhof der Verräter" im Osten Istanbuls beigesetzt werden. Verräter, hieß es, verdienten keine anständige Beisetzung.

Ceylan: Das ist eigenartig, denn Hochverrat gegen den Staat ist ein politisches, kein religiöses Vergehen. Auch würde den Menschen nicht nur die rituelle Waschung und das Totengebet verweigert, sondern auch der Grabplatz in der Gemeinschaft. Das geht einen Schritt zu weit. Aber darüber wird kontrovers diskutiert.

Frage: Hat Herr Qomsan mit dem Nein zum Gebet eine Mehrheitsmeinung formuliert?

Ceylan: Ja. Das ist so in der traditionellen islamischen Normenlehre verankert. Die Beerdigung von Selbstmördern, die aufgrund persönlicher Krisen sich das eigene Leben nehmen, wurde lange kontrovers diskutiert. Jetzt ist die Mehrheit dazu bereit. Aber bei Attentätern steht das Tabu. Dazu kommt, dass das Nein zum Totengebet eine Botschaft sowohl an die muslimische Gemeinschaft als auch an die Mehrheitsgesellschaft aussendet. Es dient als Distanzierung vom Terror, die von Muslimen oft gefordert wird. Zu Lebzeiten ist eine Exkommunikation, wie gesagt, nicht möglich. Jetzt kann ein Verbandsfunktionär klarmachen: Diese Leute und dieses Verhalten gehören nicht zu uns.