Mohamadou Ibrahs Karawane aus drei verbeulten Nissan-Kleinbussen rollt auf den letzten Checkpoint vor Agadez zu. Die Sonne steht hoch, Staub liegt wie eine Glocke über der trockenen Landschaft. Seit dem Morgengrauen haben die Passagiere nichts mehr getrunken. Als der Wagen hält, stürzen sie ins Freie, mindestens 20 Menschen, dabei hat der Bus nur acht Sitze. Unter einem kahlen Baum kaufen sie einem Targi Wasser in Beuteln ab, reißen sie auf und trinken gierig. Dann erhalten sie neue Anweisungen: Alle mit gültigen Papieren sollen in einen Minibus steigen, der Richtung Checkpoint fährt. Die Polizei erwartet sie dort. Unter dem Fahrersitz liegt neben der Kalaschnikow auch ein Bündel Geld. Deshalb lässt die Polizei die anderen beiden Kleinbusse Ibrahs hundert Meter vor dem Checkpoint in ein ausgetrocknetes Flussbett abbiegen, bis sie in einer Wolke aus Staub verschwinden.

Ibrah ist einer der größten Menschenschmuggler von Agadez. Jeden Donnerstag lässt er 50 Motorräder nach Nigeria fahren, das südlich an den Niger grenzt, um dort die Migranten abzuholen. Sie fahren durch den Busch bis hinter die Grenze nach Zinder. Nur selten halten nigrische Polizisten sie auf. Die prügelten dann drauflos, sagt Ibrah, und nähmen den Migranten das Geld ab, bevor sie sie weiterfahren ließen. In Zinder steigen die Migranten in Busse, die sie nach Agadez bringen: fünf Busse, alle zwei Tage, Hunderte Menschen.

Ein Leben in Westafrika ist oft eine Qual, aus der die Hoffnung erwächst, dass die Not überwunden werden kann. In der Ferne. So werden die Vergessenen dieses leidenden Kontinents zur begehrten Handelsware. Bevor sie entkräftet in Europa ankommen, bevor sie auf der Flucht ersticken, ertrinken, verdursten, totgeschlagen werden, tragen sie ihren Teil dazu bei, dass eine heruntergekommene Stadt im ärmsten Land der Erde einen bescheidenen Boom erlebt: Agadez. Der Schmuggel mit Migranten ist hier zum wichtigsten Wirtschaftszweig geworden. Hinter der Stadt fängt die Sahara an, auf der anderen Seite der Wüste liegt Libyen. Libyen wiederum grenzt ans Mittelmeer, und ans Mittelmeer grenzt Europa. 90 Prozent aller westafrikanischen Migranten haben Agadez passiert, wenn sie dort ankommen.

Agadez ist die Hauptstadt der Schmuggler. Es werden Waffen geschmuggelt, Kokain und Heroin auf dem Weg von Nigeria nach Europa, das Schmerzmittel Tramal für den nordafrikanischen Markt – und Menschen. 16.000 Migranten erreichen und verlassen Agadez jede Woche. Die Straßen sind staubig, die Häuser heruntergekommen, doch seit Kurzem gehören Banken und Geldautomaten und Autohändler zum Straßenbild. Denn jeder verdient an den Migranten: Nicht nur die Schmuggler, auch die Autohändler, die ihnen Wagen verkaufen, die Banken, die Besitzer der Unterkünfte, die hier nur "Ghettos" genannt werden, die Männer, die Wasser am Straßenrand anbieten, und auch die Polizei und die Armee. Die Migration ist der wirtschaftliche Motor, der die Stadt am Leben hält.

Niemand hat ein Interesse daran, dies zu ändern. Nur die EU natürlich, die die Flüchtlingszahlen vermindern will. Doch was kann sie anbieten, wenn die andere Seite zufrieden ist? Die EU wünscht sich nichts mehr, als endlich die Migrantenströme zu ordnen. Diese Versuche stoßen aber auf die brutale Unordnung, die Europa umgibt. Wenn Polizist nur ein anderes Wort für Krimineller ist, wie will man eine gemeinsame Sprache finden? Wie kann man sich auf Deals mit Politikern verlassen, die damit ihrer eigenen Wirtschaft schaden würden?

In einem traditionellen Tuareg-Gewand, den Turban auf dem Kopf, sitzt Ibrah am Nachmittag auf dem Dach eines Hauses an der Hauptstraße. Ein Sandsturm färbt am Horizont den Himmel orange. 78 Männer und Frauen hat Ibrah soeben in verschiedenen Ghettos abgeladen. Auf den umzäunten Grundstücken am Stadtrand verbringen die Menschen das Wochenende, bis die Schmuggler sie am Montag verladen, um mit ihnen weiter nach Libyen oder Algerien zu fahren. Ibrah hat jetzt den Rest des Tages frei, bevor er nachts zurück nach Zinder fährt.

Wie viele Schmuggler war Ibrah früher Tour-Guide. Agadez zählt zum Unesco-Weltkulturerbe, vor ein paar Jahren noch flogen internationale Airlines hierher. Ibrah fuhr die Touristen durch die Wüste, zeigte ihnen die Altstadt, das berühmte Minarett, fuhr sie bis nach Zinder. Dann kamen die Tuareg-Revolten in den frühen neunziger Jahre, dann die Islamisten. Nachdem eine Gruppe Dschihadisten 2010 fünf Franzosen verschleppt hatte, war es vorbei mit dem Tourismus. Die Routen, die Ibrah damals gefahren war, fährt er aber immer noch.

"Ich mag meinen Job nicht. Es ist eine dreckige Arbeit", sagt er. Besonders der Frauenhandel aus Nigeria nach Europa ekelt ihn an. Er bringt die Migranten nur bis nach Agadez, doch er weiß genau, wie es ihnen ergeht, wenn sie in Libyen ankommen, wo sie verkauft, misshandelt, manchmal getötet werden, denn er übergibt sie an die Männer, die das tun. "Wenn es etwas anderes gäbe, würde ich sofort aufhören. Die EU sollte mit uns Schmugglern zusammenarbeiten. Wir sind die Einzigen, die die Macht haben, dem Ganzen ein Ende zu bereiten."

Die EU hat ihre Wünsche der Regierung in Niamey, der Hauptstadt von Niger, vorgetragen. Außenminister Frank-Walter Steinmeier rief sie noch einmal in Erinnerung, als er im Mai den Niger besuchte: Migrationskontrolle, Grenzsicherung, Bekämpfung des Menschenschmuggels. EUCAP, eine zivile Mission der Europäischen Union, trainiert örtliche Sicherheitskräfte. Ein sogenanntes Multifunktionales Zentrum soll Migranten über die Gefahren der Reise und auch über die schlechten Asylchancen aufklären. Schon im vergangenen Herbst sollte es eröffnet werden. Wann es tatsächlich gebaut wird, weiß auch bei der EU im Niger niemand so genau. In Afrika baut man nicht mal schnell eine Struktur auf, vor allem wenn es der Regierung nicht passt, die schließlich an dem Ast sägen soll, auf dem sie sitzt. Außer dem Bergbau gibt es in Niger kaum nennenswerte Wirtschaftszweige.