Petra Bahr leitet die Abteilung Politik und Beratung der Konrad-Adenauer-Stiftung. In ihrer Kolumne geht sie der großen Politik im Alltag auf den Grund. © Kulturrat der EKD

Was war das für eine Nacht! Als ich damals mit meinen Freundinnen dabei zuschaute, wie der Deutschlandachter knapp an einer Medaille vorbeiruderte und es im Siebenkampf diese große Überraschung gab. Die Namen der Athleten weiß keine mehr von uns, aber diese denkwürdige Übertragung der Olympiade auf dem alten Röhrenfernseher in der Studenten-WG werden wir alle nicht vergessen. Nicht, dass wir uns fürs Rudern, fürs Hürdenlaufen oder den Hochsprung interessiert hätten. Aber alle vier Jahre übten die Heldinnen und Helden des Sports eine eigene Anziehungskraft aus.

Manchmal waren die Wettkämpfe so spannend, dass wir schlaflose Nächte dafür in Kauf nahmen. Das ist vorbei. Gründlich vorbei. Jetzt kämpfen sie wieder, die jungen Sportler aus aller Welt. In jener Arena des Weltfriedens, der sich mit der olympischen Idee verbindet. Gäbe es sie nicht, müsste man sie erfinden, diese Idee, nach der junge Menschen aus aller Herren Länder ihre Fähigkeiten messen – ein Fest der Körperlichkeit, des Spiels und der freundlichen Art der Kriegserklärung für die Strecke von 50/400/5000 Metern.

Doch der Gedanke ist so korrumpiert wie viele Sportler. Wer muss seine Medaille wohl zurückgeben, wenn die Doping-Fahnder das richtige Diagnosemittel anwenden? Wer hat seine Kraft und die glänzenden Muskelpakete mit unerlaubter Medizin getunt? Sportler müssen Geldverdienmaschinen sein, bisweilen sogar die Vorhut politischer Auseinandersetzungen.

Dabei sein ist längst nicht mehr alles. Mannschaften stehen unter hohem Druck. Und das System des IOC ist schon lange nicht mehr "der friedlichste Verein der Welt". Korruption, Vertuschung und seltsames Gebaren ihrer Verantwortlichen machen das Sportfest zu einem vergifteten Vergnügen. Die Ruinendörfer ehemaliger Austragungsorte erinnern an diese innere Verwahrlosung einer großartigen Idee. Das ist tragisch für die vielen jungen Sportler und Sportlerinnen, die Jahre ihres Lebens trainieren und von Medaillen träumen.

"Wir glauben ihnen erst mal nicht", sagt meine alte WG-Kollegin schuldbewusst. "Das ist doch schlimm." Ja, ist es. Doch unsere Abende und Nächte verbringen wir jetzt mit anderem. Lieber joggen wir schwerfällig und kurzatmig durch den Park. Da wissen wir wenigstens, dass die dritte Tasse Espresso schuld ist an überraschender Leistungssteigerung.