Angela Rinn ist habilitierte evangelische Theologin, Mitglied der EKD-Synode und Pfarrerin in Mainz-Gonsenheim. Unter dem Namen Vera Bleibtreu schreibt sie Krimis. © Harald Oppitz/KNA

Wir haben einen familiären Ausflug nach Trier unternommen und die Nero-Ausstellung besucht. Vom Parkplatz aus bestand die Alternative, den Bus zu nehmen oder zu Fuß zu gehen. Zum Erstaunen von uns Alten entschieden sich mein Sohn und unser Patenkind für den Fußweg. Geradezu Begeisterung wurde laut bei der Aussicht, gute drei Kilometer bis zum Trierer Landesmuseum vor sich zu haben. Sogleich wurden die Smartphones gezückt, und zwei junge Herren liefen zügig in Richtung Trierer Innenstadt. Jubelrufe erklangen in regelmäßigem Abstand und gipfelten in dem begeisterten Ausruf "Das Ei ist ausgebrütet!".

Erklärung für das merkwürdige Verhalten ist das neue Spiel Pokémon. Beide Jungs gaben zu, dass sie das Spiel ganz schön gepackt habe. Allerdings hat das gesundheitlich auch positive Auswirkungen. Mein Sohn hat in zehn Tagen 34 Kilometer zu Fuß zurückgelegt, und auch das Patenkind erzählt erfreut von gesteigerter Fitness. Mein Sohn behauptet, dass dank dieses Spiels in den USA mehr Leute Gewicht verloren haben als durch alle Gesundheitskampagnen zuvor. Pokémon müsse also alle Krankenkassen aufjubeln lassen. Allerdings wären auch durch Pokémon-Spieler mehrere Leichen gefunden worden, weil die Leute beim Suchlauf durch unbekanntes Gelände über diese gestolpert seien. Möglicherweise hätte das nun wieder negative Auswirkungen, die Leute bräuchten wahrscheinlich psychische Begleitung. Aber im Großen und Ganzen sei das Spiel ein Superspaß und fördere die familiäre und individuelle Bewegung. In der Tat waren wir an diesem Tag sieben Kilometer unterwegs, und niemand hat gejammert.

Mein Sohn hat angemerkt, dass Pokémon auch den Konfirmandenunterricht beleben könnte. Wenn etwa auf dem Weg zur Kirche Pokémon gefangen werden könnten, so würde das die Attraktivität des Kirchgangs immens steigern. Ich könnte auch die Nachtwanderungen bei Konfi-Freizeiten dank Pokémon zum Highlight der Veranstaltung werden lassen. Außerdem, so hat er mich informiert, sei das Gelände um unsere Kirche in Gonsenheim eine "Arena", also ein Ort, an dem die Pokémon gegeneinander kämpfen können. Diese Information war insofern wertvoll, als ich mich in Zukunft nicht wundern muss, wenn Menschentrauben vor unserer Kirche stehen, auf der anderen Seite werde ich jetzt scharf beobachten müssen, was die Konfis mit ihren Smartphones während der Predigt so anstellen.

Ich habe mich aber auch gefragt, wieso Google es sich herausnehmen darf, unsere friedliche Kirche zu einer "Arena" zu küren. Wenn das allerdings dazu führt, dass mehr Leute Lust haben, sich die Kirche auch von innen anzuschauen, dann wäre das immerhin ein Argument. Vielleicht könnte die EKD mit Google im Reformations-Jubiläumsjahr vereinbaren, dass alle wichtigen Stätten der Reformation mit Pokémon besetzt werden: Wittenberg, Eisenach, die Wartburg, Worms, überall würden Scharen von Menschen mit ihren Smartphones begeistert jubeln. "Wir haben’s gefunden!" Ich werde das Margot Käßmann bei der nächsten EKD-Synode vorschlagen.