Das Schaf mit der Nummer DE010800723392 ist zu schwach. Es humpelt. Der Weg bis zur nächsten Wiese, auf der die Herde die kommende Nacht verbringen soll, ist zu weit. Also streift Sven de Vries behutsam durch seine Herde, ein Meer aus Lämmern, Schafen, Böcken und Ziegen, um dieses eine Schaf zu finden. Kaum zu glauben, dass er sie alle unterscheiden kann. Als er DE010800723392 erblickt, hakt er seinen Hirtenstab am Hinterbein ein, zieht das Schaf vorsichtig zu sich heran, packt es mit der rechten Hand beherzt am Hals, lässt seinen Stock fallen und greift mit der Linken nach dem Stummel am Hintern. DE010800723392 wehrt sich kaum, das Schaf kennt seinen Herrn. Auch die restliche Herde beobachtet das Spektakel ohne große Aufregung. "Du weißt ja selbst, dass du nicht mehr weit kommst", sagt de Vries und schiebt das Schaf zu einem Viehanhänger, der an seinem großen dunkelgrünen Nissan-Geländewagen hängt.

Vergangenes Jahr, an Ostern, sagte Papst Franziskus: "Geistliche müssen sich als Hirten mitten unter ihre Herde mischen, den Geruch der Schafe annehmen." Sie würden sonst zu "traurigen Priestern", Hirten, die den Kontakt zu den Menschen verloren hätten. Das Zitat ging um die Welt. Wieder einmal hatte es dieser Papst offenbar geschafft, in wenigen Worten auszudrücken, was viele Menschen dachten. Er hatte ein treffendes Bild gefunden für den Zustand, ja den Mangel seiner Kirche. Pfarrer sind oft zu abgehoben, zu weit weg von ihrer Gemeinde. Sie entsprechen längst nicht mehr dem Ideal, ihrem nomadischen Vorbild. War es nicht das, was der Papst mit seinem prägnanten Vergleich sagen wollte?

Viele Kirchgänger können die Hirten-Verse auswendig: "Der Herr ist mein Hirte", "Soll ich meines Bruders Hüter sein?", "Alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet". Oder auch: "Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eins von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er’s findet?". Viele Protestanten nennen ihre Geistlichen Pastor, lateinisch für Hirte, die katholische Bischofskonferenz trägt einen Hirtenstab im Signet.

Franziskus’ Metapher ist Christinnen und Christen wohlbekannt. Doch die Schäferei selbst ist eine seltene Erscheinung geworden. Mit der Realität eines Wanderschäfers kann kaum jemand noch etwas anfangen. Der Hirte und seine Schafe, sie sind nur ein romantisches Bild, nicht mehr als die staubige Kopie eines Ölgemäldes. Manche mögen ihn vielleicht vor Augen haben, den Schäfer von Caspar David Friedrich, in seiner "Landschaft mit Regenbogen". Hoch oben lehnt er auf seinem Hirtenstab und blickt auf seine Herde herab. Die Metapher vom Hirten, der nach seinen Schafen riecht, leuchtet allen ohne Weiteres ein, sie ist so schlicht, so überzeugend, dass niemand fragt: Wie lebt ein Hirte? Kann er davon leben? Wie leitet er? Was denkt er über seine Schafe? Was denken sie über ihn? Und: Sind der Hirte und seine Herde überhaupt noch ein stimmiges Bild für einen Pfarrer und seine Gemeinde?

Sven de Vries ist ein glücklicher Hirte. Den Geruch seiner Schafe würde er am liebsten als Parfum konservieren lassen, wie er sagt. Nötig wäre das nicht, die Duftnote ist fest mit ihm verbunden. Er lebt in einem Wohnwagen, eigentlich aber wohnt er inmitten seiner Schafe. Er lässt sie nur ungern allein, hat jedes Mal, wenn er sie umzäunt und zurücklässt, ein schlechtes Gewissen. Seine Arbeitstage beginnen oft am frühen Morgen und enden meist erst nach dem Sonnenuntergang – seit acht Jahren. Als der 35-Jährige seine Herde vergangenes Jahr erstmals für vier Wochen Urlaub zurückgelassen hat, dauerte es nicht lange, da freundete er sich mit einer kleinen Herde auf dem Nachbargrundstück seiner Ferienwohnung an. Papst Franziskus wäre begeistert: Der Hirte kriegt nie genug von seinen Schafen.

Sven de Vries trägt einen großen schwarzen Filzhut, einen langen Holzstock, Bart – die jahrhundertealten Insignien eines Hirten. "Alles nur für die Autofahrer", sagt er. So sei er sofort als Schäfer zu erkennen und werde nicht für einen Verrückten gehalten, der gefälligst die Straße räumen solle. De Vries’ Haare sind leicht verfilzt, seiner Haut sieht man Sonne und Witterung an. Doch der Hirte weiß das Klischee auch zu unterwandern. Optisch mit Warnweste (Sicherheit) und Kunststoffsandalen (Komfort). Der echte Besuch bei einem echten Schäfer räumt mit falscher Idylle auf.

Für die Ausbildung zum Tierwirt ist er von Hannover auf die Schwäbische Alb gezogen. "Schafe und ich", sagt er, "das hat gut gepasst." Er sei vorher viel rumgekommen, habe auch in der Medienbranche gearbeitet. Das sei auf Dauer nicht so sein Ding gewesen. Zu viel Oberfläche, das Netzwerken liege ihm nicht. Die Faszination für Medien und soziale Netzwerke hat er jedoch nicht ganz hinter sich gelassen. Mit seinem Twitter-Account war der Hirte im Juni für den Grimme Online Award nominiert. Seit einem guten Jahr verfolgen knapp 6.000 Leute, was er als Schäfer erlebt. Inzwischen ist er auch auf Plattformen wie Instagram, Periscope, Vine, Facebook und Snapchat zu finden.