Es ist der Sommer ihres Missvergnügens. Für Birgit Klaubert vergeht in diesen Wochen kaum ein Tag ohne Gewitter, Donnerwetter, einen kalten Schauer. Als die linke Bildungsministerin vor sechs Wochen die Lehrer im Freistaat mit einem zweiseitigen Brief in die Ferien schickte, ihnen für Einsatz und Durchhalten dankte, wusste Klaubert selbst nicht, ob sie zum Schuljahresbeginn noch Ministerin sein würde. "Erholen Sie sich gut", rief sie den Pädagogen zu, "im August werden Sie wieder mit voller Kraft gebraucht." Es klang, als wollte Birgit Klaubert nicht nur die geschundenen Lehrerseelen streicheln, sondern auch ihre eigene. Denn die erste und bisher einzige linke Bildungsministerin, die das vereinigte Deutschland je hatte, regiert von Debakel zu Debakel.

Versuch und Irrtum nennen sie in Thüringen ihre Politik. Zyniker sahen die rothaarige Birgit Klaubert, 61, bei ihrem Amtsantritt im Dezember 2014 in direkter Nachfolge der lilahaarigen Margot Honecker, der letzten DDR-Ministerin für Volksbildung. Was beide verband, war nicht nur die Liebe zu gefärbtem Haar, sondern auch das SED-Parteibuch und der lange Glaube an den Sozialismus.

Es war ein historischer Moment, als die Linken gemeinsam mit SPD und Grünen in Thüringen vor knapp anderthalb Jahren an die Macht kamen und eine der Ihren an die Spitze des Bildungsressorts setzten. Zugegeben, das Erbe, das die Vorgänger aus CDU und SPD hier hinterlassen hatten, war kein leichtes. Ausgebrannte Pädagogen, bei denen Verweigerung zum Selbstschutz geworden war. Lehrerzimmer, die aussahen wie die Vorstufe zum Altenheim: Thüringer Pädagogen sind im Durchschnitt 54 Jahre alt, den Schulen fehlt eine ganze Generation junger Lehrer. Klaubert versprach, jedes Jahr 500 neue Stellen zu schaffen. Auch wenn sie wusste, dass das nicht reichen würde, weil sich allein in den nächsten fünf Jahren 4.600 Pädagogen in den Ruhestand verabschieden.

Akuter Lehrermangel führt schon jetzt zu massivem Stundenausfall. Die Zahl der langzeiterkrankten Pädagogen ist besorgniserregend hoch. Jene, die noch da sind, fühlen sich allein gelassen, überfordert, wenig geschätzt. Und so ist die Stimmung unter Lehrern, Schülern und Eltern 19 Monate nach Amtsantritt der linken Ministerin miserabel.

Eine erste Begegnung mit Birgit Klaubert im Februar 2015. Sie empfängt in ihrem Ministerbüro in der Werner-Seelenbinder-Straße in Erfurt. Redselig, offen, unkompliziert, vom Typ her eher Grundschullehrerin als Ministerin. Im Plauderton erzählt sie von früher, wie sie Lehrerin für Deutsch und Geschichte wurde und später angehende Erzieherinnen in Marxismus-Leninismus unterrichtet hat. Nach 89 habe sie sich immer wieder gefragt, ob sie auch nur einem ihrer Schüler unrecht getan habe, etwa aus ideologischen Gründen schlechtere Leistungen attestierte. Man nimmt ihr die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte ab. "Ich habe nach der Wende jahrelang allen erzählt, was ich gemacht habe, immer wieder, ungefragt. Bis die Leute gesagt haben, wie lange willst du das denn noch betonen?" Als Bodo Ramelow ihr das Ministeramt antrug, habe sie nachdenken müssen. Doch die Parteifreunde hätten gesagt: Wer, wenn nicht du? Auf die Frage, was denn nun linke Bildungspolitik sei, sagt Klaubert im Februar 2015: "Das ist eine gute Frage."

Dann redet sie von längerem gemeinsamen Lernen, gleichen Chancen für alle in einer Schule für alle. Ihr Vorsatz: keine bildungspolitischen Kopfgeburten, keine Gemeinschaftsschule als Zwang, aber auch kein Abwürgen von Initiativen aus ideologischen Gründen. Über die Thüringer Pädagogen sagt sie: "Wir müssen die Schule so stabilisieren, dass kein Lehrer verzweifelt, denn davon hängt ja auch die Lehrergesundheit ab."