Der Zweite Weltkrieg war vorbei, und die Schweiz fühlte sich wie jemand, der als Einziger unversehrt einen Flugzeugabsturz überlebt hat. Rundherum Zerstörung, aber das eigene Land prosperierte. Wie beim Absturzüberlebenden blieb dies nicht ohne Wirkung auf die mentale Verfassung. Erst unverwundbar, nun auch noch besonders stabil und wohlhabend, und das alles, ohne auf Bodenschätzen gebettet zu sein. War man da nicht irgendwie ein auserwähltes Volk, ein Sonderfall?

Zur Selbstidealisierung neigt man vielerorts. Die Vorstellung einer besonderen Bestimmung findet sich jedoch vor allem in Nationen wie den USA, Israel oder der Schweiz, die es scheinbar gegen jegliche Wahrscheinlichkeit zum Erfolg gebracht haben. Aber erst der Streit um den "Sonderfall Schweiz" hat das Land womöglich wirklich zu einem solchen gemacht. Er führte zu einer einzigartig polarisierten Wahrnehmung der eigenen Nationalität mit verkrampfter Distanzierung auf der einen und überschwänglicher Heroisierung auf der anderen Seite.

Konservative zelebrieren in den meisten Ländern, vielleicht mit Ausnahme Skandinaviens, ihre Vaterlandsliebe mit der größten Inbrunst. So halten sie es auch in der Schweiz. Ungewöhnlich ist jedoch die Entfremdung gegenüber der eigenen Nationalität im progressiven und linken Spektrum, die sich während des Kalten Kriegs ausgebildet hat.

Die Saat für diese Entfremdung hatte kein Geringerer gelegt als General Henri Guisan. Ausgerechnet Guisan, der wie kein Zweiter für die Aussöhnung zwischen deutsch und französischsprachiger Schweiz steht, schuf mit seiner spektakulären Reduit-Inszenierung ein Bekenntnis, das mittelfristig in einen Glaubenskampf führen musste. Nachdem im Frühsommer 1940 alle moralischen Dämme gebrochen waren, gab das Reduit der Bevölkerung Orientierung und Halt. Guisans abenteuerliche Verteidigungsdispositive wurden von den Deutschen nie entzaubert. Damit öffnete sich der Raum für Legenden und Verschwörungstheorien. Kurzfristig einte es die Schweiz, langfristig trieb das Reduit einen tiefen Keil in die Gesellschaft. Als mit neuen Erkenntnissen etwa zur Flüchtlingspolitik immer mehr Zweifel am Reduit-Glauben entstanden, entbrannte ein Konflikt um die zuvor gefestigte Identität dieses Landes. Wer gegen die Alpenfestung anrannte, attackierte notgedrungen auch die Schweiz. War doch Ersteres zum symbolischen Kern von Letzterem geworden.

Während das Schweizerkreuz von Menschen des (rechts)bürgerlichen Spektrums immer mit großem Stolz behandelt wurde, distanzierte man sich auf der Gegenseite immer mehr davon und begann gar Scham dafür zu empfinden.

Den Gegner als unpatriotisch, als unamerikanisch oder eben auch als unschweizerisch zu bezeichnen ist eines der wirksamsten Kampfmittel in der Politik. Selten kommt es vor, dass eine Konfliktpartei dies gleich selber übernimmt. Genau dies geschah in der Schweiz. Im Kalten Krieg entstand eine Gegennarration von einem Land der Feigheit und der Lebenslügen, die leicht zu Verachtung anwachsen konnte.

Diese Gegennarration entfaltete vor allem literarische Kraft. Sie hatte Max Frischs Stück Andorra hervorgebracht und sie ließ Bilder entstehen, wie jenes bleibende von der Schweiz als einem Gefängnis, in dem jeder sein eigener Wärter sei. Die Schweizer hätten sich in dieses Gefängnis geflüchtet, weil "alles außerhalb des Gefängnisses übereinander herfiel und weil sie nur im Gefängnis sicher sind, nicht überfallen zu werden". Nur wenige Wochen vor seinem Tod Ende 1990 hatte Friedrich Dürrenmatt dieses Bild geschaffen.

Aus der coolen "Swissness" der 1990er wurde schneller als gedacht plumper Patriotismus

Um die Jahrhundertwende schien – zumindest für eine kurze Zeit – ein anderer Weg möglich zu sein. Mit dem vom Bundesrat in Auftrag gegebenen Bergier-Bericht zur Schweiz im Zweiten Weltkrieg, in Etappen zwischen 1997 und 2002 publiziert, wurde der Reduit-Glauben offiziell beerdigt. Die alte Debatte erstarrte zu einem großen Berg Papier. Zu Recht wurde dabei die Frage aufgeworfen, warum der Fremdenpolizeichef Heinrich Rothmund erst jetzt, erst so spät von der ihm zugeschriebenen Rolle als williger, bürokratischer Flüchtlingsabweiser befreit wurde. Wieso trat aus der akademischen Forschung so lange niemand dem Bild eines schweizerischen Adolf Eichmanns entgegen? Eine fruchtbare Debatte über die Fehlleistungen der Kritiker der Reduit-Schweiz entstand daraus nicht. Dafür sorgten die Zeloten des rechten Glaubens. In gut verschwörungstheoretischer Tradition versuchten sie die Flüchtlingspolitik als Ganzes reinzuwaschen und vergessen zu machen, dass der Bundesrat den J-Stempel ohne Not schon 1938 bereitwillig akzeptiert hatte.

Ohnehin interessierten sich in diesen Tagen nur wenige für diese alten Geschichten, die reichlich Patina angesetzt hatten. Es war die Zukunft, die im Blickfeld stand. Die Impulse kamen aus den progressiven Großstädten. Nach Jahren geprägt von Stadtflucht und Drogenelend waren die Zentren mit ihren neuen, kreativen Berufsfeldern nun hip und angesagt. Es herrschte Aufbruchsstimmung – nicht nur in der Schweiz. In Europa gab eine neue, progressive Mitte den Ton an. "Cool Britannia" nannten die Angelsachsen diese Zeit des gelassenen und optimistischen Nationalstolzes. Es schien, als ob sich nun auch in der Schweiz ein progressiver Patriotismus entwickeln könnte. Die nicht zuletzt dank erfolgreicher Integrationspolitik erstarkende Fußballnationalmannschaft wurde zum Stolz jenseits aller Ideologien. Mit großer Mehrheit stimmte die Bevölkerung 2000 für die Bilateralen Abkommen mit der Europäischen Union.