Dann kam sogar ein UN-Beitritt in Griffweite. Er war das symbolische Pièce de Résistance einer Schweiz, die nicht zur Welt gehören will. Die Basler SP-Nationalrätin Anita Fetz trug ein weinrotes, ärmelloses T-Shirt mit einem großen weißen Schweizerkreuz auf der Brust, als sie während der UN-Debatte ans nationalrätliche Rednerpult trat, um für den von ihr mitinitiierten Neuanlauf eines Beitritts zu den Vereinten Nationen zu werben. Es war ein geradezu ikonischer Moment, der wie kein anderer die Aussöhnung der Progressiven mit ihrer nationalen Identität symbolisierte.

Doch an diesem 18. September 2001 war die Welt eigentlich bereits eine andere. Die Zeit der gelassenen, coolen "Swissness" neigte sich ihrem Ende entgegen, bevor sie richtig begonnen hatte. Die von Flugzeugen zum Einsturz gebrachten Türme des World Trade Centers in New York hatten nur eine Woche zuvor unter ihren Trümmern auch die glimmernden neunziger Jahre endgültig begraben. Ein neues, von Samuel Huntingtons Kampf der Kulturen überschattetes Jahrhundert hatte begonnen. Nur neun Tage nach Fetz’ ikonischem Auftritt stürmt Friedrich Leibacher das Zuger Kantonsparlament und erschießt 14 Menschen. Vier weitere Tage, und die legendäre Swissair liegt am Boden.

Von der Aufbruchsstimmung blieb wenig übrig, und dennoch stimmten die Schweizerinnen und Schweizer 2002 für den UN-Beitritt, und der angesagte Designer Tyler Brûlé durfte die neue, aus der bankrotten Swissair hervorgegangene Swiss in trendig-urbanem Stil bemalen. Doch die als Krönung einer neuen Epoche gedachte Expo.02, die als progressiver Kontrapunkt zur heimattümelnden Landi von 1939 konzipiert worden war, markierte bereits das schale Ende einer kurzen Ära. Der Wurm steckte von Anfang an drin. Das Projekt wurde ein Jahr verschoben, und schließlich hinterließ die glimmrige, ästhetisch statt inhaltlich begründete Ikonografie bei vielen Besucherinnen und Besuchern eine sonderbare Leere. Das eigentlich ohnehin obsolete Konzept einer nationalen Gesamtbeschauung ließ sich mit "urban chic" nicht zu neuem Leben erwecken.

"Swiss chic" trieb jedoch wunderliche Blüten. Alles Mögliche und Unmögliche wurde fortan mit Schweizerkreuzen versehen. Aus den Kernstädten, wo die Ästhetik des Schweizerkreuzes mit leichter Verfremdung neu lanciert wurde, verschwand dieses jedoch so schnell, wie es aufgekommen war. Das Kreuz bahnte sich seinen Weg durch die Agglomeration wieder zurück aufs Land. Sein edles Weinrot verwandelte sich dabei beinahe unbemerkt in ein helles Signalrot, und aus den eng geschnittenen Schweizerkreuz-T-Shirts wurden flatternde Fahnen in Einheitsgröße. Wer heute noch auf eine trifft, darf ohne allzu viele Vorurteile darauf schließen, dass der Träger oder die Trägerin gegenüber nationalkonservativen Werten zumindest aufgeschlossen ist.

Ab 2000 machte sich die Schweiz ganz gemächlich auf ihren eigenen bilateralen Sonderweg, Schritt für Schritt bis hin zu jenem bemerkenswerten 8. Februar 2009, als sich 60 Prozent der Stimmberechtigten hinter die definitive Einführung der Personenfreizügigkeit mit der EU stellten. Seit Christoph Blochers ikonischem Kampf gegen den EWR von 1992 schenkten die Schweizerinnen und Schweizer seiner SVP zwar Wahlsieg um Wahlsieg, die Definitionsmacht über die für ihn so zentrale Europafrage war ihm jedoch entglitten. Es war nun bereits seine vierte europapolitische Niederlage in Folge. Europa strebte mit der eigensinnigen Schweiz im Schlepptau in Richtung einer immer engeren Union. Doch am Ende hält sich die Geschichte selten an ein vorgeschriebenes Drehbuch.

Noch vor dem Start der vollen Personenfreizügigkeit zog nicht nur die Zuwanderung stark an, sie veränderte auch ihren Charakter. Hoch qualifizierte Arbeitskräfte, vor allem aus Deutschland, forderten auf einmal auch jene Inländer heraus, die sich bislang vor Konkurrenz durch Zuwanderung in Sicherheit wähnten. Die 60 Prozent, die sich 2009 hinter die Personenfreizügigkeit gestellt hatten, schrumpften innerhalb von fünf Jahren auf knapp unter 50. Zur allgemeinen Überraschung stimmte am 9. Februar 2014 eine hauchdünne Mehrheit für die "Initiative gegen Masseneinwanderung" der SVP.

Ein Comeback feierten auch die Erzählungen der Nationalkonservativen, nachdem sie in den Jahren davor, trotz Wahl- und Abstimmungserfolgen, immer weniger gefragt waren. Tell und Rütli passten irgendwie nicht in eine Zeit, deren Haupterzählungen "Öffnung" und "Integration" geheißen hatten. Als sich jedoch ab 2010 die Schulden-, Euro- und Südeuropakrisen zuspitzte, wurde auf einmal das zuvor für viele Undenkbare zur realen Möglichkeit: der Zerfall der Europäischen Union. Mit den europäischen Fliehkräften gewannen auch alte Bilder ganz neue Aktualität. Ist es nicht klüger, sich in die Alpenfestung zurückzuziehen, statt mit diesem Koloss auf tönernen Füßen unterzugehen? Sind die vielen Zuwanderer nicht lediglich eine zivile Variante der Invasionstruppen, denen man sich militärisch stets so erfolgreich entgegengestellt hatte? Ist es nicht wieder der Bundesrat, der "Anpasserreden" hält, statt tapfer den Widerstandsgeist gegen fremde Mächte und ebensolche Richter zu demonstrieren?