Der ganze Fundus war noch da und gut erhalten. Er musste bloß aus der Requisitenkammer geholt werden und passte nun auf wundersame Weise wieder in die Zeit. Als das Jahr 2015 der Eidgenossenschaft auch noch die Jubiläen von Morgarten (1315) und Marignano (1515) bescherte, war kein Halten mehr. Wie in guten alten Zeiten huldigten die Konservativen dem Schweizerglauben, während sich Linke und Liberale um seine Dekonstruktion bemühten. Scheiterten die Progressiven früher an den verhärteten Überzeugungen des Kalten Kriegs, scheiterten sie nun an einer neuen Elastizität der konservativen Geschichtenerzähler.

Die zwischenzeitlich von den politisierenden Chefredaktoren Roger Köppel und Markus Somm angeführte rechte Intelligenz hat dazugelernt. Statt auf "objektiven" Wahrheiten zu beharren, die sich leicht widerlegen lassen, setzt sie heute auf die narrative Kraft ihrer Geschichtsbilder. Beide Publizisten haben ihre Wurzeln außerhalb des rechten Spektrums, und für beide spielte die Figur Christoph Blocher eine entscheidende Rolle bei ihrer Erweckung zum rechten Glauben. Es ist ihre gemeinsam geteilte Schwäche für die Narration der Stärke, die sie dem alten Mann verfallen ließ, der in seiner physischen Nähe eine unheimliche Suggestivkraft entwickeln kann. In ihrer rhetorischen Offensive gegen eine schwächliche, progressive Elite profitieren beide davon, dass sie ihre politischen Gegner aus persönlichster Erfahrung kennen – sie gehörten früher selber zu ihnen. Nicht zuletzt dank seinen eigenen Lehrjahren als Linksintellektueller vermag Markus Somm wie kein anderer die gegnerischen Argumentationsstränge zu antizipieren und deren Schwächen bloßzulegen. Köppel hat seine womöglich wichtigste Lehrzeit im Kinosessel verbracht. Hollywoods großes Blockbusterkino hat ihm die Augen geöffnet für die Kraft, die von Erzählungen ausgeht, die direkt auf die Triebe und Urängste der Menschen zielen. Es ist die Faszination für die dunkle Seite der Macht. Star Wars statt Maos rotem Büchlein.

Somm und Köppel stehen für eine neue Rechte, die in ihrer ideologischen Selbstgewissheit so festgefahren ist wie die dogmatische Linke der 1970er Jahre. Die mit ihrer elastischen Argumentationsweise jedoch alle Freiheiten der Postmoderne für sich in Anspruch nimmt.

Alle kennen Tell. Aber niemand kennt die Helden der modernen Schweiz

Heute rächt es sich, dass der eingängigen, konservativen Schweizerzählung nie eine progressive, patriotische Narration entgegengestellt wurde. Anders als Tell, Rütli und Morgarten kennt kein Kind die unglaublich spannende Geschichte unserer eigentlichen Gründerväter. Die radikalen Revolutionäre schafften 1848 eine neue Nation, und sie gestalteten eine moderne Demokratie, während rundherum die liberalen Aufstände kläglich scheiterten. Die progressiven Vordenker der amerikanischen Demokratie, Thomas Jefferson und Benjamin Franklin, sind hierzulande wahrscheinlich besser bekannt als Ulrich Ochsenbein, der geistige Vater unseres eigenen Bundesstaats.

Es ist der diskursive Vorteil der Konservativen, dass Angst anders als euphorische Hoffnung keine enge zeitliche Begrenzung kennt. Hoffnung ist flüchtig, Angst ist zäh. Als im Herbst 2015 die europäische Flüchtlingskrise in ihre zweite, posteuphorische Phase trat, zeigte sich in Europa nicht nur ein Herz der Finsternis. Es sind aktuelle Bilder von unzähligen fremden Flüchtenden, die Richtung Nordeuropa marschieren, und es sind Nachrichten von Übergriffen, die irgendwo in Europa passieren, die ihre Wirkung in den Köpfen entfalten. Die große Erzählung der EU als Friedensprojekt, das Jahrhunderte der Kriege in Europa beendet habe, hat es schwer gegen die kleine, aber viel fassbarere Erzählung der kulturellen Überfremdung.

Dennoch bleibt die Auseinandersetzung zwischen Progressiven und Konservativen immer auch ein Kampf der Narrationen. Dies gilt in besonderem Maß für die Schweiz. Die direkte Demokratie führt hier immer von Neuem zu Auseinandersetzungen um Deutungshoheit. Wenn sich in den Köpfen der Menschen die Vorstellung festsetzt, dass Jahr für Jahr eine "Menschenmasse" im Umfang der Stadt St. Gallen zusätzlich in die Schweiz kommt, dann bleibt das nicht ohne Wirkung. Wo soll man diese vielen St. Gallen bloß hinstellen, wenn alles schon verbaut ist? Stellt man sich dagegen vor, dass nur eine Person von hundert, denen man auf der Straße begegnet, dem jährlichen Zuwachs durch Zuwanderung entspricht, so ist dies weit weniger beängstigend.

Bei alledem geht es nicht um einen Kampf der großen Geschichtsnarrationen von Morgarten bis zur Alpenfestung. Es sind nicht diese sperrigen, alten Helden, sondern kleine Alltagsbilder, die einen Unterschied machen können. So zum Beispiel das Bild eines geklauten Apfels, der zur Ausschaffung führe. Es ist ein Bild, das erfolgreich gegen die SVP-Durchsetzungsinitiative von 2016 gezeichnet und vermittelt wurde. Solche einfachen Alltagsbilder können mitentscheiden, welche Situationen als bedrohlich, als bewältigbar oder gar als Chance gesehen werden.

Michael Hermann: Was die Schweiz zusammenhält. Vier Essays zu Politik und Gesellschaft eines eigentümlichen Landes, Zytglogge, Bern 2016; 220 S., Fr. 29,00 Erscheint Mitte August