Für die Spendenbereitschaft gibt es kein tödlicheres Gift als Nachrichten wie diese: Im Gazastreifen soll laut Erkenntnissen des israelischen Geheimdienstes Mohammed al-Halabi, ein hochrangiger palästinensischer Mitarbeiter der Hilfsorganisation World Vision, bis zu 45 Millionen Euro Spendengelder an Hamas weitergeleitet haben. Und das sechs Jahre lang. Haben die Kontrollsysteme versagt, oder waren sie selbst Teil des Spinnennetzes, wie das israelische Außenministerium nachzuweisen glaubt? Geldspenden und Lebensmittelpakete, die eigentlich für die Unterstützung von Arbeitslosen und die Versorgung kriegsversehrter Kinder gedacht waren, sollen von den Terrorkämpfern zur Aufrechterhaltung ihrer militärischen Schlagkraft requiriert worden sein. Denn Hamas gehen Geld und Materialien aus, seit die Grenzen zu Ägypten dicht sind. Mit Strohfirmen, gefälschten Unterlagen und manipulierten Ausschreibungen habe Al-Halabi ein enges Geflecht zur Zweckentfremdung der Spenden geschaffen, so das israelische Außenministerium.

Deutschland und Australien haben daraus Konsequenzen gezogen und halten nun Spendengelder für World Vision erst einmal zurück. Das gebietet das Reinheitsgebot in der Spendenkultur. Aber die dahinterstehende Frage ist: Wie sauber kann die Hilfe in Kriegs- und Krisenregionen wirklich sein?

Wäre der Mitarbeiter von World Vision ein Hamas-Maulwurf, der seinen Arbeitgeber ebenso betrog wie die Bedürftigen, könnte man das unter "schwarzes Schaf" verbuchen. Eine Ausnahmeerscheinung, wie sie unter den vielen weißen Schafen naturgemäß vorkommt. Doch damit stehlen sich die Organisationen über die grundsätzliche Frage hinweg, ob ihr Selbstanspruch, sich jeglicher Beteiligung an politischen, militärischen und terroristischen Aktivitäten entziehen zu können, der Realität entspricht. Das Papier von Leitprinzipien ist geduldiger, als es die konkreten Verhältnisse sind, denen die Helfer vor Ort ausgeliefert sind.

Der Zweifel, ob sich Nothilfe in Kriegs- und Krisengebieten überhaupt bewerkstelligen lässt, ohne in lokale Machtstrukturen verstrickt zu werden, wird von den Hilfsorganisationen jedenfalls nicht genügend öffentlich diskutiert. Er würde die Spendenlust dämpfen, so wie es der Organvergabeskandal für die Organspendebereitschaft tat. Der Gebende will mit seiner Gunst ein reines Gewissen erlangen. Dazu passt nicht das Bild vom korrupten Machthaber in einem korrupten System, in dem sich Despotie auf Nepotismus gründet. Wo ohne Gefälligkeit nichts geht und keine Spende den direkten Weg zum Bedürftigen findet, ohne dass jemand mitverdient, der aus dem Elend seines Landes Profit zieht.

Dementsprechend groß ist die Enttäuschung, wenn sich herausstellt, dass Hilfsgüter in falsche Kanäle fließen oder in Privatschatullen der Reichen verschwinden. Wollen die Spender wirklich wissen, ob ihre Zuwendungen herrschende Gewaltkonflikte eher verlängern und festigen? Die Vorstellung, dass in Hilfsorganisationen nur Hilfsbedürftigen Hilfe zuteilwird, ist ein frommer Wunsch, der einem abstrakten Menschenbild entspringt, aber mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun hat. Es gibt keinen machtfreien Raum, in dem eine Kavallerie von heiligen St. Martins den Bettlermassen vom hohen Ross herab Mantelhälften spendiert. Wenn wir spenden, hoffen wir, dass geholfen wird, wollen aber nicht wahrhaben, wie es gehandhabt wird.

Freigiebig richten wir auf unserer Gewissensbank einen moralischen Dauerauftrag ein, ahnend, dass in einer Welt voller Naturkatastrophen und Krieg der Preis zur Rettung von Menschen stets neu taxiert werden muss. Aber zum Spenden gibt es nun mal keine Alternative. Wenn Menschen nur gerettet werden können, weil Gelder in falsche Hände geraten, dann muss das eben als Extraposten in der Bilanz verbucht werden. Alles andere wäre Heuchelei. Wer nur gut sein kann, wenn er gar nichts macht, bewirkt nichts Gutes.

Deswegen ist es auch ein völlig falsches Signal, wenn nun die staatliche amerikanische Entwicklungsorganisation USAID 14 privaten Hilfsorganisationen Millionenzahlungen für die Syrienhilfe entzieht, weil sie sich von türkischen Firmen mindere Ware zu überteuerten Preisen andrehen ließen. Einige NGO-Mitglieder waren in den Betrug verwickelt. Die Folge eines solchen Entschlusses ist gar keine Hilfe. Die radikale moralische Konsequenz schafft hier eine neue humanitäre Misere. Da wundert es nicht, wenn die Hilfsorganisationen solche Moralfragen erst einmal vom Tisch wischen.

World Vision sprach dieses Spende-Dilemma auch nicht an. Stattdessen äußerte sich die Institution entsetzt über die Vorwürfe des israelischen Außenministeriums und forderte ein faires Verfahren für ihren Mitarbeiter. World Vision sehe nach der jetzigen Sachlage keinen Grund, zu glauben, dass die israelischen Anschuldigen der Wahrheit entsprechen, wie es in einer Stellungnahme heißt. Die Tatsache, dass ihr Mitarbeiter Mitte Juni am Kontrollpunkt Eres inhaftiert wurde und dann 50 Tage in Untersuchungshaft Verhören ausgesetzt war, steht noch über der Frage, ob hier ein vorsätzlicher Amtsmissbrauch vorliegt. Gaza liegt ihm Hier und Jetzt. Dort regiert nicht die Güte, jeder verfolgt seine Interessen, so gut und böse er kann. Die divergierenden Interessen halbwegs auszubalancieren, darin liegt die Kunst aufrichtigen Helfens.