Als ich das erste Mal den Kopf eines Kindes mit Mikrozephalie berührte, hat sich etwas in mir verändert." An diesen Moment erinnert sich Patricia de Mello Jungman genau. An dieses Kind, dem der halbe Kopf fehlte. Das Zika-Virus hatte seine Mutter angesteckt. "In diesem Augenblick wusste ich, dass ich Zika erforschen muss", sagt die Pathologin von der Universidade federal de Pernambuco in Recife.

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Die brasilianische Stadt ist am härtesten von Zika betroffen. Dort, im Nordosten des Landes, bemerkten Ärzte Mitte 2015 erstmals, dass Mikrozephalie-Fälle unter Neugeborenen zugenommen hatten. Allein in Brasilien sind inzwischen laut Weltgesundheitsorganisation 1.800, vielleicht sogar 5.000 Babys betroffen.

Seit sich die Infektion mit dem Zika-Virus als Ursache für die Fehlbildungen herauskristallisierte, stürzten sich Forscher auf der ganzen Welt auf diesen Erreger. Über ihn war kaum etwas bekannt. Warum hätte man ihn auch erforschen sollen? In den vergangenen 70 Jahren galt Zika als ungefährlich. Nur einer unter fünf Infizierten bemerkt die Symptome, die anderen leiden ein wenig unter Fieber oder Ausschlag. Doch jetzt suchen Wissenschaftler fieberhaft nach einem Impfstoff, andere erforschen in Zellen und Labortieren, wie das Virus zum Fötus gelangt und warum es dort Schaden anrichtet.

Dabei wissen wir um die Folgen der Zika-Infektion längst von altbekannten Viren. Noch in den 1960er Jahren befiel das Röteln-Virus ähnlich häufig Embryonen wie heute Zika. Erst ein Impfstoff bereitete dem ein Ende. "Für Virologen ist die Situation nicht so wahnsinnig neu", sagt Susanne Modrow vom Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene der Uni Regensburg: "Wir wissen, dass Viren Fehlbildungen bei Kindern verursachen können." Nicht bei jeder erkrankten Schwangeren steckt sich auch der Fötus an. Die Mutter und Kind verbindende Plazenta kann viele Erreger blockieren, etwa HIV. Doch eine Reihe anderer Erreger – neben Röteln auch Zytomegalie- oder Herpes-simplex-Viren – durchdringt die Barriere. Zika kapert Immunzellen und lässt sich in ihnen durch die Plazenta schmuggeln.

Im ersten Schwangerschaftsdrittel kann das fatal enden, weil das Gehirn des Fötus dann besonders schnell wächst. Zika tötet neuronale Stammzellen, aus denen sich Hirnzellen entwickeln – das Gehirn bleibt winzig. Auch später besteht Gefahr für das Hirn: Es habe seine äußere Gestalt zwar erreicht, "aber Bereiche im Innern entwickeln sich erst dann und sind sehr empfindlich", sagt der Mediziner Gil Mor von der Yale University. Er ist überzeugt: "Zika zeigt bislang lediglich die Spitze des Eisbergs dessen, was Viren dem Fötus antun können." Patricia de Mello Jungman hat schon einige Fälle, in denen die Augen der Neugeborenen zu klein sind oder die Netzhaut nicht richtig entwickelt ist. Nach den Erfahrungen mit Zytomegalie und Röteln erwarten die Ärzte auch bei Zika Schäden am Gehör.

Viele der Mechanismen haben die Forscher noch gar nicht verstanden. Gil Mor vermutet, dass Immunprozesse während der Schwangerschaft Schaden am Gehirn anrichten können. "Sie könnten die Häufung von Schizophrenie oder Autismus nach Grippe-Pandemien erklären." Dafür gibt es tatsächlich Hinweise. 1988 untersuchten Forscher die Grippe-Epidemie von 1957 in Finnland. Ihnen fiel auf, dass Menschen, deren Mütter in der Schwangerschaft die Grippe hatten, häufiger an Schizophrenie erkrankten. Genauso war es nach dem Röteln-Ausbruch 1964/65 in den USA. Allerdings demonstrieren die Studien nur einen zeitlichen, keinen kausalen Zusammenhang.

Um nach langer Zeit zeigen zu können, dass ein Patient im Mutterleib bestimmten Faktoren ausgesetzt war, bräuchten die Forscher Blut- und Plazentaproben aus der Phase der Epidemien. Doch niemand bewahrt so etwas auf. Das könnte sich jetzt ändern: "Zika öffnet eine Tür für die Erforschung dessen, was die Umwelt mit der Schwangerschaft macht", sagt Gil Mor. Brasilien, Kolumbien, die USA, Frankreich in seinen Karibik-Departements – viele Länder haben Kohortenstudien aufgelegt, in denen sie sämtliche Schwangeren regelmäßig auf Zika untersuchen und deren Babys mindestens in den ersten beiden Lebensjahren begleiten, um auch psychomotorische Störungen aufzuspüren. "Wir sammeln Blut, Plazenta, Nabelschnurblut, Hirn- und Rückenmarksflüssigkeit", sagt de Mello Jungman.

Obwohl in Spitzenzeiten in Brasilien 200 von 10.000 Neugeborenen mit Verdacht auf Mikrozephalie geboren wurden – die allermeisten Kinder kamen trotz Zika-Infektion unversehrt zur Welt. Deshalb suchen die Forscher nach Einflüssen, die eine Zika-Infektion so verstärken, dass sie Schäden anrichtet. Um solche Faktoren nach Jahren überprüfen zu können, braucht man Blut- und Plazentaproben, in denen sich nach den Komplizen suchen lässt. "Probensammeln ist entscheidend", sagt Gil Mor.

Manche Auswirkungen werden wohl erst im Schulalter sichtbar werden. Bei Schizophrenie können darüber sogar 30 Jahre verstreichen. Um Ergebnisse zu erzielen, müssten Wissenschaftler und Ärzte Zehntausende Kinder über viele Jahre hinweg begleiten. "Solche Studien sind extrem aufwendig, extrem teuer", sagt die Virologin Susanne Modrow, "und oft wegen der langen Zeiträume kaum organisierbar."

Mitteleuropäer wird Zika wohl lediglich auf Reisen bedrohen. Aber auch hierzulande gibt es ähnlich gefährliche Erreger. Jedes Jahr schädigt das Zytomegalovirus (CMV) in Europa Tausende Embryonen, denn etwa der Hälfte der Schwangeren fehlt der Immunschutz. Doch viele Folgen bleiben unsichtbar. Betroffene Kinder kommen in Deutschland nicht auf die Welt. Schwere Schäden erkennen Ärzte schon im Ultraschall. Die Eltern beenden die Schwangerschaft dann fast immer. In Brasilien dagegen sind Abbrüche nahezu vollständig verboten – wäre es anders, würde die Zika-Infektion wohl keine so erschütternden Bilder liefern.