Ein künstlerisch begabter Mann sei der Vater gewesen, ein Ingenieur. "Er hätte Potenzial gehabt", als Zeichner, Architekt oder Musiker. Doch der Alkohol zerstörte ihn, zwei Söhne hat er durch den Krieg verloren, seine Ehefrau unterdrückte er, führte offen unglückliche Affären und triezte, vom Stolz besessen, seine Kinder seit dem Kleinkindalter zur Perfektion. In von ihm entworfenen gleichen Kleidchen mussten die Zwillingsmädchen vor ihm hergehen, damit er stets ihre Haltung kontrollieren konnte. Auf Grünstreifen neben Straßenbahnhaltestellen zwang er sie, Kunststücke für die Wartenden aufzuführen, Räder zu schlagen, Akkordeon zu spielen. Ab und zu nahm er die Kinder auch abends mit in die Kneipe, um mit ihnen Eindruck zu machen.

"Manchmal hat sich eine von uns versteckt, dann konnte er uns nicht mitnehmen, er brauchte ja immer beide", erzählen die Schwestern. Über ihren Vater sprechen sie abgeklärt wie über einen Exmann, von dem die Scheidung Jahrzehnte zurückliegt.

Wohnung, Garten, Hund: Der Mutter sollte es einmal besser gehen

Wie eine Sklavin hätten sie ihre Mutter in der elterlichen Ehe erlebt. Sie habe erst fünfzig werden müssen, schrieb ihnen die verstummte, durch die Misshandlungen ihres Mannes und die Trauer um ihre früh verstorbenen Söhne völlig apathische Mutter einmal in einem Brief, um zu erkennen, dass das Leben schön sein kann. Alice und Ellen hatten ihr eine Wohnung mit Garten gekauft, einen Hund, den Ort, an dem sie alt werden konnte. Es ist, als wäre im Geheimen nicht der Erfolg, sondern das ihre Lebensaufgabe gewesen: "Wenn wir groß sind, soll Mutti es einmal besser haben."

Und auch sie wollten es besser haben, ein Ziel, das nur mit vorauseilenden Vorsichtsmaßnahmen zu erreichen war: "Wir haben uns schon als Kinder gegen die Ehe entschieden, Männer hatten eigentlich nie eine Chance." Zwar gab es Partner in ihren Leben – zwanzig Jahre lang war Ellen mit Umberto Orsini, einem italienischen Schauspieler liiert, davon achtzehn Jahre verlobt, einen gemeinsamen Alltag gab es wegen der ständigen Auftritte nie. Alice führte über die Jahre mehrere Beziehungen, unter anderem mit dem französischen Schauspieler Marcel Amont.

Geblieben ist niemand. Beide Zwillinge sind betrogen worden, im Nachhinein sprechen sie erleichtert über die Trennungen. Augenrollend erinnern sie sich: "Was für ein idiotischer Macho", "Männer sind schwach, sie wollen angehimmelt werden", "Weißt du noch, wie er mich einmal fragte, ob wir nun endlich heiraten würden. Wieso, sagte ich und lachte, bist du schwanger?"

Wie die Geschichte einer Abschottung lesen sich weite Teile ihrer Biografie. Ein Hüpfen von Schutzraum zu Schutzraum, um bloß keiner Nähe ausgesetzt zu sein. Ihre Anleitung zur Männervermeidung: Mit Schwulen befreundet sein, die im Notfall den Partner mimen können. Stets zu zweit bleiben, im Flugzeug immer hinunterschauen, in ein Buch, das man gar nicht lesen muss, Hauptsache, keinen Augenkontakt zulassen. Auch befreundete ältere Ehepaare waren für die Zwillinge immer wieder ein Refugium, etwa, als der Regisseur ihres ersten Films Okay Mama den jungen Mädchen derartig nachstellte, dass sie in ihrer Pension nicht mehr sicher waren und einen Schlafplatz brauchten.

Es ist eine Parallelgeschichte zu ihren schillernden Erfolgen: die ambivalenten Erfahrungen zweier allzu hübscher junger Frauen im vorigen Jahrhundert. Umworben und umschwärmt, gleichzeitig Belastungen und Belästigungen ausgesetzt, von denen sie wie Selbstverständlichkeiten sprechen. Mal gab es wüste Beschimpfungen, wenn sie sich Männern verweigerten. Einmal schwängerte ein nur als "Mr. Capri" bezeichneter Mann Alice, als sie Anfang zwanzig war. Einen Tag nach der Abtreibung ohne Narkose stand sie wieder auf der Bühne, vierzig Grad Fieber und Blutungen. Sie habe sich eine "seelische Hornhaut" zugelegt, schreibt Alice in ihrer Biografie. "Drüsen, Hormone", mehr sei die Liebe doch meist sowieso nicht. Familie, auch dieses Wort hat bis heute keine Bedeutung für die beiden. "Das kennen wir nicht." Kinderlos, Eltern und Geschwister tot, keine Verwandten: Alice und Ellen Kessler haben ihr gesamtes Erbe den "Ärzten ohne Grenzen" verschrieben. Weihnachten feiern sie zu zweit, eine andere Beziehung außer die zur Schwester vermissen sie nicht.

Und doch. Vielleicht haben die Verhärtungen der Kindheit und ihre schlechten Erfahrungen einiges unmöglich gemacht, was eine Chance verdient hätte. Worin denn das Risiko bestanden hätte, sich zu öffnen? Es ist der erste Konjunktiv im ganzen Gespräch, den sie zulassen, die erste längere Stille. "Man leidet", sagt Alice entschieden. Sie war es auch, die an einer Stelle im gemeinsamen Buch schrieb: "Irgendwie habe ich manchmal das Gefühl, etwas zu vermissen, ich weiß noch nicht, was." Hat sie es gefunden? Hier mischt sich Ellen ein: "Ich hätte diesen Satz nicht geschrieben. Ich bin stärker als sie, vom Charakter her."

Es passt nicht zusammen und dann wieder doch: zwei ineinander verschlungene Leben in kompletter Abhängigkeit, eine "Zwangsjacke", wie beide es immer wieder nennen. Doch genau diese Zwangsjacke bescherte ihnen die Unabhängigkeit, die sie brauchten, um sich von der Kindheit zu emanzipieren und den Erfolg auf der Bühne ein Leben lang halten zu können. Alleine, sind die Schwestern sich einig, hätte es nie im Leben funktioniert. Nicht ohne das Geschenk, den Fluch, das Wunder der Gleichheit.

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