Niemand kann auf so großartige Weise genervt sein wie sie. Diese ein wenig spöttischen Mundwinkel. Dieser zierliche Körper, immer bereit zum Achselzucken. Diese winzigen Hände, wie gemacht für kleine Gesten der Ungeduld. Seit 40 Jahren läuft, stöckelt, marschiert Isabelle Huppert durch die Filmgeschichte, als Medium einer monströsen Seinsgereiztheit. In ihrem neuen Film verbindet die französische Schauspielerin diese Haltung mit einer anrührenden Angeschlagenheit ihrer Figur.

Eigentlich ist die Pariser Philosophielehrerin Nathalie Chazeneux ganz zufrieden mit ihrem Leben. Die netten, auch ein wenig langweiligen Kinder sind erwachsen und aus dem Haus. Mit einem ehemaligen Schüler unterhält sie eine platonische Liebe im Dienste der Philosophie. Ihr Ehemann, ebenfalls Philosophielehrer, hat sich eingerichtet in selbstgerechter Korpulenz, taugt aber für geistreiche Kabbeleien am Mittagstisch. Die gemeinsame Wohnung in einem modernen Gebäude ist hell, voller Bücher und skandinavischer Möbel.

Doch eines Abends – gerade hat Nathalie die Beine erschöpft auf dem Sofatisch ausgestreckt – verkündet ihr Mann, dass er sie für eine andere verlassen wird.

Die Nachricht lässt ihr Gesicht kurz entgleisen und sofort wieder die Form finden. In einer ungemein subtilen Gratwanderung spielt Huppert diesen Moment eines Menschen, der aus allen Wolken fällt – und gleichzeitig die Reißleine zieht. Alles was kommt von der französischen Regisseurin Mia Hansen-Løve handelt von einer Frau, die versucht, die Fassung zu bewahren, indem sie vor ihrem Leben herläuft, das hinter ihr zusammenstürzt. Dabei – was gäbe es Schöneres für die Leinwandkämpferin Isabelle Huppert – hat sich ihre gesamte Umgebung verschworen, sie herauszufordern.

Etwa ihr Mann, der ihr einen Blumenstrauß auf den Tisch stellt, bei der Aufteilung der Bücher jedoch die von ihr geliebten und mit Anmerkungen versehenen Levinas-Bände mit in die neue Wohnung nimmt. Oder ihre depressive, lebensuntüchtige Mutter, die wie ein gieriges Kind mit fortwährenden Anrufen die Anwesenheit der Tochter einfordert. Die neue Marketingabteilung ihres Verlages verletzt Nathalies Geschmack und ihren Stolz mit infantilen Designvorschlägen für ihre Bücher. Außerdem versuchen streikende Schüler, sie von ihrer Arbeit abzuhalten. Und dann ist da dieses Handy, das manchmal Empfang hat und manchmal nicht und eigentlich nur Hiobsbotschaften bringt. Nathalies kleine Finger quälen das Gerät mit harten, ungeduldigen Stubsern, als sei es eine Voodoo-Puppe der Welt, die sie quält.

Nicht ein einziges Mal wird Hupperts Figur sagen, wie es ihr geht, was sie empfindet, was sie umtreibt. Sie funktioniert, reagiert, wickelt ab, erledigt, was zu tun ist, ist ständig in Bewegung – und scheint dabei auf eine ganz eigene, sich und uns überraschende Weise voranzukommen. Oder mit sich eins zu werden.

Das sich unter der Handlung abspielende Drama erfüllt trotzdem das Bild. In Hupperts Minimalismus wird ein Augenblick der Fragilität schon zu einem Ausbruch: Nathalie spricht vom Ferienhaus in der Bretagne, das der Familie des Mannes gehört und nicht mehr ihres sein wird. Sie redet vom Garten, den sie bepflanzt hat, vom Strand, an dem die Kinder aufgewachsen sind. Auf die Träne im Augenwinkel folgt wieder die Aktion: Als Nathalie ihre Ferienkleider aus dem Schrank reißt, meint man, sie wolle eine alte Wurzel ausrupfen.