In all diesen Überlegungen schwingt mit, dass Angst im Vergleich zur Furcht zumeist diffus ist. Sie bezieht sich auf eine mögliche Gefahr, nicht auf eine reale. Angst sitzt im Bauch. Furcht im Kopf. Angst ist emotional, Furcht rational. Angst führt zu "Vigilanz", also zu andauernder Aufmerksamkeit auf eine mögliche Gefahr, während sich die Furcht auf eine akute Gefährdung bezieht und dann auch wieder vergeht. Zugegeben: Die Übergänge zwischen Angst und Furcht sind fließend.

Es mag sein, worauf Fachleute der Evolution hinweisen, dass Angst und Furcht für das Überleben hilfreich sein können. Dabei wird weniger der Angst, sondern mehr der Furcht diese Rolle zugewiesen. Denn die Angst lähmt, während die Furcht handlungsfähig macht. "Fürchtet euch endlich!", hat die große Theologin Dorothee Sölle den Menschen zugerufen. Es wäre schon viel gewonnen, könnte bei immer mehr Menschen sich Angst in Furcht und Besorgnis wandeln.

Zum Glück ist das bei der Mehrheit der Menschen in unseren Ländern derzeit der Fall. Nach einer Studie in Österreich regieren in unserer Bevölkerung derzeit drei Emotionen: Ärger, Sorge und Zuversicht. Die meisten Menschen gehören zu den Besorgten.

Die Szene bestimmen allerdings jene mit Ärger und mit Zuversicht. Sie bilden polarisierte Randgruppen mit starken Emotionen, erfreulichen wie bedrohlichen, hilfreichen wie für die künftige Entwicklung des Landes wenig tauglichen. Wer Ärger fühlt, wehrt ab. Personen mit Zuversicht setzen sich ein. Die Verärgerten neigen dazu, zu hetzen, die Zuversichtlichen hingegen helfen.

Ob jemand aber zum Ärger oder zur Zuversicht tendiert, hängt laut meiner Onlinestudie aus dem Herbst 2015 (Entängstigt euch!, Ostfildern 2016) vom Potenzial der Ängste ab, die in einer Person vorhanden sind. Je mehr Ängste: vor sozialem Abstieg, vor kultureller Überfremdung, davor, im kurzen Leben zu kurz zu kommen, desto eher Abwehr. Und umkehrt: Je weniger Ängste jemand in sich biografisch angesammelt hat, desto zuversichtlicher agiert er, fühlt und handelt sie. Solche Menschen treten für eine Willkommenskultur ein, unterstützen Maßnahmen der Integration, lernen mit Schutzsuchenden Deutsch, kümmern sich um Wohnraum und Arbeit. Wer Angst hat, sieht eine Katastrophe auf das Land zukommen. Wer zuversichtlich ist, ist davon überzeugt, dass wir es schaffen.

Angst und Furcht erweisen sich also als gewaltige politische Kräfte. Das derzeitige hohe Potenzial an Ängsten und Befürchtungen begünstigt eine "Politik der Angst" mehr als eine "Politik des Vertrauens". Politik der Angst, das heißt, Zäune errichten, Europa zur Festung ausbauen, mehr Polizei gegen Kriminalität, Maßnahmen gegen die Ausnützung des Sozialstaates, Kampf für die kulturelle Reinheit des Abendlandes und damit gegen die Islamisierung.

Eine Politik des Vertrauens hingegen hat einen langen Atem, kümmert sich um einen baldigen Waffenstillstand, unterbindet Waffenlieferungen, richtet schon jetzt einen Marshallplan für Syrien oder für afrikanische Länder ein. Eine Politik des Vertrauens setzt viele Mittel ein für Deutschkurse, noch mehr für eine Wohnbauoffensive gleichermaßen für Einheimische wie Schutzsuchende, stärkt und differenziert die Arbeitsmärkte. Eine Politik der Angst bearbeitet Symptome, eine Politik des Vertrauens die Ursachen der weltpolitischen Herausforderungen durch Kriege und himmelschreiende Hoffnungslosigkeit und Armut.

Keine Frage, für die einzelnen Menschen wie für die Politik wäre es ein Segen, würden die Ängste schrumpfen und das Vertrauen wachsen. Dabei könnten die Religionen mithelfen. An die Stelle der "Heidenangst", die viele moderne Menschen erfasst hat, könnte Gottvertrauen treten. Solches beginnt mit Gottesfurcht, lehren die heiligen Schriften: also mit einem Ernstnehmen Gottes als ein liebendes Sich-auf-Gott-Verlassen. Solche Gottesfurcht vertreibt die Furcht, weil sich diese mit der Liebe nicht verträgt (1 Joh 4,18).

Von der religiösen Erfahrung mit Gottesfurcht lässt sich lernen, dass Furcht nicht mit lähmender Angst einhergehen muss, sondern auch Respekt auslöst. So kann die durchaus vernünftige Furcht vor Fremden und anderen Kulturen wertschätzenden und anerkennenden Respekt vor diesen auslösen. Wo aber Respekt ist, kann der Fremde als Geschenk und Reichtum wahrgenommen werden. Das gilt biblisch für Gott, den Gast und die Fremden. Gott, den Gläubige in ihrer Liebe "fürchten", ist für sie gleichzeitig eine Quelle der Bereicherung an Leben und Farbe. Es wäre in unserer angespannten Situation gut, wenn im Zusammenleben mit den vielen Frieden und Sicherheit suchenden Menschen, die aus uns fremden Kulturen kommen, Respekt die Grundmelodie wäre und die Chance entdeckt wird, dass die, die wir zunächst fürchten, uns beschenken können.

Ein Jahrhunderte währender Versuch der christlichen Kirchen bestand darin, die Menschen durch "Höllenangst" moralisch zu verbessern. Der Erfolg war dürftig. Es waren der große Theologe Søren Kierkegaard und in dessen denkerischem Fahrwasser Eugen Drewermann oder auch Eugen Biser, welche einen Wechsel der Kirchen von einem moralisierenden zu einem "therapeutischen" Christentum forder(te)n. Ihre Überzeugung: Gegen die Angst, die an der Wurzel der Seele lauert, hilft kein Moralisieren. Im Gegenteil: Moralisieren verstärkt Angst. Was allein hilft, ist Heilung.

Solche Heilung braucht unsere von Angstfurcht bedrängte Gesellschaft. Dabei geschieht diese keinesfalls "mirakulös". Heilend kann schon eine standfeste Politik des Vertrauens sein. Umfassende Bildung setzt heilende Kräfte frei: die Bildung starker Persönlichkeiten, politische Bildung, nicht zuletzt auch interreligiöse Bildung. Die stärkste heilende Kraft aber haben unmittelbare Begegnungen. Wenn Schutzsuchende uns ihre Fluchtgeschichten erzählen und sie dabei unser mitfühlendes Herz erreichen, dann lieben sie uns aus der Angst-Ecke buchstäblich heraus.

Engagieren sich deshalb vor allem gläubige Menschen furchtlos, weil sie im heiligen Raum Gottes felsenfestes Vertrauen lernen und sich die Angst in eine Besorgtheit wandelt, die handeln lässt? Stimmt die Regel, dass Angst entsolidarisiert und Menschen ohne Angst sich leichter solidarisieren? Natürlich sind auch gläubige Menschen besorgt. Aber ihre Besorgnis ist eine mit göttlichem Rückenwind. Haben es also gläubige Menschen leichter, sich einzusetzen, und das mit dem Gefühl, dass sie es schaffen – in einer eigenartigen Allianz von politischem Verstand und Gottvertrauen? Wer sich heute in der politischen Szene umsieht, könnte zu einer solch zuversichtlichen Annahme gelangen.