Später Vormittag im Café Bateau Ivre in der Kreuzberger Oranienstraße, gegenüber liegt das Achtziger-Jahre-Punkrock-Lokal SO36. Sie ist die späte und einzige Tochter des 1995 verstorbenen Dramatikers Heiner Müller und der Fotografin und Regisseurin Brigitte Mayer. Anna Müller, 23, hat – das aber auf irgendwie vielversprechende Art – noch nichts ganz Ausgefallenes geleistet, sie war auf dem Internat Salem, studiert Kulturwissenschaften in Frankfurt (Oder), hat bei einer Paparazzi-Fotoagentur gejobbt und ist gerade dabei, mit Freunden einen Buchverlag zu gründen. Im Berliner Nachtleben hat die kleine Müller den Ruf eines sehr trinkfesten und amüsanten Mädchens. Töchter von berühmten Dichtern sind ja ein ganz eigenes Genre (Martin Walser hat gleich vier Töchter, von denen eine Schriftstellerin, eine Dramatikerin und eine Schauspielerin ist, Günter Grass’ Tochter Helene ist eine nicht besonders erfolgreiche Schauspielerin).

Sie ist klein, blond, trägt die Junge-Mädchen-in-Kreuzberg-Uniform (Jeans, Holzfällerhemd, Doc-Martens-Stiefel aus Kroko-Fake-Material). Sie sieht, was für eine Freude, exakt wie Heiner Müller als 23-jähriges Mädchen aus – exakt die berühmte hohe Stirn, der kleine, kluge Mund, die vergnügten, weiß blitzenden Äuglein. Die große Bateau-Ivre-Frühstücksplatte und Kaffee, bitte. Wir müssen, Entschuldigung, gleich mit zwei Vater-Fragen anfangen: Sie war ja erst drei, als ihr Vater starb. Wer oder was hat ihr Heiner-Müller-Bild bestimmt, war das ihre Mutter, ein Buch, eine Theateraufführung? Welches der schweren, grandios aus der Zeit gefallenen Müller-Stücke sagt ihr heute noch am ehesten etwas?

Ihr lässig-nachsichtiger Blick. Sie höre oft, dass sie ihrem Vater sehr ähnlich sehe. Das Bild von ihrem Vater prägten vor allem seine Freunde und Weggefährten: Mit dem Sohn von Martin Wuttke hat sie schon als Kind gespielt, sie sind heute noch befreundet. Das Tolle sei ja, dass praktisch jeder, den sie treffe, eine Geschichte zu Heiner Müller zu erzählen habe. Natürlich, sie habe seine Autobiografie Krieg ohne Schlacht gelesen, eine Zeit lang habe sie sich mit Freundinnen nachts nach dem Ausgehen die Gespräche mit Alexander Kluge auf YouTube angesehen. Ihre Mutter sage ihr oft, dass sie die explizite Freundlichkeit ihres Vaters, dessen Fähigkeit zum Smalltalk geerbt habe. Die Stücke? Beeindruckt habe sie Zement in der Dimiter-Gotscheff-Inszenierung.

Peinliche Frage: Muss man sie sich als Bücher lesenden Menschen vorstellen? Es fällt der gute Name Walter Benjamin (Studium). Sie lese viel Zeitung im Internet. Anna Müller erzählt von ihrem Verlag, als Erstes möchte sie ein Buch über die Berliner Bar King Size herausbringen. Wie fällt ihre Liebeserklärung an den legendären King-Size-Türsteher Frank Künster aus? "Er ist ein kuschliger Feminist, versteckt in einem breiten Türsteher-Körper, und er ist kulturell sehr gebildet."

Sie hat, das ist schon toll, diese brutale Junge-Frauen-Abgeklärtheit. Fühlt sie sich, 1992 geboren, noch als Ost-Mensch? Irritation. Nein. Ost und West, das sei in ihrer Generation wirklich egal. Wie steht sie zum Sozialismus? Gelächter. Freude: "Darf ich dazu auch gar nicht stehen?"

Es geht jetzt um die latente USA-Feindlichkeit ihrer Generation. In New York, so Anna Müller, könne man nach ein Uhr nachts ja kaum noch einen trinken gehen. Ihre Freundinnen in den USA müssten 100.000 Dollar Schulden aufnehmen, um zu studieren. "Das kann nicht das richtige System sein." Die Dichtertochter Anna Müller spricht jetzt über die wachsende Muslim-Feindlichkeit in ihrem Viertel Kreuzberg. Großes Theater: Je ernster das Thema, desto schöner das so vertraute, spöttische Müller-Lächeln in ihrem Gesicht. Ihr Freund liegt noch zu Hause im Bett. Den geht sie jetzt aufwecken.

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