Malochen für den Herrn – Seite 1

Der Schmerz war wahnsinnig. Wie konnte das passieren? Eigentlich war es ein Tag wie jeder andere gewesen. Sehr heiß zwar, ja, und dann noch die Spätschicht dazu. Er muss nicht ganz bei der Sache gewesen sein vor ein paar Stunden, als er die riesige Presse in der Textilfabrik sauber machte und vergaß, dass die Maschine schon lief. Als er mit dem Lappen in seiner Hand in die Walze griff.

Jetzt lag er auf dem Flur eines Krankenhauses, weiße Wände, um ihn herum Plastikplanen zum Abschirmen. Vor drei Monaten noch, da wäre für ihn, den jungen Kaplan aus behüteten Verhältnissen – bürgerlich erzogen, Klavierunterricht, Orgel auch, die Eltern Lehrer –, noch jeder seiner Angehörigen gekommen, wenn das passiert wäre. Jetzt aber wusste es keiner, und er lag da, im Dunkeln, alleine, dachte daran, dass er nicht mehr Klavier spielen könnte, und fühlte sich nur noch erbärmlich. Und er, demütig, gottgläubig, fragte sich, was der Herrgott ihm damit wohl sagen wollte. Lass die Finger davon? Oder: Wenn du diesen Weg gehen willst, wirst du nicht unverletzt bleiben? Er entschied sich für Letzteres. Machte weiter. Und ging bald wieder zur Arbeit.

Albert Koolen, heute 46, ist Arbeiterpriester. Vertreter jener wenigen Geistlichen, die trotz Theologiestudium und Priesterweihe als Arbeiter in Fabriken oder im Niedriglohnsektor schuften. Die, anders als Betriebsseelsorger, nicht bei der Kirche angestellt sind, sondern den Lebensunterhalt mit Arbeit an der Armutsgrenze verdienen. Die nicht im Kirchengewölbe, Pfarrheim und Bürgertum, sondern im Proletariat und Prekariat zu Hause sind. Vertreter einer Bewegung, die nicht nur den staubigen Amtskirchen neue Impulse geben könnte, sondern vielleicht der ganzen Gesellschaft.

Koolen steht in der vierten Etage eines Parkhauses, grau-weißer Bau, hinter ihm ein blecherner Baucontainer. Er arbeitet inzwischen für einen Autovermieter im Düsseldorfer Flughafen zusammen mit Luigi, dem Italiener, Ali, dem Türken, Kagevan, dem Inder, und Antonios, dem Griechen. Ein Kunde kommt mit seinem Auto vorbei. Koolen überprüft es auf Schäden, ein paar Worte, meist keine freundlichen vom Kunden, dann kommt der nächste, ein bis zwei Minuten pro Wagen, 120 Autos pro Schicht, acht Stunden am Tag Stress und oft draußen, auch im Winter. Der Umgangston so rau wie der Boden, auf dem er steht.

Koolen folgt einer Idee, die vor 70 Jahren ihren Anfang nahm. Der Dominikanerpriester Jacques Loew war es, der zu Beginn der vierziger Jahre in die Slums der Pariser Docks zog. Wenn die Arbeiter nicht in die Kirche kommen, muss die Kirche zu den Arbeitern kommen, dachte er. Drei Jahre lang teilte er das harte Leben der Hafenarbeiter zwischen Fischgestank und Maschinenöl. Andere folgten seinem Beispiel – von der Kanzel in die Kohlemine, von der Sakristei in den Schacht, die Soutane abgelegt und den Blaumann angezogen.

Zwei Welten prallten aufeinander: Die Arbeiterpriester merkten, dass sie mit ihrem Latein buchstäblich schnell am Ende waren. Keiner der Arbeiter verstand die damalige Kirchensprache, und auch die Liturgie war ihnen fremd. Zügig legten die Geistlichen ihre alten Gewohnheiten ab: Die Messe wurde im Overall gehalten, nicht "Der Herr sei mit euch", sondern ein kurzes "Hallo Leute". Kein "Und mit deinem Geiste", sondern ein lakonisches "Okay". Jesus nannten sie "den großen Kumpel".

1947 nahmen die ersten Arbeiterpriester an kommunistisch geführten Streiks teil. Durch den Solidarisierungsakt stellte diese katholische Avantgarde das Priesterbild infrage und besann sich neu auf das Evangelium: kein Protz und Pomp, keine sonderbare Kleidung, keine fromme Liturgie im bürgerlichen Gewand, kein "von oben". Sondern das Profane statt des Sakralen, eine Kirche von unten, die am Rand der Gesellschaft für das Gute und Gerechte streitet – ein Priestertum der Tat.

"Mission heißt, dass die Kirche aus sich herausgehen muss", schrieb der Dominikaner Marie-Dominique Chenu. Die Wirklichkeit hatte den Missionsbegriff verändert. Langsam verstanden die Arbeiterpriester, dass Mission keine Einbahnstraße ist. Sie, die mit dem Ziel der Missionierung der Arbeiter gekommen waren, erkannten: Nicht sie bekehrten die Arbeiter zur Kirche, sondern diese bekehrten vielmehr sie zur Kernbotschaft des Evangeliums – Liebe durch Solidarität.

In Deutschland ist die Bewegung fast ausgestorben

Der katholischen Kirche wurde das zu bunt: 1949 erließ Rom das "Dekret gegen den Kommunismus", vier Jahre später erklärte Papst Pius XII. die Unvereinbarkeit von Priester- und Arbeiterleben, 1959 wurde die Bewegung dann endgültig verboten. 100 Arbeiterpriester hatten es geschafft, ein kirchenpolitisches Beben auszulösen. Erst mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurde die Bewegung wieder erlaubt und verbreitete sich außerhalb Frankreichs.

In Deutschland ist die Bewegung fast ausgestorben. Nur noch etwa 40 Arbeitergeschwister gibt es. Gerade mal eine Handvoll davon sind aktive Arbeiterpriester, die außer dem Theologiestudium noch die Priesterweihe haben. Im kleinen Niddatal-Ilbenstadt treffen sie sich zweimal im Jahr in einem ehemaligen Kloster mit weißer Fassade und rosa Fensterrahmen. Auch manche evangelische Arbeiterpfarrer haben sich der katholischen Idee angeschlossen. Es ist bewölkt, laukalt, der Frühling lässt auf sich warten. Im Speisesaal wärmt man sich an heißem Tee und Kaffee. Auch Koolen ist da.

Von den Anwesenden arbeitet kaum jemand mehr in der Fabrik, stattdessen im Billiglohnsektor, als Gehilfe, Taxifahrer, in der Druckerei oder als Reinigungskraft. Die Geschwister sitzen beisammen und sprechen über ihre Erfahrungen in der Arbeitswelt. "Der Unterschied zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmt", sagt einer, man müsse ständig erreichbar sein. Von "Fusionen und Stellenabbau" ist die Rede, von Massenentlassungen. "Das Prekariat ist wie der Turm zu Babel. Und er wird weiter gebaut", findet jemand. Neben Koolen sitzen andere Arbeiterpriester und -schwestern, der Urs, der Thomas, die Margret, der Gerhard, keiner unter 40, viele graue Haare, die Übriggebliebenen einer Bewegung – auf die es vielleicht gerade heute ankommt.

Eine Sinus-Studie zur religiösen und kirchlichen Orientierung in bestimmten Milieus ergab, dass nicht nur in den unteren Schichten die Beziehung zu Gott, Kirche und Religion keine Rolle mehr spielt. Sondern insgesamt der Glaube individualisiert und nicht mehr an die Kirche gebunden ist. Die Befragung bescheinigt der Kirche ein alarmierendes Zeugnis: Unglaubwürdigkeit, Weltfremdheit, Rückwärtsgewandtheit. "Wenn die Kirche weiter eine Zukunft haben will, muss sie ihre verdeckten Missionsansprüche aufgeben. Gott kommt vor dem Missionar, deswegen muss sie zu einem entdeckerischen Missionsbegriff übergehen", sagt der Theologe Christian Bauer von der Universität Innsbruck. "Die Haltung der Arbeiterpriester ist da ein Zukunftsmodell, denn sie suchen Gott an Orten, an dem man ihn nicht vermutet. Darauf kommt es an." Auch Papst Franziskus hat das erkannt, als er sagte, die Kirche müsse an die Ränder gehen, aus sich heraus. Im April setzte er ein Zeichen, als er die griechische Insel Lesbos besuchte und dort mit Flüchtlingen sprach. "Die Kirche zu Gast bei anderen" nennt Bauer das.

Als junger Mann, nach seiner Priesterweihe, arbeitete Koolen zunächst vier Jahre lang im Bistum Aachen. Danach entschied er sich, auf die Suche nach Gott zu gehen, an einem Ort, der wenig mit seinem damaligen Arbeitsumfeld zu tun hatte. So landete er bei der Textilfabrik. Dort, wo er dann den Unfall hatte. Trotz der dunklen Momente, von denen es genug gab, suchte Koolen weiter, nach Gott, nach einem Sinn für sein Priesterdasein. Später irgendwann ging die ganze Fabrik pleite, alle Mitarbeiter erhielten ihre Kündigung, und einer der Kollegen, ein zuverlässiger, erschien plötzlich nicht mehr zur Arbeit. Koolen machte sich Sorgen und auf die Suche. Er fuhr zu dessen Wohnung und klingelte, und als niemand reagierte, rief er die Polizei, die aufmachte, und sie fanden ihn, den Kollegen. Er hatte sich erhängt. Und Koolen, der Fromme, suchte nicht nach einer Botschaft Gottes, nicht nach einem Zeichen, nicht nach einer Deutung, sondern war einfach leer und fertig und traurig.

Dennoch glaubt oder vielmehr ahnt er inzwischen, Spuren Gottes gefunden zu haben: Zur Beerdigung des toten Kollegen kam der halbe Betrieb, die meisten gaben dem Toten Trauerworte mit auf den Weg. Auch bei Sterbefällen von anderen Kollegen erfuhr Koolen eine große Anteilnahme. In der Zeit, als man noch für den Erhalt des Betriebs kämpfte, wurde viel diskutiert, und Koolen erkannte, wie die Arbeiter allmählich selbstständiger und mündiger wurden und wie sie sich als Gemeinschaft für die eigene Gerechtigkeit einsetzten. Er habe von den Arbeitern gelernt, sagt er. "Sie machen uns darauf aufmerksam, was gerecht und richtig ist." Umso bedauernswerter findet er es, dass es den Arbeiterpriestern an Nachwuchs fehlt. Eine Jugendakquise, ein Werben an theologischen Fakultäten gibt es nicht. Wer uns sucht, findet uns schon, sagen die meisten Geschwister. Das liegt auch daran, dass ihr Selbstbild nicht einheitlich ist: Manche der Geschwister sind alte 68er, kämpferisch, laute Stimmen gegen Unrecht. Priestern wie Koolen geht es eher darum, still Zeugnis abzulegen, es ist eine demütige Unauffälligkeit, ein stummer Protest. Eines wollen aber die meisten nicht: helfen. Helfen sei von einem Nutzdenken getrieben. Das sei kapitalistisch, sagen sie. "Helfen steht am Ende vom Glauben und unterstellt, dass der andere hilfsbedürftig sei, aber es geht mehr darum, hinzuhören, vom anderen zu lernen", so die Arbeitergeschwister. "Gerechtigkeit steht an erster Stelle, Religion an zweiter."

Es geht bei der Bewegung viel um die Frage: Wo findet sich Gott außerhalb des traditionellen Kirchenbegriffs? So sucht Koolen nicht nur bei der Arbeit den Kontakt zu den Anders- und Nichtgläubigen. Er lebt zusammen mit einem Bulgaren auf 53 Quadratmetern, seine Nachbarn sind Buddhisten, oft essen sie gemeinsam. In seinem Viertel sind fast alle Migranten, viele arbeitslos. Er kennt die Probleme selbst. Vor dem Mindestlohn bekam er 7,79 Euro die Stunde, doch auch jetzt hat er im Monat gerade einmal etwas über 1000 Euro. Damit kommt er kaum über die Runden: Sein Girokonto ist permanent überzogen. Er müsse mit jedem Cent jonglieren, so Koolen. Der Dispokredit ist Normalzustand, oft weiß er nicht, ob er überhaupt noch Geld abheben kann. "Isste morgen n bisschen weniger", sagt er sich dann. Er hätte sich auch für ein Stelle in der Kirche entscheiden können, fest angestellt, mit einem gutem Gehalt.

Doch Albert Koolen wählte dieses Leben. Es sei die Faszination für eine fremde Wirklichkeit gewesen, für dieses authentische Dasein, die ihn antrieb. Er wollte schon immer zu den Menschen, die in anderen Milieus leben, sich so fühlen wie sie. Bereut hat er den Schritt nicht.

Bei dem Arbeitsunfall in der Textilfabrik verlor Koolen damals nur eine Fingerkuppe. Alles halb so wild. Aber er weiß seitdem, dass sein Lebenswandel kein Spiel ist. Dass er auch die Konsequenzen tragen muss, die damit verbunden sind. Koolen meint es ernst mit Gott. Und seit dem Unfall weiß er: Gott meint es auch ernst mit ihm.