Ein Gedankenexperiment: Nehmen wir an, es gibt eine Idee, die das Land voranbringen, die Welt ein Stück sicherer machen und noch dazu dem Staat mehr Geld einbringen würde. Was würde wohl mit demjenigen geschehen, der diese Idee vorträgt?

Am Beispiel Sigmar Gabriels lassen sich die Folgen dieser Versuchsanordnung unter realen Bedingungen beobachten. Was geschehen ist: Der Bundeswirtschaftsminister hat – versteckt in einem Grundsatzpapier seines Hauses – eine automatische Benzinsteuer ins Gespräch gebracht. Die Idee: Wenn der Sprit an der Tankstelle billiger wird, soll der Steuersatz steigen.

Die Kritik ließ nicht lange auf sich warten: Verkehrsminister Alexander Dobrindt nannte den Vorschlag einen "dreisten Griff in die Steuerzahlertasche", Unionsfraktionsvize Michael Fuchs sprach von einem "schlechten Scherz des Wirtschaftsministers", und Volker Wissing von der FDP empörte sich über ein solches "Instrument der Bürgergängelung".

Es stimmt schon: Der Rückgang der Ölpreise ist nicht nur für den Auto fahrenden Teil der Bevölkerung ein Segen. Insgesamt werden Verbraucher und Unternehmen nach einer Schätzung des Deutschen Industrie- und Handelskammertages Jahr für Jahr um rund 20 Milliarden Euro entlastet. Das ist ein gewaltiges Konjunkturpaket.

Und auch das stimmt: Der deutsche Staat ist derzeit nicht unbedingt auf zusätzliche Steuereinnahmen angewiesen. Die öffentlichen Haushalte sind im Plus, und Finanzminister Wolfgang Schäuble hat jetzt schon Schwierigkeiten, sein Geld unter die Leute zu bringen. Die Kommunen lassen Fördergelder zur Sanierung der Infrastruktur liegen, weil sie mit der Projektplanung nicht hinterherkommen. Und weil wieder weniger Flüchtlinge nach Deutschland kommen, sind die Ausgaben für die Integration der Neuankömmlinge weniger stark gestiegen als erwartet.

Dennoch spricht sehr viel für Gabriels Vorstoß. Der billige Sprit ist abgesehen von den aktuellen Vorteilen für das Land nämlich eher Fluch als Segen. Die Umwelt leidet darunter, weil es sich nicht mehr rechnet, in sparsame Motoren zu investieren, alternative Antriebstechniken zu entwickeln oder den öffentlichen Nahverkehr auszubauen. Seit sechs Wochen bezuschusst der Staat den Kauf von Elektroautos, doch bislang sind bei der zuständigen Behörde weniger als 2.000 Anträge eingegangen. Zur Erinnerung: Im Jahr 2009 gab Angela Merkel die Devise aus, dass bis zum Jahr 2020 eine Million Elektroautos auf deutschen Straßen fahren sollen. Bislang sind gerade einmal 50.000 dieser Fahrzeuge unterwegs.

Auch ökonomisch könnte sich die Freude über das Schnäppchen am Zapfhahn bald in ihr Gegenteil verkehren. Genau einen Tag nach der Veröffentlichung von Gabriels umstrittenen Steuerplänen gab die norwegische Regierung bekannt, dass sie die Zahl der neu zugelassenen Autos mit Verbrennungsmotoren bis 2025 deutlich reduzieren will. In den Niederlanden wird über ein ähnliches Gesetz diskutiert. Und in vielen asiatischen Metropolen ist die Luft heute so schlecht, dass sie konventionell angetriebene Fahrzeuge über kurz oder lang aus den Innenstädten verbannen dürften, weil sich dort sonst keine Menschen mehr aufhalten können.