Herrlich, so eine Sackgasse! – Seite 1

Im Herbst veröffentlicht der Schauspieler Matthias Brandt einen Band mit eigenen Erzählungen. Das Buch heißt Raumpatrouille, ist von großer stilistischer Sicherheit und Eleganz, und schon sein Motto verrät Wesentliches über den Autor:

"Alles, was ich erzähle, ist erfunden.

Einiges davon habe ich erlebt.

Manches von dem, was ich erlebt habe, hat stattgefunden."

Nun sitzt man neben Brandt in einem abgedunkelten Konferenzzimmer des Berliner Hotels Michelberger. Man will mit ihm den Film sehen, der ihm der wichtigste von allen ist: Die Dinge des Lebens (Les choses de la vie) mit Michel Piccoli und Romy Schneider. Regie: Claude Sautet. Entstehungsjahr: 1970. Auf einem großen Flachbildschirm liegt Schneider nackt neben Piccoli im Bett, sie erwachen gerade, und ob es bei ihnen Morgen oder Nachmittag ist, bleibt offen. Bei uns im Hotelzimmer ist es 14.30 Uhr.

Die Dinge des Lebens ist, rein formal, eine Folge von Rückblenden, der Film beginnt mit Bildern eines Autounfalls, in den Pierre (Piccoli) verwickelt wird, und er endet, als seine Geliebte Hélène (Schneider) das Krankenhaus verlässt, in dem Pierre gerade gestorben ist. Dazwischen, in der Schlinge des Unglücks, erfährt man, wie die beiden ihr Leben gelebt (und einander verfehlt) haben; man kommt ihnen nahe, ohne sie fassen zu können.

Brandt hat den Film, so schätzt er, in den letzten 40 Jahren mindestens 15 Mal gesehen. Beim ersten Mal war er 14 und saß allein im Keller des Familienhauses in Bonn. Er zog sich oft dorthin zurück und sah fern, Bonanza, High Chaparral, Percy Stuart, Die Hitparade, Dalli Dalli, den ganzen, teils noch schwarzweißen, deutsch-amerikanischen Zerstreuungsmischmasch der frühen Siebziger, der aus zwei bis drei Kanälen in die deutschen Haushalte floss.

Im Erdgeschoss begegnete ihm bisweilen ein wortkarger Herr, den er, in einer gesprächigeren Version, regelmäßig abends auf dem Bildschirm wiedersah. Sein Vater, Willy Brandt, regierte Deutschland, aber er war auch der Mann, der sich im Bad beim Rasieren schnitt, beim Fahrradfahren in ein Möhrenbeet fiel und die Öffentlichkeit durch seine schiere Anwesenheit in Ehrfurchtsstarre versetzte. Der junge Matthias Brandt beobachtete diese Szenen sehr genau, und man kann sich vorstellen, dass er schon damals jenes feine Lächeln entwickelte, das ihm heute zu eigen ist. Er versiegelt damit seine Lippen, als wolle er sagen: Über das Wesentliche muss man nicht sprechen, es erklärt sich, wenn man hinschaut. Und wenn man es verstanden hat, kann man erst recht nicht mehr darüber sprechen.

Vieles, was er im Fernsehen sah, war für Jugendliche nicht geeignet. Brandt sagt: "Es war wichtig, dass keine erzieherische Absicht dahinterstand – und vor allem: dass man sich nicht verhalten musste zu dem, was man sah."

"Die Summe der Nebensachen, das ist die Geschichte"

20 Minuten lang lassen wir den Film laufen. Pierre trifft seine Ex-Frau, gespielt von der schönen Lea Massari (zusammen sind Piccoli und sie heute 173 Jahre alt); er beschließt, sich von Hélène zu trennen, und schreibt ihr einen Abschiedsbrief. Erster Stopp: Herr Brandt, warum ist Die Dinge des Lebens der Film Ihres Lebens?

"Weil er alle meine Lebensphasen und Häutungen am stabilsten überstanden hat. Es gab für mich an ihm nie Zweifel, während viele andere Lieblingsfilme stärker an meine jeweilige Verfassung gekoppelt sind." Heute sehe er sich den Film an, wie er ein Jazz-Album von John Coltrane anhöre – wenn er die innere Orientierung verloren habe und sich "einnorden" wolle.

Identifiziert er sich mit dem Hauptdarsteller Michel Piccoli?

"Ich glaube, ich habe mich hier zum ersten Mal nicht mit einer der Figuren identifiziert, sondern mit dem Erzähler, also mit Sautet. Weil mir die Wahrnehmungsweise, die aus diesem Film spricht, so nahe war. Das Aneinanderreihen von vermeintlichen Belanglosigkeiten, die dann die Hauptsache ergeben. Ich habe den Hauptsachenerzählern immer misstraut, und hier fand ich mich damit zum ersten Mal aufgehoben."

Wir lassen den Film weiterlaufen, Brandt, in dunklem T-Shirt und dunkler Hose, spricht in gedämpftem Kinoparkett-Ton: "Die Summe der Nebensachen, das ist die Geschichte."

Tatsächlich, aus Nebensachen erzählt sich dieser Film. Ein Autoreifen rollt über die Landstraße, aber den tödlichen Zusammenstoß, unter dessen Wucht er vom Fahrzeug fortgeschleudert wurde, sehen wir erst viel später.

Die wichtigste Nebensache in diesem Film ist: die Zigarette. Es wird andauernd geraucht, ja, manchmal denkt man, das Rauchen – das Verschweigen des Wesentlichen – sei die wahre Arbeit der Darsteller, und an einer Stelle, da Piccoli sich die neue an der alten Zigarette anzündet, sagt Brandt, nachmittags im Hotel Michelberger: "Diese Dauerraucherei, aus heutiger Sicht, ist nicht unkomisch. Die Qualmerei von Piccoli entsprach dem normalen Zigarettenkonsum in meiner Familie. All diese Urlaubsautofahrten mit den rauchenden Eltern vorn! Dass man überhaupt noch am Leben ist – dass man es bis hierher geschafft hat, ist ein Wunder!"

Als er Die Dinge des Lebens zum ersten Mal sah, hatte seine Pubertät schon begonnen. War Romy Schneider ein Wesen seiner Sehnsucht?

"In sie war ich nie verliebt, sie war immer viel zu weit weg. Aber vielleicht habe ich gespürt, wie diese wunderbare Schauspielerin bei Sautet frei wurde und erblühte. Er hat ja dann noch andere Filme mit ihr gedreht, und man kann in ihnen wirklich dabei zusehen: zusehen, wie sie merkt, dass sie gesehen wird. Das mitzuerleben hat ja auch eine erotische Komponente."

Lernte man von Piccoli und Schneider, wie das Leben als Erwachsener sein konnte?

"Die Figuren, oder besser: das Leben, das sie führten, war mir fern. Aber die Art, wie sie angeschaut wurden, die war mir so nah. Dieser alles registrierende Blick auf die Menschen, deren Kompliziertheit. Der Humor, die Liebe, die Trauer – das war und bleibt tatsächlich eine Verheißung."

Später, als Schauspieler, hat Matthias Brandt selbst die Gabe entwickelt, die vorsichtige Wärme dieses Blicks zurückzuwerfen. Er ist einer der größten "Kameraspieler" – einer, der mit der Kamera, diesem "Gedankensichtbarkeitsapparat" (Brandt), auf unpeinliche und befreiende Art umgeht. Ein Spieler, dessen Figuren das Wesentliche verbergen – und gerade darin wahrhaftig sind. Es könnte also sein, dass die Stunden im Fernsehkeller, jenseits seiner höfischen Situation als Kind des Kanzlers, ihm halfen, diese Gabe zu verfeinern. Brandt liebt diskrete Schauspieler wie Robert Mitchum, Yves Montand, Lino Ventura – und Piccoli. Über ihn sagt er: "Er kommt ins Bild und geht wieder raus und tut draußen bestimmt Dinge, die genauso wichtig sind und mit ebensolcher Entschiedenheit geschehen wie alles, was er vor der Kamera tut. Ich habe immer das Gefühl, die Leute aus Die Dinge des Lebens brauchen mich nicht."

Das Schicksal der Figur Piccolis ist von Beginn an besiegelt. In der ersten Sekunde rollt der Autoreifen über die Straße. In Minute 50 zeigt uns der Regisseur dann den Unfall zur Gänze: die stille Kreuzung, den Lieferwagen, dessen tumber Fahrer auf der Kreuzung den Motor abwürgt, den heranrasenden Piccoli. Die Höllenfahrt erst in Zeitlupe, dann in Originaldauer (dröhnend laut, fünf Sekunden lang). Die Unfallszene ist meisterhaft montiert: Piccoli, ans Steuer gekrallt wie der Kapitän eines kenternden Bootes, und im Hintergrund das entsetzte Gesicht des Unfallgegners im Lieferwagen ...

Plötzlich springt Brandt auf, eilt zum Computer, ruft: "Das hab ich ja noch nie bemerkt!", und spult die Szene um 30 Sekunden zurück.

Tatsächlich, ein Fehler. Beim dritten Sehen erkennt es auch der Berichterstatter: Piccoli sitzt während seiner verhängnisvollen Fahrt ohne Handschuhe am Steuer, aber für ein, zwei Sekunden kommen unvermittelt behandschuhte Hände ins Bild. "Das ist der Stuntman!", sagt Brandt. "Ein Anschlussfehler!"

Brandt, nun wieder sitzend, sagt, herzlich begeistert: "Wie toll, dass sie die Szene trotzdem im Film gelassen haben." Das ist einer der vielen sympathischen Züge dieses Mannes: seine aufrichtige Freude darüber, dass uns die Früheren so viel Schönes hinterlassen haben. Und dass sie dabei so fehlbar waren, wie wir Heutigen es sind. Wer neben Brandt im Kino, nun ja, vor dem Schirm sitzt, der wird angesteckt von einer neugierigen Schaulust: Wie schaffen es die Darsteller nur, dass ich ihnen immer noch glaube?

Das Weinen im Kino

Dann beugen sich beide, Schauspieler und Berichterstatter, auf ihren Stühlen nach vorn, denn nun kommt der größte Moment des Films: Pierre wurde aus dem Wagen geschleudert und liegt mit blutigem Schädel im Gras. Er ist nicht mehr ansprechbar, aber der Zuschauer ist ihm so nah wie nie: Man hört nun, was Pierre denkt. Er denkt ungefähr das, was ein Mensch denkt, der den Zustand des Halbschlafes noch ein wenig genießt: Gleich stehe ich auf, aber jetzt noch nicht. Es ist eine Szene des verzweifelten Behagens. Piccoli ruht, zu Füßen der Unfallzeugen, in seinem Sterbensschlaf wie in einem Versteck, er ahnt gar nicht, dass er am Ende ist.

An dieser Stelle räuspern sich beide Zuschauer und bekennen, dass diese Szene sie seit Jahren begleitet: Genauso könnte es ja sein, wenn man im Sterben liegt – dass man als Letzter von allen begreift, in welchem Zustand man ist.

Spätestens jetzt muss sie kommen, die Frage nach dem Weinen im Kino. Er sei, sagt Matthias Brandt, als Zuschauer "relativ nahe am Wasser gebaut". Die Dinge des Lebens rühren ihn zuverlässig zu Tränen, allerdings an unvorhersehbaren Stellen (diesmal ganz am Ende), und gerade das sei ein Beleg für die Qualität eines Films. Es seien übrigens meistens Glückstränen, die im Kino flössen: "Selbst Trauertränen sind Glückstränen; sie werden geweint, weil man so erleichtert ist, dass die Geschichte gelingt."

Die Tränen der Zuschauer sind kostbar, die Tränen der Schauspieler dagegen sollten mit Misstrauen genossen werden – ungefähr so ließe sich Matthias Brandts Verhältnis zur Rührung in der Kunst zusammenfassen. Vor der "Selbstergriffenheit" gewisser Darsteller graut ihm. Und im Zweifelsfall ist ihm die mit einer Pipette produzierte falsche Träne lieber als die herausgepresste echte. Auf der Schauspielschule hat er neidisch den jungen Frauen zugesehen, die auf Kommando weinen konnten. Er dachte damals: Die haben’s drauf! Heute sieht er die Sache anders. Es gehe darum, den "Offenbarungsdrang" im Zaum zu halten: "Das Verbergen ist das Interessante – nicht das Entblößen."

Machen wir es wie der Film, um den es geht: Blenden wir noch einmal zurück. Zu dem 14-jährigen Jungen, der im Abendprogramm auf Die Dinge des Lebens stieß, im Fernsehkeller sitzend, immer darauf hoffend, in Ruhe gelassen zu werden, während er den wichtigsten Mann des Landes über sich umhergehen hörte.

Waren diese Stunden im Keller die entscheidenden? "Je älter ich werde", sagt er heute, "desto mehr denke ich, dass das allermeiste in meinem Wesen immer schon da war." Das Wesentliche wären also Neugier, Beobachtungsgabe, die Fähigkeit, sich zu wundern – und irgendwann der Drang, zu spielen, was man gesehen hat: das Menschenmögliche.

Dass Brandt mittlerweile ein berühmter Schauspieler ist, hängt auf seltsame Weise dann doch mit seinem Vater zusammen. Matthias Brandt war ein respektierter, aber nicht allzu bekannter Theaterdarsteller, als ihn der Regisseur und Autor Oliver Storz einlud, in seinem Film Im Schatten der Macht (2003) mitzuspielen. Es ging darin um den Rücktritt des Kanzlers Willy Brandt. Matthias Brandt sagte zu – und entschied sich ausgerechnet für die Rolle des DDR-Spions Günter Guillaume, der seinen Vater im Jahr 1974 zu Fall gebracht hatte.

Er sei in Storz’ Film gewissermaßen untergekrochen, sagt Brandt heute. Damals konnte er dieses neue Milieu im Schutz der Rolle beobachten: Er sah den Filmleuten dabei zu, wie die sich etwas vorstellten, was er selbst erlebt hatte. Sie bauten sogar sein altes Bonner Kinderzimmer nach, weil sie darin einige Szenen drehen wollten. Allerdings irrten sie sich und errichteten stattdessen das Zimmer von Brandts älterem Bruder. "Diese Vertauschung hat mir gefallen", sagt Brandt, "sie hat mich lange beschäftigt. Im Grunde geht es in meinem Beruf genau um diese Frage: Wie lebt man im anderen Zimmer? Wer wäre ich geworden, wenn ich im anderen Zimmer gelebt hätte? Vielleicht wäre man gar kein spektakulär anderer. Vielleicht wäre man, was weiß ich, Kardiologe in Simbabwe, vielleicht wäre man nur der Mann von nebenan."

Inzwischen läuft der Nachspann, dazu Philippe Sardes Musik, und Romy Schneider geht in eine Zukunft ohne Michel Piccoli. Uns Zurückgelassenen im Berliner Hotelzimmer stellen sich letzte Fragen. In jedem Lieblingsfilm ist die eigene Lebenszeit aufgehoben. Woran würde Brandt erkennen, dass Die Dinge des Lebens ein Produkt der siebziger Jahre ist? Brandt bringt es auf folgende Formel: Es gebe in Filmen aus jener Zeit Momente, wo man einfach nicht weiterwusste – die Figuren nicht und vielleicht auch die Filmleute nicht. In den Siebzigern fühle er sich zu Hause – "als sei die Welt am 31. Dezember 1979 untergegangen". Die Filme von heute, sagt Brandt, seien aufs schiere Gegenteil angelegt: "Es herrscht aktuell eine große Panik vor dem nicht gefüllten Moment."

Auffällig sei auch, dass Michel Piccoli das Sterben darstelle, als löse es Verwunderung in ihm aus. So könne das inzwischen kein Schauspieler mehr zeigen. "In der Gesellschaft von heute hat das Wundern wenig Raum. Im Zuge des Selbstoptimierungsquatsches muss immer eine Lösung im Raum stehen. Dabei ist es etwas Wunderbares, das Nichtmehrweiterwissen. Was tue ich, wenn ich in einer Sackgasse stecke? Ist doch herrlich, so eine Sackgasse. Fährt man jetzt rückwärts raus, oder bleibt man stehen, raucht eine und versucht dann, in der Enge zu wenden?"

Ist Scheitern also das, was ein Schauspieler eigentlich zeigen und können muss? "Das Scheitern darzustellen ist das Größte", sagt Matthias Brandt, und aus seinem Mund klingt es wie eine Ermutigung.