Viele Studenten schreiben flapsige E-Mails. Geht gar nicht, sagt Dozent Günther Lange aus Ilmenau. Die Studentin Katharina Meyer zu Eppendorf widerspricht: Professoren seien eigentlich noch schlimmer.

Von: Günther Lange
An: Alle Studierenden
Betreff: Formaler Anarchismus

Seit zwei Jahren steht ein Hinweis auf der Website unseres Fachgebiets: "dass E-Mails, bei denen die Form nicht gewahrt ist, nicht beantwortet werden". Das haben wir gemacht, weil viele E-Mails der Studierenden eine Katastrophe waren.

Die Groß- und Kleinschreibung wurde ignoriert, Höflichkeitsanreden wichen diesen unsäglichen Grußformeln wie "Hallo", "Hi" oder, ganz schlimm, "Tschüsschen", wenn sie nicht gleich einfach mit Sätzen wie "Ich will" anfingen. Wer solche E-Mails schreibt, dem ist es weder mit seinem Anliegen ernst noch mit dem Fachgebiet, in dem er sich bewegt. Ich würde bis heute auf eine Antwort warten, hätte ich mich während meines Studiums mit solchen E-Mails an meine Professoren gewandt.

Da sich von allein nichts verändert, haben wir angefangen gegenzusteuern. Mit Erfolg, mittlerweile sind die E-Mails okay. Auch wenn die Betreffzeilen manchmal immer noch leer bleiben oder sich ein "Hallo" einschleicht. Ich kann zwar nicht verstehen, warum man so kopflos an wichtige Dinge wie die Besprechung einer Abschlussarbeit herangeht, über Kleinigkeiten wie eine leere Betreffzeile kann ich aber mittlerweile hinwegsehen.

Wenn mich ab und an trotzdem noch eine Mail erreicht, in der ohne Punkt und Komma und in kumpelhaftem Ton geschrieben wird, bitte ich diesen Studenten zu mir in die Sprechstunde und mache ihn darauf aufmerksam. Tatsächlich freuen sich die Studenten meist darüber, dass man ihnen zeigt, wie es besser geht. Dabei sollte das eigentlich nicht die Aufgabe der Uni, sondern die der Schule sein. Sie muss die Schüler auf das Leben vorbereiten und vermitteln, wie das reale und das virtuelle Leben miteinander in Verbindung stehen. Sie muss erklären, dass sich nicht alle Regeln plötzlich in Luft auflösen, nur weil man sich nicht mehr gegenübersteht.

Schuld an dieser wirren Kommunikation ist aber auch die Funktionsweise der sozialen Medien an sich. Denn bei allen Vorteilen, die sie uns bieten mögen, tragen sie doch maßgeblich dazu bei, dass die Form des Geschriebenen in den Hintergrund rückt.

Im Internet weichen die Grenzen auf, es entsteht ein formaler Anarchismus. Er führt, parallel existierend zu den Höflichkeitsnormen unserer Gesellschaft, zu Problemen. Zum Beispiel zu einer abgelehnten Bewerbung, weil die Form nicht stimmt. Die E-Mail mag nur eine kleinere Texteinheit sein, ihre Bedeutung aber sollte man nicht unterschätzen. Wie der erste Eindruck hallt sie manchmal länger nach, als einem lieb ist. Da helfen dann auch keine Emojis mehr.

Mit freundlichen Grüßen aus Ilmenau

Dr.-Ing. Günther Lange