Dieter Zetsche, Vorstandsvorsitzender des Automobilkonzerns Daimler, steht im September 2015 auf einer Bühne in Frankfurt am Main. Es ist mal wieder IAA, die große Automesse, aber Zetsche spricht nicht über Autos, er spricht über Menschen. Jene, die damals zu Tausenden täglich über die Grenze kommen: Flüchtlinge. Zetsche trägt ein glänzend graues Jackett, er hat die Hände gefaltet, er sagt, es könne schwer werden, so viele Menschen aufzunehmen. Dann sagt er einen Satz, der an ihm haften bleiben wird: "Im besten Fall kann es auch eine Grundlage für das nächste deutsche Wirtschaftswunder werden – so wie die Millionen von Gastarbeitern in den fünfziger und sechziger Jahren ganz wesentlich zum Aufschwung der Bundesrepublik beigetragen haben."

Es ist die Zeit, in der die Flüchtlingszüge aus Ungarn nach Deutschland rollen. Die Aufnahmelager sind überfüllt, in Turnhallen und notdürftig aufgeschlagenen Zelten drängen sich die Menschen. Und Zetsche, der Chef des Dax-Konzerns Daimler, klingt, als habe er auf sie gewartet: "Genau solche Menschen suchen wir bei Mercedes und überall in unserem Land", sagt er. Andere stimmen mit ein: "Die deutschen Unternehmen sind bereit, ihr Möglichstes zu tun", sagte Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer wenig später in Berlin. Damals im Herbst ruft Dieter Zetsche dazu auf, die Flüchtlinge nicht als Gefahr zu begreifen, sondern ihnen eine Chance zu geben. Es scheint damals, als wolle er, Dieter Zetsche selbst, dazu einen Beitrag leisten: "Ich könnte mir vorstellen, dass wir in den Aufnahmezentren die Flüchtlinge über Möglichkeiten und Voraussetzungen informieren, in Deutschland oder bei Daimler Arbeit zu finden."

Und heute, ein knappes Jahr später? Arbeiten bei Daimler gerade mal neun Flüchtlinge.

Auch in anderen Dax-Konzernen gibt es kaum Stellen für Menschen, die nach Deutschland geflohen sind. Gerade einmal 54 Flüchtlinge zählte die FAZ Anfang Juli in den Dax-Unternehmen.

Die CDU-Politikerin Julia Klöckner klagte Anfang der Woche, das Engagement der großen Unternehmen für Flüchtlinge sei "beschämend", Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) warf der Industrie und den Konzernen vor, sie seien zu lahm. Und Kanzlerin Angela Merkel hat für den 14. September Unternehmenschefs eingeladen, um darüber zu sprechen, wie Flüchtlinge schneller in Jobs gebracht werden können.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 35 vom 18.8.2016.

Was also ist geblieben von der Euphorie des vergangenen Herbstes, von den Versprechen der Wirtschaftsbosse, der Konzernchefs und Verbandspräsidenten? Gibt es noch Hoffnung auf ein neues Wirtschaftswunder? Oder ist die längst der Angst gewichen?

Bislang gibt es kaum verlässliche Zahlen darüber, wie gut es gelingt, die Flüchtlinge, die im letzten Jahr nach Deutschland kamen, in den Arbeitsmarkt einzugliedern. Erst seit Juni werden Flüchtlinge überhaupt in der Arbeitslosenstatistik der Bundesagentur für Arbeit aufgeführt. Und etwa eine halbe Million Menschen werden auch dort noch nicht erfasst, denn sie stecken zurzeit noch im Asylverfahren, wissen also nicht, ob sie überhaupt in Deutschland bleiben dürfen. Andere sind zwar schon als Flüchtlinge anerkannt und haben eine Arbeitserlaubnis, absolvieren aber noch ihren Integrationskurs.