So nah war die Flüchtlingskrise der Schweiz noch nie. Neun Kilometer. Oder neun Minuten. So lange dauert die Fahrt im Regionalzug von der Grenze in Chiasso bis zum Bahnhof San Giovanni in Como. Montagmorgen, es ist kurz vor sieben Uhr. Auf dem rot gekachelten Boden liegen die Menschen in zwei Reihen, Körper an Körper. Sie schlafen unter dem Vordach der Bahnhofshalle, in Nischen und Ecken, auf dem Perron von Gleis eins und auf der anderen Seite vom Piazzale San Gottardo, an welchem der Bahnhof liegt. 400 Menschen zählte die Polizei in der vergangenen Nacht.

Seit einem Monat endet in Como die Flüchtlingsroute übers Mittelmeer. Eritreer, Somalis und Äthiopier stranden im norditalienischen Touristenstädtchen. Sie wollen in die Schweiz oder nach Deutschland oder Skandinavien – aber kommen nicht weiter. Seit Anfang des Jahres schickten die Schweizer Grenzwächter bereits mehr als 8.000 Menschen nach Italien zurück; das sind doppelt so viele wie im gleichen Zeitraum vor einem Jahr.

Die Schweiz macht dicht.

Ein Mann reckt sich, setzt sich, klaubt eine Zahnbürste aus einem Plastiksack, eine Tube Zahnpasta. Putzt sich dann die Zähne, auf der Piazzale, während die Einheimischen auf den Zug eilen oder ihren Hund Gassi führen. Privatsphäre? Gibt es hier nicht. Infrastruktur? Kaum vorhanden, bis auf vier rote Plastiktoiletten und ein paar gespendete Campingzelte. Die Flüchtlinge essen auf dem Boden oder auf einer Treppe vor dem Bahnhof. Am kleinen Brunnen im Park waschen sie sich und ihre Kleider.

"Was ist passiert in der Schweiz?", fragt Gena Gebu. Der 26-jährige Lehrer aus Äthiopien ist durch den Nordsudan und Libyen übers Meer nach Italien geflohen. Dort wurde er als Asylsuchender registriert. Gemäß dem Dublin-Abkommen kann er deshalb nur in Italien ein Asylgesuch stellen und darf von jedem Land, das den Dublin-Vertrag unterschrieben hat, zurückgeschickt werden. Also auch von der Schweiz.

Doch in Italien zu bleiben ist für ihn und viele andere keine Option. "Es heißt, die Migranten, auch wenn sie bleiben dürfen, leben auf der Straße, in Lagern, ohne Unterstützung", sagt Gebu. Das wolle er nicht. Er hat in Äthiopien eine Familie zurückgelassen, eine neun Monate alte Tochter, er will Geld für sie verdienen, arbeiten: "Eines Tages vielleicht sogar als Lehrer."

Zwei Tische gibt es im Flüchtlingslager in Como. An einem laden die Gestrandeten ihre Handys auf. Eine halbe Stunde, dann ist der Nächste dran. Strom liefert ein Benzinaggregat. Hinter dem anderen Tisch steht Xaver. Man duzt sich im Park von Como und spricht englisch. Es sei denn, man merkt, dass man sich auf Schweizerdeutsch noch besser versteht. Der Student aus Bern verteilt Kleider, die täglich ins Lager gebracht werden. Während er spricht, sortiert er: Hemden zu Hemden, Hosen zu Hosen, T-Shirts zu T-Shirts. Hier die Männer, da die Frauen. Unterwäsche separat in einem Plastiksack. "What are you looking for?", fragt er den jungen Mann, der sich dem Tisch nähert.

Xaver ist einer der vielen Freiwilligen, die im improvisierten Lager mithelfen, damit die Flüchtlinge das Nötigste bekommen: dreimal am Tag etwas zu essen. Decken für die Nacht. Informationen. Er wolle bleiben, solange man ihn brauche, und mit seinem Einsatz ein Zeichen setzen: "Dass das, was an der Schweizer Grenze passiert, nicht in meinem Namen geschieht."

Aber was passiert eigentlich dort, an der Grenze in Chiasso? Und vor allem: Was hat sich geändert, sodass in Como eine Situation entstanden ist, welche die Schweizer Justizministerin Simonetta Sommaruga "schwer erträglich" nennt? Sie sprach von Zuständen, die es in Europa nicht geben dürfe.

Doch Como gibt es, und die Schweiz ist mit dafür verantwortlich.

Dabei tun die Schweizer Grenzwächter im Grunde nur, was sie seit 16 Jahren tun dürfen: Wer die Einreisebestimmungen nicht erfüllt, wird "konsequent" zurückgeschickt. Das sagt die Eidgenössische Zollverwaltung (EZV) auf Anfrage der ZEIT. Von einer Praxisänderung, wie einige Medien, Flüchtlingsaktivisten und linke Politiker vermuteten, könne keine Rede sein.