"Rats, rats, rats!", ruft Kalil Reza. Und dann auf Deutsch: "Ratten, überall Ratten." Der 47-jährige Iraker sitzt in einem Container eines Flüchtlingscamps in Wilhelmsburg und beschreibt die Zustände, unter denen er hier mit seiner Familie lebt. Eine Anklage. Die Ratten machen dem Mann am meisten Angst. "Sie bringen Krankheiten", sagt Reza. Seine Kinder seien jetzt schon gesundheitlich angeschlagen.

Es ist eine gewisse Ruhe eingekehrt in die Hamburger Flüchtlingsdebatte, vor allem, weil die Zuwanderungszahlen seit Monaten konstant niedrig sind. Nur 304 Menschen mussten im Juli in der Stadt neu untergebracht werden, die niedrigste Zahl seit Jahresbeginn.

Dennoch gibt es immer wieder Beschwerden über die Unterkünfte, über unwürdige Bedingungen. Das ist auf den ersten Blick verwunderlich: Müsste es nicht mehr Spielraum geben, jetzt, da weniger Flüchtlinge kommen und immer mehr Menschen aus den Erstaufnahmecamps in die besseren Folgeunterkünfte umziehen können?

Kalil Reza wohnt mit seiner Frau und den drei Kindern in einem Container, der vom Umfang her kaum größer ist als zwei Tischtennisplatten. Wenn Besucher kommen, richtet seine Frau eilig etwas Gebäck auf einem Hocker her, stellt die beiden einzigen Stühle bereit. Die Hälfte des Raums ist mit zwei Betten belegt, an der Wand stehen drei Spinde aus Metall. Überall im Raum sind Taschen verteilt, in den Ecken lagert Essen. Es ist feucht und riecht nach Schweiß.

Eine fünfköpfige Familie in einem Container: In einer Erstaufnahmeeinrichtung, in der Flüchtlinge eigentlich nur sechs Monate lang leben sollten, ist eine solche Belegung nicht ungewöhnlich. Reza jedoch ist einer von immer noch rund 10.000 sogenannten Überresidenten, die längst in eine der weniger beengten Folgeunterkünfte hätten umziehen sollen. Seit rund zehn Monaten lebt der Ingenieur aus Bagdad bereits in verschiedenen Erstaufnahmeunterkünften des Landes, bis vor einem Monat sogar in einem Provisorium in einem ehemaligen Baumarkt beim Flughafen.

Aus Rezas Sicht war der Umzug aus dem Baumarkt kein Fortschritt. In dem Container in Wilhelmsburg, sagt er, halte seine Familie es nicht länger aus.

Da sei die Sache mit den Ratten, die in der Dämmerung über die Flure huschten, Nachts höre man ihr Scharren. Reza springt auf und holt seinen Nachbarn herein. Der Mann berichtet, dass eine Ratte in seinen Container gelaufen sei, als die Kinder schliefen. Die Container seien zudem von Insekten befallen: In den Matratzen steckten Wanzen, an den Wänden krabbelten Käfer entlang und Kakerlaken. Er habe das der Campleitung mehrmals gemeldet, sagt Reza. Die Reaktion sei immer: Wir können nichts machen, das sind die Bedingungen hier.

Das größte Problem, erzählen Reza und andere Bewohner, sei der Umgangston der Security-Mitarbeiter. Die Männer und Frauen würden die Bewohner des Camps wie Untergebene behandeln, sie oft rüde zurechtweisen. Es sei etwa verboten, Essen aus dem Speisesaal mitzunehmen, selbst, wenn die Kinder krank im Bett lägen. Wenn es doch jemand probiere, gebe es großen Ärger. Seine Frau fürchte sich regelrecht vor einigen der Mitarbeiter, sagt Reza, der eigentlich anders heißt und dessen Frau aus Angst vor Nachteilen darum bat, den echten Namen der Familie nicht zu nennen.