Die Briten, sinnierte 1883 der Cambridge-Historiker John Seeley in einem endlos zitierten Satz, hätten "die halbe Welt in einem Anfall von Geistesabwesenheit erobert" – Empire als Zufall. Und das Deutsche Reich des Guten, das Angela Merkel vor Jahresfrist unter der Flagge "Wir schaffen das" ausgerufen hatte? Mit der Parole: "Die Welt sieht Deutschland als Land der Hoffnung und Chancen." So wie die Freiheitsstatue proklamiert: "Gebt mir eure Müden, Armen, geknechteten Massen."

Mit britischem Understatement notierte der Economist damals: "bemerkenswert". Auf Facebook tobten die Fans. "Mama Merkel, Mutter der Ausgestoßenen". Die Washington Post jubelte: "ein heller Fleck in einer trostlosen Landschaft". Deutschland als moralische Großmacht, als Land der offenen Herzen und Türen. Wer sich an das Mirakel des Mitgefühls, an das unerschöpfliche Bürgerengagement und an die gewaltige Integrationsleistung erinnert, wird diese Sicht sogar mit einem Quäntchen Stolz bejahen.

Ein Rückblick auf den September 2015. Eroberten Wunsch und Wille damals ihr Reich des Guten? Die Recherchen der ZEIT (Seite 2–9) ändern nichts an der unglaublichen humanitären Großtat, aber sie zeigen, wie reale Politik tatsächlich funktioniert. Wie beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs, den keiner der "Schlafwandler" wirklich wollte, jedenfalls nicht so, wie er 1918 ausging – mit Europa in Trümmern. Die Schuldigen auch heute: eine überbordende Krise, unmenschlicher Druck, betrogene Hoffnungen, Fehlkalkül, Bürokratengerangel, Inkompetenz, schließlich der "Faktor Mensch". Damals: Millionen im Rausch des Nationalismus. Diesmal: Tausende von Flüchtlingen, die in Budapest gefangen waren und dann wie die Kinder Israels selber loszogen; ihr Schilfmeer war die österreichische Grenze.

Wie reagieren Politiker, die zwischen Moral und Möglichkeit zerrieben werden? Sie versuchen, ihren Kuchen zu essen und zu behalten. Angela Merkel hat ihr "Wir schaffen das!" nie revoziert; das Tor blieb offen. Doch kräftig schrumpft seit Jahresbeginn die Zahl der Asylsuchenden. Im Januar waren es 91.000, im Juni knapp 20.000. Denn die Balkanroute bleibt zu, nachdem von Mazedonien bis Österreich nicht mehr durchgewinkt wird.

Nicht "wir", sondern "die" schaffen das, vor allem die Türkei, die ihre Grenze nach Griechenland dichtgemacht und 2,7 Millionen Flüchtlinge aus Nahost aufgenommen hat. Milliarden fließen in Erdoğans Sultanat sowie nach Jordanien mit 1,3 Millionen Menschen, um den "Drang nach Westen" zu bremsen. Unsere eigenen Grenzen bleiben offen, aber de facto haben wir die Sperren 3000 Kilometer weiter an die türkisch-syrische verlegt. Hinzu kommen immer mehr "sichere Herkunftsstaaten", die immer mehr Rückführungen legitimieren: von Bosnien bis Serbien, von Ghana bis Senegal. Maghreb-Staaten werden folgen.

Ein Schuft, wer sich Übles dabei denkt. Manche Medien glauben, Merkel gebe hartnäckig den Luther, doch hat sie längst das Moralische am Materiellen gemessen. Es gilt die Parole: "Wir werden die Zahl der Flüchtlinge spürbar begrenzen." Wenn sich die Ströme nicht auf die EU verteilen lassen, müssen sie eben zurückgestaut werden, je weiter weg, desto besser. Besser jedenfalls als "Festung Deutschland", die sich inmitten von neun Nachbarstaaten sowieso nicht halten ließe.