In Budapest campieren im September 2015 Tausende Menschen am Bahnhof Keleti. © Leonhard Foeger /​ Reuters

Samstag, 5. September 2015

00.01 Uhr, Budapest, Ostbahnhof

Langsam fährt ein Bus auf den Vorplatz des Ostbahnhofs. Auf seiner Anzeigetafel steht kein Zielort, nur "Sonderfahrt".

Kurz nach Mitternacht, Nickelsdorf

Die Einsatzleitung in Wien meldet sich bei Leutnant Schreiner. Eine größere Zahl von Flüchtlingen nähere sich dem österreichischen Bundesgebiet, Richtung Nickelsdorf. Schreiner und seine Leute sollen sich auf 60 Busse einstellen. Die Flüchtlinge würden nach dem Grenzübertritt von österreichischen Bussen abgeholt. Nähere Anweisungen gibt es nicht, auch keine Verstärkung.

Kurz nach Mitternacht, Berlin

Die gemeinsame Erklärung der drei Außenminister ist fast fertig. Merkel und Faymann haben schon entschieden, dass Faymann die Nachricht zuerst bekannt geben soll. Er ist näher dran. Die Nachricht soll auch per Facebook verbreitet werden, damit sie die Menschen auf der Autobahn erreicht. Auch das ist besprochen worden. Nun ringt nur noch Merkels stellvertretender Regierungssprecher Georg Streiter mit dem ungarischen Botschafter um letzte Feinheiten der Pressemeldung. Der Ungar dringt darauf, statt von "humanitärer Notlage" nur von "Notlage" zu sprechen. Es soll nicht der Eindruck entstehen, Ungarn sei mit der Unterbringung und Versorgung der Flüchtlinge überfordert. Das Wort "humanitär" wird gestrichen.

00.17 Uhr, Wien

Die österreichische Nachrichtenagentur APA meldet: "Österreich und Deutschland erlauben aus Ungarn kommenden Flüchtlingen die Weiterreise in ihre Länder. Das erklärte Bundeskanzler Werner Faymann am Freitagabend nach einem Gespräch mit dem ungarischen Premierminister Viktor Orbán. Die Entscheidung sei ›aufgrund der heutigen Notlage an der ungarischen Grenze‹ gefallen, hieß es seitens des Kanzleramtes." Liest man die Erklärung ganz, dann wird eines offenkundig: Merkel und Faymann beharren öffentlich darauf, dass Ungarn schon bald wieder alle Flüchtlinge registrieren, versorgen und vom Rest Europas fern halten werde.

Aber das erweist sich als großer Irrtum.

00.30 Uhr, Autobahn M 1 bei Budapest

Die von Mohammad Zatareih angeführten Flüchtlinge kampieren unweit der Autobahn, nur wenige können schlafen, es ist mittlerweile sehr kalt. Plötzlich rollen vier Busse heran, ebenfalls mit den Schildern "Sonderfahrt". Die Flüchtlinge springen auf, erregt, durcheinander. Viele sind skeptisch. Ist das eine Falle? Zatareih bittet mehrere Journalisten, ihn zu den Busfahrern zu begleiten. Ja, sagen die, es gehe an die Grenze, das sei ihre Anweisung. Nach kurzem Hin und Her beschließen die Flüchtlinge, einen Bus vorzuschicken, in dem auch Journalisten mitfahren. Sobald das Vorauskommando die Grenze erreicht, soll es ein Signal an die anderen geben. Da taucht Achmed auf, ihm ist das alles suspekt, es gibt Streit zwischen ihm und Zatareih. Es ist der kritischste Augenblick des Marsches.

Für einen kurzen Moment hängt alles von diesen beiden ab: das Schicksal des Marsches. Orbáns Schachzug. Vielleicht sogar Merkels Flüchtlingspolitik. Hätte sich Achmed durchgesetzt, wären die Flüchtlinge nicht in die Busse gestiegen, wer weiß, wie die Nacht dann verlaufen wäre?

Aber Mohammad Zatareih gewinnt die Oberhand. Ein erster Bus wird vorgeschickt.

00.39 Uhr, Budapest, Ostbahnhof

Weitere Busse fahren am Ostbahnhof in Budapest vor, Jubel brandet auf. Lächelnd besteigen die Menschen, die seit Tagen ausgeharrt haben, die Busse Richtung Westen. Der Chef der Budapester Malteser ruft den Flüchtlingen zu: "Die Regierung garantiert den Transport nach Hegyeshalom, es gibt keine Tricks, ihr werdet nicht ins Lager gefahren." Wie viele Flüchtlinge genau aufbrechen, ist unklar. Es gibt keine Zählung, keine Listen.

1.00 Uhr, Wien, Grillgasse 48, ÖBB-Zentrale

Die Konzernzentrale der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) ist das höchste Gebäude am Wiener Hauptbahnhof, 24 Stockwerke, ein Büroturm mit geschwungener Glasfassade.

Von seinem Büro aus sieht Christian Kern, der Vorstandschef der ÖBB, die Lichter der Stadt unter sich. Knapp vier Kilometer Luftlinie sind es von hier bis zum Westbahnhof. Kern weiß noch nicht, dass ihn die Ereignisse dieser Nacht in ein anderes Amt spülen werden, dass er acht Monate später österreichischer Bundeskanzler sein wird. Alles, was er in diesem Moment weiß, ist: Er muss seinen Leute helfen, die Flüchtlinge, die an die österreichische Grenze strömen, in Züge zu bekommen.

Es ist eine Entscheidung von Minuten, es gibt keinen Generalstabsplan. Die ÖBB will Busse an die Grenze nach Nickelsdorf schicken, um die Flüchtlinge an den Wiener Westbahnhof zu bekommen. Von dort aus soll die Reise für einen Teil der Flüchtlinge in Zügen weitergehen – nach Salzburg und dann nach München, nach Deutschland.

Kern telefoniert mit Rüdiger Grube, dem Chef der Deutschen Bahn.

2.56 Uhr, Autobahn M 1

Endlich ruft ein Flüchtling aus dem vorgeschickten Bus bei den Wartenden an der Autobahn an. Das Gespräch wird über den Lautsprecher eines Polizeiwagens für die Umstehenden übertragen:

"Wo seid ihr?"

"Kurz vor der österreichischen Grenze!"

Jubel. Tränen fließen. Die Leute drängen in die Busse. Mohammad Zatareih sucht das umliegende Gebüsch ab, damit niemand den Abmarsch verschläft.

Ein ungarischer Helfer steigt in jeden der Busse und ruft den Menschen zu: "Ladies and Gentlemen, sorry für die Unannehmlichkeiten in Ungarn, jetzt wünschen wir eine gute Reise nach Österreich. Bis bald in Deutschland." Wieder Jubel. Die Busse fahren los.

Kurz vor 4 Uhr, Grenzübergang Nickelsdorf

Die ersten Flüchtlingsbusse erreichen die österreichische Grenze. Die Menschen müssen auf ungarischem Gebiet aussteigen und dann zu Fuß die Grenze passieren. Es regnet. Leutnant Manfred Schreiner denkt: "Wie eine Szene in einem schlechten Film." Er spürt Mitleid, denkt an seine eigenen Kinder. Die Menschen sind erschöpft, apathisch. Viele tragen nur Flipflops. Sie frieren, haben Hunger. Einige steigen aus dem Bus, zeigen den Mittelfinger, rufen: "Fuck Hungary."

Gegen 4 Uhr, Wien

Faymann telefoniert noch einmal mit Merkel. Es sind mehr Flüchtlinge gekommen als erwartet. Er hat große Sorge, mit dem Problem alleingelassen zu werden, er fürchtet, Deutschland könne doch noch seine Grenzen schließen. Merkel versichert Faymann aber, sie bleibe dabei, Flüchtlinge zu übernehmen. Anschließend versucht Faymann, auch Orbán anzurufen, der ungarische Ministerpräsident aber hat sein Handy abgeschaltet.

Gegen 4 Uhr, München, DB-Betriebszentrale

In der Betriebszentrale der Deutschen Bahn in München sitzen die Mitarbeiter vor großen Monitoren, das Licht ist gedimmt, damit man die bunten Linien und Zahlen auf den Bildschirmen besser sehen kann. Jede Linie stellt einen Kilometer Bahnstrecke dar, jede Zahl steht für einen Zug. Von hier aus wird das Streckennetz der Bahn im Süden des Landes überwacht, insgesamt 5.900 Kilometer, rund 11.000 Züge am Tag. Jetzt aber geht es um Züge, die in keinem Fahrplan stehen, um Sonderzüge für die Flüchtlinge. Lokführer werden aus dem Schlaf geklingelt, Zugbegleiter herbeitelefoniert.

5 Uhr, Grenzübergang Nickelsdorf

Im Morgengrauen kommen immer mehr Flüchtlinge am Grenzübergang an. Nur mit Mühe gelingt es Schreiners Beamten, sie von der Autobahn fernzuhalten, manche wollen gleich zu Fuß weitermarschieren Richtung Wien. Immer wieder drängeln sich junge Männer vor, schubsen Kinder und Alte beiseite. Wie auf einem Schiff, das untergeht, denkt Schreiner, manche kämpfen nur für sich. Für Passkontrollen, für irgendwelche Registrierungen hat niemand Zeit. Die Polizisten winken die Ankommenden einfach durch, versuchen nur Unfälle und Schlägereien zu verhindern.

Bei Tagesanbruch kommt endlich Verstärkung aus dem Burgenland und aus Wien. Der Parkplatz an der Grenze füllt sich mit Helfern, eine Karawane von österreichischen Bussen steht bereit, die Flüchtlinge fortzubringen. In Nickelsdorf will niemand bleiben. Viele wissen gar nicht, was Österreich ist, viele rufen nur: "Germany!"

Und der Strom der Flüchtlinge reißt nicht ab. Regelmäßig geht Schreiner hinauf in den ersten Stock, in den Besprechungsraum der Polizeiinspektion, von dem aus man einen weiten Blick über die Grenze hat. Was er sieht, ist wie ein Standbild: Wann immer er hinausschaut, ist die Lkw-Spur voller Menschen. Irgendwann kommt ihm der Gedanke: Das ist jetzt ein historischer Moment.

7 Uhr, München, Jugendamt

Wie an jedem Morgen in diesen Tagen tritt der Krisenstab der Stadt München im Jugendamt zusammen, nur ein paar Schritte vom Hauptbahnhof entfernt. Den Vorsitz hat Christoph Hillenbrand, der Regierungspräsident von Oberbayern. Zwei Dutzend Leute sitzen im Raum, Vertreter der Stadt, der Polizei, freiwillige Helfer. Auch SPD-Oberbürgermeister Dieter Reiter ist dabei. Dass die Flüchtlinge kommen, ist bislang nur ein Gerücht, eine offizielle Information aus Berlin gibt es dazu nicht. "Ich hab gehört, dass die Kanzlerin entschieden hat, die Grenzen zu öffnen", sagt ein Ministerialbeamter. Das ist alles. Was das heißt, mit wie vielen zusätzlichen Flüchtlingen München heute rechnen muss, ist völlig unklar. Sicher ist nur, dass auf alle Beteiligten viel Arbeit zukommt. "Ich schlafe jeden Tag nur drei Stunden," sagt Christoph Hillenbrand. "Und das erwarte ich von Ihnen auch."

Gegen 8 Uhr, Schamhaupten bei Ingolstadt

Horst Seehofer ruft die Bundeskanzlerin an. Er habe, sagt er, eben erst festgestellt, dass Merkel abends versucht habe, ihn zu erreichen. Die Kanzlerin erklärt ihm, sie habe in Absprache mit Faymann entschieden, den Flüchtlingen aus Ungarn die Einreise nach Deutschland zu gestatten, sie sagt, was sie von nun an immer wieder sagen wird: Es sei dies eine humanitäre Ausnahmeentscheidung gewesen. Sie habe befürchtet, die ungarische Polizei, womöglich sogar das ungarische Militär könne auf die Flüchtlinge losgehen.

Seehofer antwortet: "Angela, das wird problematisch, wir werden den Pfropfen nicht mehr zurück in die Flasche bekommen." Die beiden reden sachlich miteinander, sie streiten nicht. Merkel sagt, sie sei betrübt über Seehofers Haltung, mehr nicht. Die Kanzlerin teilt ihre Entscheidung mit, sie diskutiert sie nicht mehr.

Die Entzweiung von CDU und CSU, der Zwist zwischen Merkel und Seehofer, wird in diesem Moment endgültig. Es ist der erste Kollateralschaden der Flüchtlingsentscheidung. Weitere werden folgen.

Kurz nach 8 Uhr, Luxemburg

Frank-Walter Steinmeier lässt sich mit seinen Beratern im Auswärtigen Amt zu einer Telefonschalte verbinden. Es gibt nur ein Thema: die Entscheidung der vergangenen Nacht, die Steinmeier mitgetragen hat. Seine Beamten sind skeptisch. Sie kennen die internen Berichte der deutschen Botschaften im Nahen Osten und in Zentralasien und ahnen, welch enorme Hoffnungen die Entscheidung bei den Menschen dort auslösen wird: Noch mehr werden sich auf den Weg machen.

8.45 Uhr, München, DB-Betriebszentrale

Noch immer ist nicht klar, wie viele genau in München ankommen werden. Aber ganz gleich wie viele: Irgendwie müssen sie weitertransportiert werden. "Wir warten noch auf weitere Informationen der ÖBB", mailt der Krisenstab der Deutschen Bahn an den Vorstand. "Mehrere Tausend Flüchtlinge an einem Tag wird kritisch. Zu beachten ist noch, dass am Standort München eine Weiterreise zu vielen Aufnahmelagern nach 16 Uhr nicht mehr durchgängig möglich ist. Hier werden wir vermutlich über Nacht viele Flüchtlinge im Münchener Bahnhof haben, die erst morgen früh weiterreisen können."

9 Uhr, Evian

Vom Genfer See aus lässt Peter Altmaier über das Lagezentrum im Kanzleramt eine Telefonkonferenz mit den Chefs der Staatskanzleien der 16 Bundesländer organisieren. Er teilt ihnen mit, was die Kanzlerin in der Nacht entschieden hat. Und fordert sie auf, bei der Unterbringung der Flüchtlinge zu helfen. Manche Teilnehmer fühlen sich überrumpelt, reagieren genervt. Einer fragt: Mit wie vielen Flüchtlingen ist zu rechnen? Niemand weiß das. Merkel hatte in der Nacht von 7.000 Menschen gesprochen. Einer stellt die Frage: Was, wenn es 15.000 sind? Keiner hat eine Antwort. Nichts ist vorbereitet, es gibt keine Erfahrungswerte. Niemand hat so etwas schon erlebt.

9.33 Uhr, München, DB-Betriebszentrale

"Kurze Info, das geht schneller als erwartet", mailt der Krisenstab an den Vorstand: "Wir übernehmen um 11 Uhr ab Salzburg von der ÖBB einen Sonderzug mit Flüchtlingen, der ohne Halt bis München geführt wird und dort im zunächst abgetrennten Bahnhofsteil ankommt. Dort erfolgt die Ausgabe von Reisegutscheinen und Weiterfahrt mit Regelzügen."

10 Uhr, Paris, Élysée-Palast

Im Büro von Philippe Léglise-Costa, dem Europa-Berater von Präsident François Hollande, klingelt das Telefon. Am Apparat ist Uwe Corsepius, der Europa-Berater von Angela Merkel. Corsepius schildert dem Franzosen die Ereignisse der vergangenen Nacht – und übermittelt eine Bitte der Kanzlerin an Hollande: ob Frankreich rund 1.000 Flüchtlinge aufnehmen könne, die jetzt aus Ungarn erwartet werden?

10.30 Uhr, München, DB-Betriebszentrale

Man braucht noch mehr Züge, noch mehr Personal. Die normalen Züge zwischen Österreich und Deutschland sind überfüllt, es müssen weitere Sonderzüge her. Und es muss Essen für die Flüchtlinge her, viel Essen. Seit dem frühen Morgen schaffen die Mitarbeiter alles heran, was die Bahn in ihren Lagern hat. Am Anfang hat man den Flüchtlingen noch die üblichen Vollkornschnitten mit Schinken angeboten, jetzt werden nur noch Kartons mit Putenbrustsandwiches in die Züge gepackt. Das Wichtigste aber ist: Alle Züge fahren.

"Wir rechnen mit 3.000 bis 5.000 Flüchtlingen heute", mailt der Krisenstab an den DB-Vorstand. "Gegebenenfalls fahren wir – wenn es sinnvoll ist – in Abstimmung mit der Bundespolizei einzelne Sonderzüge am Abend."

11.16 Uhr, Grenzübergang Hegyeshalom

Regierungssprecher Zoltan Kovacs verkündet am Grenzübergang Hegyeshalom: "Ungarn wird keine weiteren Bustransporte von Flüchtlingen an die österreichische Grenze organisieren." Nur: Es kommt überhaupt nicht mehr darauf an, ob Ungarn Busse organisiert oder nicht. Die Flüchtlinge haben begonnen, sich selbst zu organisieren.

11.21 Uhr, Wien

Die österreichische Nachrichtenagentur APA zitiert den FPÖ-Abgeordneten Christian Hafenecker mit den Worten: "In unserem Land befinden sich Tausende Menschen, von denen weder bekannt ist, wer sie sind, woher sie kommen noch was ihr Fluchtgrund ist. Dabei droht die Terrormiliz ›Islamischer Staat‹ immer wieder, Kämpfer in der Masse der Flüchtlinge nach Europa zu schleusen."

11.40 Uhr, Wien, Westbahnhof

Per Mail meldet sich der österreichische Bahn-Krisenstab bei den deutschen Kollegen: "Derzeit werden nicht mehr zu bewältigende Reisendenströme zu den Wiener Bahnhöfen Wien Hbf und Wien Westbf gemeldet. Die Lage wird verschärft durch Busse, welche direkt den Wiener Westbf mit hohen Reisendenzahlen anfahren. Am Wiener Hbf kommen Private mit Flüchtlingen an."

Tatsächlich landen am Westbahnhof nicht nur jene Flüchtlinge, die von der ÖBB direkt von der Grenze geholt wurden. Hunderte Syrer, Afghanen, Iraker oder Somalis kommen in den Autos privater Helfer an, von überallher strömen Menschen in den Bahnhof, wollen in die Züge nach Deutschland. Hinterher wird in Berlin spekuliert, auch Österreich habe in dieser Nacht versucht, seine Flüchtlinge nach Deutschland zu schaffen.

12.30 Uhr, Paris, Élysée-Palast

Wie an jeden Samstag empfängt der französische Staatspräsident seine wichtigsten Berater zum Mittagessen. Léglise-Costa trägt die Wünsche der Kanzlerin vor. Hollande zögert keinen Augenblick, aber der Präsident sagt auch: Am Ende kann nur eine gemeinsame europäische Lösung Erfolg haben. Da eine gemeinsame europäische Lösung jedoch utopisch ist, wie Hollande ganz genau weiß, heißt das faktisch: Mehr als symbolische Unterstützung für Merkel wird es nicht geben. Und es wird die einzige Hilfszusage bleiben, die Merkel von einem Verbündeten bekommt. Den ganzen Tag lang telefoniert sie von zu Hause aus mit den Regierungschefs Europas. Und erhält eine Absage nach der anderen.

12.55 Uhr, München, DB-Betriebszentrale

"Lage spitzt sich zu", mailt der Krisenstab der Bahn an den Vorstand, "wir klären gerade, ob der zweite Sonderzug nach München geht oder direkt ab Salzburg geführt wird. Vermutlich müssen wir aus Sicherheitsgründen den Zug in München tauschen."

Gegen 13 Uhr, München, Hauptbahnhof

Die ersten 400 Flüchtlinge aus Ungarn erreichen den Münchner Hauptbahnhof. Zwischen Absperrgittern werden sie zur Sammelstelle geleitet, wo die Helfer ihnen Wasser, Kekse und den Kindern Kuscheltiere reichen. Am Rand der Absperrgitter sammeln sich Schaulustige, ein paar fangen an zu klatschen, erst zaghaft, dann immer heftiger. Ein Passant stimmt die Deutschlandhymne an. Die Flüchtlinge schauen irritiert, doch bald lächeln die ersten, winken zurück, das Klatschen und Jubeln wird immer lauter.

14.30 Uhr, Schnellstraße Evian – Genf

Kanzleramtschef Peter Altmaier ist auf dem Rückweg von Evian nach Berlin. Unterwegs telefoniert er mit Merkel. Beide sind sich einig, dass es ein kurzes Fernsehstatement geben muss. Aber die Kanzlerin selbst will sich nicht äußern. Kurz ist im Kanzleramt ein Merkel-Auftritt erwogen worden, wie damals bei der Erklärung mit Steinbrück, das Geld der Deutschen sei sicher. Aber dann wird die Idee verworfen. Zu dramatisch. Merkel schickt lieber ihre Leute vor. De Maizière ist immer noch krank zu Hause, also soll Altmaier das machen. Die beiden sprechen den Inhalt des Statements ab.

Die Betonung soll auf dem Wort "Ausnahme" liegen. "Ausnahme", das ist das Wort, das von nun an immer wieder fallen wird. In den Pressemitteilungen der Bundesregierung; in den Auskünften von Merkels Sprecher Seibert; in den Statements von Altmaier. Es ist das Wort, an dem sich jetzt alle festklammern. Später wird es im Kanzleramt heißen, von "Ausnahme" zu reden, sei eine "bewusste Unschärfe" gewesen.

Das Wort, das hingegen niemals fällt, das peinlich gemieden wird, dieses Wort ist "einmalig". Niemand sagt, es sei eine einmalige Rettungsaktion. Aber das Schöne an dem Wort "Ausnahme" ist, dass es ein wenig wie "einmalig" klingt. Eine Ausnahme ist etwas Seltenes, etwas, was nicht oft vorkommt. Das vielleicht bald wieder vorbeigeht. Das macht es so attraktiv in diesen Stunden.

Und "Ausnahme" ist ja auch nicht falsch, es ist keine Lüge. Denn es lässt sich juristisch argumentieren, dass die Registrierung der Flüchtlinge im Erstaufnahmeland weiter die Regel bleibe und die Einreise der Ungarn-Flüchtlinge nach Deutschland eben eine Ausnahme. Nur: Was genau ist eigentlich eine Ausnahme, wenn die Regel nicht mehr gilt?

15 Uhr, Flughafen Genf

Das ARD-Studio Genf hat ein Team geschickt, es wird ein Statement von Altmaier aufgezeichnet, für die Tagesschau. Er sagt, die Bundesregierung sei im Gespräch mit Ungarn und der EU, "damit dieser Fall sich nicht täglich wiederholt".

16 Uhr, München, Hauptbahnhof

Oberbürgermeister Reiter steht in der Halle des Bahnhofs, hinter ihm hängt ein Poster mit selbst gemalten Buchstaben: "Welcome to Munich". Noch ist Reiter zuversichtlich, dass seine Stadt die Herausforderung meistern wird. "Wir haben entsprechende Hallenkapazitäten, wir haben Unterstützung, wir haben unglaublich viele ehrenamtliche Helfer", sagt Reiter in eine Fernsehkamera. Nach dem Interview geht er über den Bahnsteig, ein Junge kommt auf ihn zu. "Hello, how are you?", fragt Reiter. "Hello, how are you?" , antwortet der Junge. Und Reiter sagt zu den umstehenden Journalisten: "Wenn man die glücklichen Gesichter sieht, weiß man, dass wir richtig handeln."

Gegen 18 Uhr, Berlin

Erstmals seit der Entscheidung, die Flüchtlinge zu holen, telefoniert Merkel mit Orbán. Es ist kein langes Gespräch. Der Ton ist nicht scharf. Die beiden bestätigen sich gegenseitig, dass die Aktion aus der Nacht eine Ausnahme bleiben soll. Viel mehr haben sie sich nicht zu sagen.

18 Uhr, München

Horst Seehofer lässt das Parteipräsidium der CSU zu einer Telefonkonferenz zusammenschalten. Einziges Thema: die Entscheidung der Kanzlerin. Die Linie der CSU ist klar: Die Entscheidung war falsch. Mehrere Präsidiumsmitglieder warnen vor einer "zusätzlichen Sog-Wirkung".

18.14 Uhr, München, DB-Betriebszentrale

"Aktuell noch beherrschbare Zustände im Bahnhof München", mailt der Krisenstab der Bahn an den Vorstand, "aber noch mehrere Züge im Zulauf. Wir werden in Abstimmung mit den Behörden in der Nacht Sonderzüge ab München fahren."

20.20 Uhr, Berlin, Flughafen Tegel

Als Peter Altmaier landet, wartet bereits ein Ü-Wagen auf ihn. Er wird in den ARD-Brennpunkt Flüchtlinge – Deutschland schaut hin! geschaltet. 20 Stunden nach der Entscheidung stellt sich erstmals ein Regierungsmitglied öffentlich den Fragen zur Aufnahme der Ungarn-Flüchtlinge.

Altmaier sagt, was er jetzt immer wieder sagen wird. "Wenn Not ist, muss geholfen werden", die Situation solle "eine Ausnahme gewesen sein".

Brennpunkt-Moderator Stefan Scheider fragt: "Herr Altmaier, was passiert, wenn die Not morgen weitergeht?"

Altmaiers Antwort bleibt vage. Er sagt, Deutschland habe schon viele Flüchtlinge aufgenommen, es werde weiter Flüchtlinge aufnehmen, die Willkommenskultur sei groß im Land.