Wiedersehen am Hauptbahnhof München: Eine Familie aus dem syrischen Kobane findet sich wieder. © Sean Gallup/​Getty Images

Sonntag, 6. September 2015

7 Uhr, München, Jugendamt

Erste Sitzung des Krisenstabs. Bilanz des Vortags: 6780 Flüchtlinge sind am Samstag allein am Münchner Hauptbahnhof angekommen. Alle sollen ärztlich untersucht werden, einige haben Schusswunden. Aber manche Flüchtlinge tauchen einfach ab, versuchen sich auf eigene Faust durchzuschlagen. Eine ordentliche Registrierung der Flüchtlinge findet nicht mehr statt. Wie viele es heute werden, weiß niemand. Die Bundespolizei liefert keine verlässlichen Zahlen, von der Bundesregierung kommen keine Informationen. "Existiert Berlin überhaupt?", fragt ein hoher Beamter der Stadtverwaltung in die Runde.

Die Schlagzeile der Bild am Sonntag lautet an diesem Morgen: "Sie dürfen zu uns – Merkel beendet die Schande von Budapest".

12 Uhr, München, Hauptbahnhof

Pressebriefing von Oberbürgermeister Reiter. Am Hauptbahnhof treffen immer mehr Züge mit Flüchtlingen ein. "Es ist die uneingeschränkte Solidarität aller Bundesländer gefragt", sagt Reiter. "Diese Unterstützung erwarte ich." Auf die Frage, wann München denn "am Limit" sei, antwortet er: "Letzte Woche dachten wir noch, 3000 Personen überfordern uns, jetzt kamen fast 10 000 Leute an einem Tag. Wir beschäftigen uns also am besten nicht mit den Zahlen, sondern mit der Frage, wie wir die Leute am besten in ganz Deutschland verteilen können."

14.55 Uhr, Rott am Inn, Oberbayern

In der Pfarrkirche feiert die CSU einen Gedenkgottesdienst zum 100. Geburtstag von Franz Josef Strauß. Viel Salbung, viel Folklore, viel Bayern. Beim anschließenden Empfang jedoch wird Horst Seehofer ganz unsentimental. Er nennt Merkels Entscheidung aus der Nacht zum Samstag ein "völlig falsches Signal". Und wettert: "Wir können auf Dauer bei 28 Mitgliedstaaten in der Europäischen Union beinahe nicht sämtliche Flüchtlinge aufnehmen, die aus allen Ländern dieser Welt kommen, liebe Freunde. Das hält auf Dauer keine Gesellschaft aus."

17.30 Uhr, Berlin, Bundeskanzleramt

Kanzleramtschef Altmaier stellt sich in der Lobby des Kanzleramts vor eine Kamera von Berlin direkt, um ein Interview mit Bettina Schausten aufzuzeichnen, das um 19.10 Uhr ausgestrahlt werden wird. Wieder spricht Altmaier von den "humanitären Verpflichtungen" Deutschlands, von der "großen Not" der Flüchtlinge in Ungarn, von der Einhaltung des europäischen Rechts.

Schausten bohrt nach. "Die Entscheidung vom Wochenende soll eine Ausnahme in einem Notfall gewesen sein", sagt sie, "aber für die Tausenden, die jetzt in Ungarn sind, ist die Lage ja auch ein Notfall. Können, müssen da nicht sogar weitere Ausnahmen nötig werden?"

Altmaier antwortet, der Notfall habe sich daraus ergeben, dass die ungarische Regierung die Kontrolle verloren habe, dass sich Tausende Flüchtlinge selbst auf den Weg gemacht hätten, über Bahngleise und Autobahnen.

Schausten ist hartnäckig. Das beantworte nicht ihre Frage: "Kann es noch einmal zu einer Ausnahme kommen?"

Altmaier weicht aus: "Es hat wenig Sinn zu spekulieren."

Das Wort von der "Ausnahme", sagt später einer aus dem engsten Zirkel im Kanzleramt, habe auch der "Selbstberuhigung" gedient.

19 Uhr, Berlin, Bundeskanzleramt

Im achten Stock des Kanzleramts, eine Etage über Merkels Büro, kommen die wichtigsten Politiker der Regierungskoalition zusammen. Das Treffen des Koalitionsausschusses ist lange geplant, es soll vor allem um verwaltungstechnische Fragen zur Bewältigung der Flüchtlingskrise gehen: Wie viel Geld stellt der Bund zusätzlich zur Verfügung? Wie können die Flüchtlinge untergebracht werden? Man will einen Bund-Länder-Gipfel vorbereiten, der am 24. September stattfinden soll.

Als die Sitzung beginnt, meldet sich Seehofer und sagt: Ich habe mich vor diesem Treffen mit der Kanzlerin ausgetauscht. Ich bin der Meinung, dass die Ungarn-Entscheidung ein Fehler war. Die Kanzlerin und ich sind aber darin einig, dass es eine Ausnahme bleiben soll.

Ja, stimmt ihm Altmaier zu, es sei eine Ausnahme. Allerdings müsse man vielleicht genauer definieren, was eine Ausnahme sei.

Keinem der Teilnehmer ist klar, dass von nun an jeden Tag 6000 bis 8000 Flüchtlinge kommen werden. Merkel setzt darauf, dass die EU bald sogenannte Hotspots – also von der EU betriebene Lager in Italien, Griechenland oder Ungarn – einrichten werde, in denen die Flüchtlinge erst einmal bleiben. "Vor allem brauchen wir auch innereuropäische Solidarität und eine gemeinsame Asyl- und Flüchtlingspolitik der Europäischen Union", steht im Protokoll des Koalitionsausschusses, das der ZEIT vorliegt.

Deshalb sind auch Grenzkontrollen an diesem Abend kein Thema. Merkel setzt auf eine Kooperation der EU-Partner, die es schon lange nicht mehr gibt – und die es auch nicht mehr geben wird.

19.30 Uhr, Wien

Viktor Orbán trägt einen dunkelblauen Anzug und eine bronzefarbene Krawatte, als er in der Hauptnachrichtensendung des ORF seine Sicht des Wochenendes darstellt. Derselbe Orbán, der am Freitagabend Merkel und Faymann faktisch gezwungen hat, die Grenzen zu öffnen, sagt nun: Österreich und Deutschland müssten ihre Grenzen schließen. Beide Länder sollten "klar sagen", dass keine weiteren Flüchtlinge mehr aufgenommen werden, sonst würden weiterhin "mehrere Millionen" Menschen nach Europa kommen.

Gegen 22 Uhr, München, Jugendamt

Bilanz des Tages im Krisenstab: Am Sonntag haben fast 11 000 Flüchtlinge den Hauptbahnhof erreicht, am Wochenende insgesamt über 17 500. Vorherrschende Sorge: Wir halten das nur ein paar Tage durch. Und dabei sind schon am Sonntag Züge mit insgesamt mehreren Tausend Personen in andere Bundesländer weitergeleitet worden. Wie es morgen oder gar übermorgen in der Stadt weitergeht, ist völlig unklar. Noch immer bekommt der Münchner Stab von höheren Stellen keine Informationen, man sammelt Nachrichtensplitter über die Presse und soziale Netzwerke.

Unter den Flüchtlingen, die am 5. September in München ankommen, ist auch Mohammad Zatareih, der Anführer des Zuges über die Autobahn. Er wird bis Ende des Monats in München bleiben und dann weiter nach Zwickau reisen, wo er heute lebt.